Einreiseverbot für Russen "Die Ukrainer sind verrückt, die sperren uns aus"

Nach der Eskalation vor der Krim verkündet der ukrainische Präsident Poroschenko ein Einreiseverbot für russische Männer bis zu 60 Jahren. Was das für die Menschen bedeutet, zeigt ein Besuch in der Grenzregion.

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Aus Belgorod und Moskau berichtet


Drei Mal stand Anna schon am Gleis 1. Drei Mal wurde sie abgewiesen. Mit einem russischen Pass komme niemand mit, musste sich die 71-Jährige von den Zugbegleitern anhören. Der ukrainische Nachtzug vom Kursker Bahnhof in Moskau fuhr ohne sie in das etwa 740 Kilometer südlich gelegene Charkiw, Ukraine.

Doch Anna ist keine Frau, die sich einfach wegschicken lässt. Jedes Jahr fährt sie im Dezember zu ihrer inzwischen 80 Jahre alten Cousine, sie tauschen Geschenke aus, verbringen einige Tage zusammen. So ist die Familientradition.

Bisher hat Anna es immer irgendwie geschafft, diese Tradition zu bewahren, auch nach der Annexion der Krim durch Russland vor über vier Jahren und dem von Moskau finanzierten und unterstützten Krieg im Donbas, in dem inzwischen mehr als 10.000 Menschen getötet wurden. Und sie will es nun wieder schaffen - wenige Tage, nachdem vor der Halbinsel Krim russische Grenzschützer drei ukrainische Militärschiffe rammten und beschossen.

Versuch Nummer vier

Die resolute Dame steht wieder abends am Gleis 1. Alle hätten Angst, wollten bloß nichts falsch machen, sagt Anna. "Oben trifft einer eine Entscheidung, und unten wissen sie nicht, was sie machen sollen." Ihren vollen Namen will sie wie so viele lieber nicht nennen, aus Sorge vor Schwierigkeiten für ihre Familie.

Mit "oben" meint Anna den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Er hat nach Ausrufen des Kriegsrechts in zehn Grenzgebieten des Landes ein Einreiseverbot verhängt. Offiziell betrifft es nur russische Männer von 16 bis 60 Jahren. Die Regierung in Kiew will so verhindern, dass Moskau auf ihrem Boden "Privatarmeen" aufbaut.

"Unten" - das sind die ukrainischen Schaffner. Warum sie sich immer wieder geweigert haben, russische Frauen mitzunehmen, sagen sie nicht. Auf Nachfrage erklären sie, "nur Empfehlungen an Reisende" auszusprechen.

Dieses Mal lassen sie die zierliche Frau in den Waggon klettern. Anna will lesen, ein bisschen schlafen.

Der Zug fährt an. Bis zur Grenze dauert es mehr als zehn Stunden, mit gerade einmal sechs Waggons geht es Richtung Belgorod, der letzten russischen Stadt vor der Grenze. Die liegt knapp 40 Kilometer entfernt.

Bahnhof in Belgorod
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Bahnhof in Belgorod

Keine klaren Regeln

"Lassen die mich rein?", fragt ein älterer Herr mit grauem Haar und Fellmütze an der Busstation vor dem Belgoroder Bahnhof. "Sind sie über 60 Jahre alt? Dann ja", versucht der ukrainische Busfahrer zur beruhigen. "Da liege ich weit drüber", lächelt der Mann mit dem roten Pass.

Alle hier kennen die Nachrichten über Abgewiesene. Journalistinnen und Wissenschaftler, die Einladungen vorlegen konnten, aber auch ältere Männern und Frauen, die zu Beerdigungen und medizinischen Behandlungen wollten, entsprechende Papiere dabeihatten. Eigentlich sind das humanitäre Gründe, für die Ausnahmen gemacht werden. Aber in Zeiten der Eskalation scheinen Regeln nicht zu gelten, sie sind allenfalls eine Art Orientierungshilfe. Tatsächlich entscheidet der Einzelfall - und das schreckt viele ab, auch wenn es positive Ausnahmen gibt, wie Studenten von Charkiwer Hochschulen, die stundenlang von ukrainischen Grenzern befragt wurden und dann doch reindurften.

Vor allem Frauen steigen in den Bus, es sind wie in Annas Zug viele Ukrainerinnen mit ihren blauen Pässen. 14 Busse fahren täglich rüber nach Charkiw, viele der Plätze bleiben an diesem Tag leer.

