Rentenreform in Russland "Das ist doch Wahnsinn"

Die Russen sollen länger arbeiten - so will es Präsident Putin. Seine Rentenreform empfinden viele als Verrat. Den Unmut spüren nun die Kreml-Kandidaten. Ein Besuch in Wladimir, wo die Gouverneurin in die Stichwahl muss.

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Aus Wladimir berichtet


Nina versteht die Welt nicht mehr. Respektiert habe sie den Präsidenten, geradezu verehrt, sagt die zierliche Frau. Aber jetzt?

Sie dachte, Waldimir Putin überlege es sich noch mal mit der Rentenreform, erzählt die 62-Jährige. Schließlich hatte er doch versprochen, dass unter seiner Führung das Rentenalter in Russland unangetastet bleibe.

Doch stattdessen sah sie einen Präsidenten, der ihr in einer Fernsehansprache erklärte, warum es unerlässlich sei, dass die Russen künftig länger arbeiten müssen. Frauen sollen nun stufenweise statt mit 55 mit 60 Jahren, Männern statt mit 60 mit 65 Jahren in Rente gehen. So hat es der Staatschef verkündet. An diesem Tag Ende August sei sie "plötzlich einem ganz anderen Putin begegnet", sagt Nina.

Gegnerin von Putins Rentenreform in Wladimir
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Gegnerin von Putins Rentenreform in Wladimir

"Das ist doch alles Betrug, Betrug am Volk", sagt die energische Frau. Die Renten seien eh schon so niedrig. Sie würden es im Verhältnis auch bleiben, auch wenn sie angehoben werden sollen, glaubt sie. "Es wird doch alles teurer, allein Lebensmittel wie Milch oder Butter."

Kreml-Frau muss in Stichwahl

Nina, die ihren Nachnamen lieber nicht sagen will, lebt in Wladimir, etwa 180 Kilometer östlich von Moskau gelegen. Für Russlands Verhältnisse mit 350.000 Bewohnern eine mittelgroße Stadt, benannt nach dem Großfürsten Wladimir.

Hier muss sich am Sonntag die amtierende Gouverneurin Swetlana Orlowa einer Stichwahl stellen. Sie konnte sich wie drei Kreml-Kandidaten in anderen Regionen nicht in der ersten Runde durchsetzen. Gerade einmal 36,5 Prozent der Stimmen bekam die Politikerin der Regierungspartei Einiges Russland. Sie muss nun gegen Wladimir Sipjagin, einen Politiker der rechtspopulistischen LDPR, antreten. Einen unbekannten Mann, der Mitglied der systemnahen Opposition als chancenlos galt. Dieser kommt in Russland eigentlich die Aufgabe zu, die Statisten-Konkurrenz zu geben und Wahlen ein bisschen mehr als Wahlen aussehen zu lassen, deren Gewinner aber der Kreml-Kandidat ist.

Dieses Mal aber ging dieses Wahlkonzept in Wladimir nicht auf. Die LDPR profitierte wie auch die Kommunisten andernorts - in Wladimir wurden sie nicht zur Abstimmung zugelassen - von dem Unmut über Putins Rentenpläne. Diese werden derzeit in der Duma in einen Gesetzestext gegossen.

Gouverneurin Swetlana Orlowa (Archiv)
imago/ ITAR-TASS

Gouverneurin Swetlana Orlowa (Archiv)

Kreml-Frau Orlowa ist nicht gerade beliebt.

Korruptionsfälle im Umfeld der Gouverneurin machten Schlagzeilen, ihr Tausende Dollar teurer Schmuck sorgt für Fragen. Vor Kurzem schloss auch noch die Traktorenfabrik - eine der letzten Werke aus Sowjetzeiten, kaum rentabel, mit nur noch wenigen hundert Mitarbeitern. "Für viele war dieses Unternehmen ein Symbol der Region", sagt Roman Jewstifjeew, Politologe an der Wissenschaftsakademie für Volkswirtschaft und Verwaltungswissenschaft in Wladimir. Dabei hatte Orlowa, der nachgesagt wird gut mit der Moskauer Machtelite vernetzt zu sein, versprochen, aus Wladimir "eine der besten Städte Russlands" zu machen.

Dass die Gouverneurin sich dann auch noch nach Putins Ansprache sofort öffentlich hinter dessen Rentenpläne stellte, kam nicht gut an. Nach tagelangem Schweigen hat Orlowa inzwischen die Menschen um Unterstützung gebeten - ein ungewöhnlicher Schritt, der zeigt, wie nervös der Machtapparat ist. In ihrer Videoansprache entschuldigte sich Orlowa sogar für Fehler, welche genau, sagte sie nicht.