Bus nach Charkiw
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Bus nach Charkiw

Wer nicht muss, der fährt nicht in die Ukraine

Auch die "Taxi-Mafia" hat kaum zu tun. So nennt Oleg die dunkel gekleideten Männer, die in der Schneekälte auf Fahrgäste zur Grenze warten. Wer nicht muss, der fährt nicht mehr in die Ukraine. Oleg, 50 Jahre, aus Kursk, muss. Seine Mutter habe einen Hirnschlag erlitten, erzählt er. Oleg weiß, dass die Chancen mit seinem roten russischen Pass schlecht stehen. Er war bei der Armee.

Dass Poroschenko das Kriegsrecht nun erst ausgerufen hat, findet Oleg zu spät, aber richtig. Damit ist er aber in der Minderheit, viele der Menschen hier schimpfen über den ukrainischen Staatschef, der sich vor der Präsidentenwahl Ende März profilieren wolle. Der sich - und das ist die Version, die das russische Staatsfernsehen gern präsentiert - von den Amerikanern steuern lasse. Lange schon geht es nicht mehr um die Gründe des Konflikts, die russischen Aggressionen. Wer Schuld habe? Viele winken ab. Sie sehen nur, was das alles für ihren Alltag bedeutet: "Die Ukrainer sind verrückt, die sperren uns aus", sagt ein Taxifahrer.

Auf die Eskalation von Kertsch angesprochen sagt Oleg: "Das war ein Vorfall. Schauen sie sich die Tausenden Vorfälle in Donezk und Luhansk an." Er meint die täglichen Schusswechsel, die Berichte über die Unterstützung Russlands für die Separatisten mit Waffen und Geld. "Russland ist so ein starkes Land, die Ukraine so schwach. Wie kann ein zivilisiertes Land einen schwachen Nachbarn attackieren? Wir sind doch Brüdervölker."

Riss durch die Region

Knapp die Hälfte der 1,5 Millionen Bewohner der Belgoroder Region, heißt es, haben Verwandte auf der ukrainischen Seite. Die von der Grenze 40 Kilometer entfernte Metropole Charkiw mit ihren 1,4 Millionen Einwohnern war lange der Bezugspunkt vieler Russen im Grenzgebiet. Man fuhr dorthin zum Einkaufen, ging aus, flog von Charkiw in den Urlaub. Belgorod nimmt zwar für sich in Anspruch, einen internationalen Flughafen zu haben, aber von den rund 15 Flügen am Tag gehen die meisten nach Moskau.

Andrej Majsak kennt die Geschichten von Russen, die nun am Charkiwer Flughafen landen und nicht einreisen dürfen. Artjom, 30 Jahre alt, kam nachts aus dem Ägyptenurlaub mit seiner Frau, beide hatten eine Einladung von deren ukrainischer Tante dabei. Die Ehefrau durfte einreisen, Artjom nicht. Er musste über Minsk nach Moskau und von dort aus nach Belgorod fliegen. Einen ganzen Tag war er unterwegs, 23.000 Rubel kostete ihn das, mehr als 300 Euro, in den russischen Regionen ist es mehr als ein Monatsgehalt. Seit Oktober 2015 dürfen ukrainische und russische Fluggesellschaften nicht mehr direkt von der Ukraine aus nach Russland fliegen.

Majsak, ein 37 Jahre alter Jurist, ist mit seiner Familie extra in ein Dorf bei Belgorod gezogen - wegen seines Sohnes. Der kleine Ort liegt nahe der vierspurigen M2, die nach Charkiw und weiter auf die

Andrej Majsak mit seinem Sohn
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Andrej Majsak mit seinem Sohn

Krim führt. Es ist nicht viel los um die Mittagszeit. Nur zwei Mal muss der Fahrer die Scheibenwischer bedienen, weil ein überholendes Fahrzeug Schneematsch auf seiner Frontscheibe hinterlassen hat. An der Grenze steht ein einzelner russischer Beamter an der Schranke, ab und an lässt er ein Auto passieren. Zwei Frauen ziehen Koffer durch den Schnee.

Verschärfte Bestimmungen

Früher habe man noch bis zu zwei Stunden am Grenzübergang warten müssen, erzählt Majsak. Er musste zuschauen, wie Kiew nach den Aggressionen Moskaus die Regeln für russische Bürger verschärfte:

  • Im April 2014 nach der Annexion der Krim verkündete der ukrainische Grenzschutz striktere Regeln für russische Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren. Sie wurden seitdem mehr oder weniger detailliert befragt, viele aber konnten die Grenze noch passieren.
  • 2015 verbot die Ukraine russischen Staatsbürgern die Einreise mit Personalausweis. Sie müssen nun einen Reisepass vorlegen.

Von einem "Riss" spricht Majsak, der schwer zu ertragen sei. Regelmäßig ist er früher nach Charkiw gefahren. Sein sechsjähriger Sohn Igor ist Autist. Er braucht alle drei Monate Therapien. Deswegen auch der Umzug. Im benachbarten Charkiw gibt es eine Spezialklinik. "Dort gibt es sehr gute Ärzte, die wir hier nicht haben", sagt Majsak.