Putins Beliebtheit sinkt

"Ich kann sie nicht mehr wählen", sagt Nina. Sie zählte lange zu den Unterstützern Putins und dessen Machtsystem. Zu der Gruppe gehören Beamte, Militärs, ältere Menschen, Rentner wie Nina, die als Geschäftsführerin eines Ladens arbeitete. Sie sind von den Zahlungen des Staates abhängig. Mit 16.000 Rubel, rund 200 Euro, bezieht Nina im Vergleich eine gute Monatsrente. In Wladimir liegt der Durchschnitt bei etwa 8000 Rubel.

Nina hat dem Präsidenten geglaubt, als er versprach, für soziale Sicherheit im Land zu sorgen. Die Wirtschaft wuchs, und Putin baute seinen Machtapparat aus. Aber selbst zu Krisenzeiten wie nach der Krim-Annexion und den Sanktionen des Westens vollzog er keine sozialen Einschnitte.

Die Menschen vertrauten Putin - doch damit ist es jetzt vorbei. Seine Zustimmung ist inzwischen gesunken.

Wer verstehen will, wie groß der Unmut in Russland ist, sollte Sergej Raschew und Galina Solowej auf den Theaterplatz im Zentrum von Wladimir besuchen. An einem der letzten Spätsommerabende treffen sich hier die Menschen, um den neuen Springbrunnen zu bewundern. Den meisten gefallen die Wasserspiele, untermalt von Abba und russische Schlagern, auch wenn Wasser über den Bürgersteig abfließt, und die Wartenden so an der Bushaltestelle im Nass stehen.

Raschew und Solowej sammeln für eine linke Organisation, die am liebsten die UdSSR zurückhätte, Unterschriften gegen die Rentenreform. Für wen die zwei unterwegs sind, interessiert die Menschen nicht. Allein das Wort Rente reicht: In eineinhalb Stunden setzen 165 Passanten ihre Unterschrift auf eine der Protestlisten.

Theaterplatz in Wladimir
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Theaterplatz in Wladimir

Sergej, 56 Jahre, ist einer von ihnen. Wie viele will er seinen vollen Namen nicht sagen. "Wir haben Putin vor Kurzem gewählt - und was bekommen wir von ihm als Antwort? Diese Rentenreform." Er habe dem Staatschef geglaubt, als er sagte, eine Änderung des Rentenalters werde so schnell nicht kommen. "Jetzt können wir uns beschweren, aber was nützt das schon?"

Eine 46-Jährige, Mutter von drei Kindern, hält auf ihrem Fahrrad an: "Wir haben dem Präsidenten geglaubt, dass alles gut wird. Das Vertrauen habe ich nicht mehr."

Andrej, 33 Jahre, macht sich nicht nur um seine Zukunft Gedanken, sondern vor allem um die seiner Mutter, Tante und Vaters. "Sie sollen nun plötzlich länger voll weiterarbeiten, wie soll das gehen, allein körperlich? Das ist doch Wahnsinn, alles wird in wenigen Monaten durchgezogen."

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In Russland sind die Renten niedrig. Sie sind oft allenfalls ein Zuschuss zum Leben, der älteren Menschen erlaubt weniger zu arbeiten. Laut offizieller Statistik arbeiten 40 Prozent der Rentner, viele aber tun es schwarz. Oftmals üben sie schlecht bezahlte Tätigkeiten als Wachleute oder Putzhilfen aus.

"Traurig ist das alles"

Tatiana Senkewitsch ist 56 Jahre alt. Die Rentnerin erhält 8500 Rubel, etwa 108 Euro, Rente im Monat. 6000 Rubel muss sie allein für ihre Wohnung bezahlen, für Strom, Wasser und Abgaben.

Rentenreform in Russland
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Rentenreform in Russland

Jahrelang hat sie als Schweißerin in einer Motorenfabrik gearbeitet. Jetzt steht sie im Sommer zehn, elf Stunden vor dem Markt und verkauft Brottrunk, Kwas genannt, den Becher für 15 Rubel, etwa 20 Cent. Senkewitsch hat Probleme mit den Augen, ihr tun die Beine vom vielen Stehen weh. Sie muss sich an der Holzwand hochdrücken, wenn sie die Stufe in ihren Verkaufstand nehmen will. "Ich bin gegen die Rentenreform."

Viele würden doch gar nicht 60 Jahre alt werden. "In meiner Straße sind schon fünf Frauen gestorben, alle um die 50 Jahre, alle haben in den Fabriken geschuftet." Sie schaut ernst hinter ihren dicken Brillengläsern.

Die Gouverneurin, der Präsident und seine Regierung hätten doch keine Ahnung vom Leben: "Sie jedenfalls wissen nicht, was Armut ist."

Mitarbeit: Wladimir Schirokow



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