Er müsste mit seinem Sohn nach Petersburg oder Moskau, um eine vergleichbare Versorgung seines Kindes zu garantieren. Das ist weit weg und dreimal teurer als in Charkiw, wo die einwöchige Behandlung schon rund tausend Euro kostet. Deshalb fährt nun seine Frau mit Igor in die Klinik. "Doch was ist, wenn sie einmal länger krank ist?", fragt Majsak.

Ukrainische Grenzsoldaten
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Ukrainische Grenzsoldaten

Reisen storniert

Er will nicht mehr in die Ukraine. "Keiner weiß, was passiert. Was, wenn ich da festgehalten werde? Ich habe doch Familie." Offiziell sollen bereits mehr als 1000 Russen abgewiesen worden sein, doch solche Zahlen sagen kaum etwas aus, wenn es nur noch wenige probieren. Viele haben ihre Reisen zu Neujahr in die Ukraine storniert.

Am 28. Dezember soll das Kriegsrecht enden. Dass es dann entspannter wird, glaubt Majsak nicht. "Frieden gibt es erst, wenn wir neue Präsidenten bekommen. Die Ukrainer haben bald Wahlen, die sind demokratisch, aber bei uns..."

Zumindest eine gute Nachricht gibt es an diesem Tag. Anna meldet sich per Telefon: Alles in Ordnung, sagt sie. Sie durfte nach einigen Diskussionen im Zug bleiben.

Sie hat es wieder einmal nach Charkiw geschafft.

Mitarbeit: Katja Kuznetsowa; Tatiana Sutkovaja

insgesamt 98 Beiträge
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Seite 1
spondabel 14.12.2018
1. Richtig so
Die Ukraine schafft, was die große EU nicht schafft. Putin die Stirn bieten und Grenzen aufzeigen (im wahrsten Sinne des Wortes). Auch wenn es für manche Menschen hart sein mag halte ich das Einreiseverbot für richtig. Am Ende sind wieder russische Soldaten "auf Urlaub" dabei, wie zu Beginn des Konfliktes in der Ostukraine. Die EU schaut zu, beschwichtigt und lässt Putin gewähren. Richtig wäre es, die bestehenden Sanktiönchen durch wirklich wirksame Maßnahmen zu ersetzen. Die Gaseinfuhren aus Russland halbieren und wenn sich Putin nicht an den Verhandlungstisch begeben will in sechs Monaten nochmal 50% reduzieren. Putin wäre schneller am Verhandlungstisch, als die EU einen aufgebaut haben würde.
Melissa85 14.12.2018
2. Das ist immerhin noch Human.
Wenn man bedenkt das die Ukraine sich einem Land gegenüber sieht das bereits Krieg gegen sie geführt hat und einen nicht unbedeutenden Landstrich erobert hat sind die Einreiseverbote noch eine sehr verträgliche Lösung seitens der Ukraine. Da es ja aber realistisch gesehen absehbar ist das Russland erneut Angreifen wird, wird das klima dort wohl bald sehr viel rauer werden was schade ist.
hirlix 14.12.2018
3. Die Schuld liegt einzig und allein bei den Verantwortlichen in Moskow.
Kein Land muss die Annexion eines Teils seines Staatsgebietes einfach so akzeptieren und dann auch noch den Staatsbürgern des Feindes problemlosen Grenzübertritt gewähren.
Americanet 14.12.2018
4.
Die Ukraine ist in diesem Krieg vom Rest der Welt sträflich im Stich gelassen worden, abgesehen von einigen Alibi-Sanktionen gegen Russland, die aber nicht wirklich wehtun. Also muss sich das Land so gut es geht selbst helfen. Die Einreisesperre war längst überfällig.
petersie 14.12.2018
5. Was für ein einseitiger Kommentar!
Warum lässt man nicht die Bevölkerung sprechen? Aber es ist überall das gleiche.... Wenn es westlich gewünscht, gewährt man dem Volk das Recht - wenn westlich nicht gewünscht, dann nicht (wie immer gegen Russland). Traurig ist nur... der wahre Feind sitzt ganz wo anderes.... Europa mit Russland könnte gegen China bestehen... Vielleicht sollten wir unser Feindbild überdenken! Wem gehören die meisten Häfen, die größten Banken, die innovativen Unternehmen (z. B. KUKA)? Nur zur Erinnerung:, Europa hat Russland versichert sich nicht nach Osten zu erweitern... Keine Truppen zu stationieren... Haben wir gemacht! Vor der Krim!
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