Streit über abgeschossenen Kampfjet Russland wirft Türkei gezielten Hinterhalt vor

Erdogan habe sein wahres Gesicht gezeigt: Russland ist empört über das Vorgehen der Türkei und bringt Raketen zum Schutz seiner Flugzeuge in Stellung. Ankara weist die Kritik zurück - und geht selbst in die Offensive.

Von , Moskau

REUTERS

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Generalleutnant Sergej Rudskoi ist stellvertretender Chef des russischen Generalstabs. Nach dem Abschuss eines russischen Su-24-Jets durch die Türkei war es an ihm, die operative Antwort der russischen Streitkräfte auf den Angriff zu verkünden.

Diese Antwort sieht so aus:

  • Der Lenkwaffenkreuzer "Moskwa" wird in die Nähe der syrisch-türkischen Grenze entsandt. Die "Moskwa" verfügt über ein Luftabwehrsystem des Typs "Fort". Es ist eine seegestützte Variante des russischen S-300-Raketenkomplexes. Die Reichweite bei der Bekämpfung feindlicher Flugzeuge wird mit bis zu 75 Kilometern angegeben
  • Darüber hinaus bekommen Russlands Frontbomber ab sofort Geleitschutz. Russland hat unter anderem mehrere Su-30 Abfangjäger in Syrien stationiert. "Wir warnen: Alle Ziele, die für uns eine potenzielle Bedrohung darstellen, werden vernichtet", so Generalleutnant Rudskoi

Russlands Militär geht davon aus, dass mindestens einer der beiden Piloten ums Leben gekommen ist. Bei einer Bergungsmission kam zudem ein Mi-8-Hubschrauber unter Beschuss durch syrische Rebellen, ein russischer Marine-Infanterist starb.

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Syrisch-türkische Grenze: Der Absturz der Su-24
Am Tag nach dem Abschuss entlädt sich in Moskau die ganze Wut auf das Vorgehen der Türkei. Am besten fasste der Politiker Franz Klinzewitsch die Stimmung zusammen. Er ist Vorstandsmitglied der Kreml-Partei "Einiges Russland". Der Angriff sei nicht spontan erfolgt, die türkische Luftwaffe habe "nur auf den passenden Moment gewartet, um ein russisches Flugzeug abzuschießen".

Das Millionenblatt "Moskowskij Komsomolez" sieht das ähnlich: Die türkischen Jäger hätten "im Hinterhalt gelauert". Der Angriff sei "wohlüberlegt und bewusst" geschehen, so Alexej Puschkow, Chef des Auswärtigen Ausschusses des russischen Parlaments. Premierminister Dmitrij Medwedew sprach gar von "verbrecherischen Taten der türkischen Regierung" - und drohte Konsequenzen für türkische Konzerne an.

Im Video - Der Abschuss der russischen Maschine:

Dabei bezweifelt kaum jemand, dass Russlands Frontbomber tatsächlich den Luftraum der Türkei verletzt haben könnte. Generalleutnant Rudskoi präsentierte zwar ein Schaubild, auf dem die Su-24 angeblich einen weiten Bogen um das türkische Territorium gemacht habe. Der Generalstab zeigte kurz darauf aber auch eine zweite Karte, der zufolge sich der Zwischenfall zumindest unmittelbar an der Grenze abgespielt hat.

Russlands Öffentlichkeit ist empört

Türkischen Angaben zufolge soll der russische Jet mindestens 17 Sekunden lang über türkisches Territorium geflogen sein. Man habe ihn während des Anflugs mehrfach gewarnt, aber keine Antwort erhalten. Russlands Öffentlichkeit empört das. Zahlreiche Moskauer Zeitungen werfen Präsident Recep Tayyip Erdogan Doppelzüngigkeit vor. 2012 hatte Erdogan den Abschuss eines türkischen Flugzeugs durch die Syrer scharf verurteilt. Eine "kurzzeitige Verletzung der Grenze darf niemals Vorwand für einen Angriff sein", sagte er damals.

Die Nato stellte sich noch am Montag zwar an die Seite des Allianzmitglieds Türkei. Ein namentlich nicht genannter Vertreter der US-Regierung äußerte gegenüber der in Washington bestens verdrahteten Nachrichtenagentur Reuters aber Zweifel an Ankaras Darstellung. Die Maschine sei zwar kurzzeitig im türkischen Luftraum gewesen, dort aber nicht getroffen worden. Diese Beurteilung basiere auf Wärmedaten des Jets. Thomas McInerney, pensionierter General der US-Air Force, sprach gegenüber dem Sender Fox-News von einem "sehr schlimmen Fehler" der Türkei.

Ankara jedoch bleibt trotz der Kritik hart. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu ließ zwischen den Zeilen erkennen, dass die Luftraumverletzung nicht der einzige Motivation für den Angriff der türkischen F-16-Jets gewesen sein könnte. "Statt das Feuer in Syrien zu löschen, lässt Russland es über Araber, Kurden und Turkmenen regnen", so der Premier nach dem Abschuss.

Will Erdogan die Moskau-Mission von Hollande "sabotieren"?

Russlands Luftstreitkräfte hatten in den vergangenen Tagen Angriffe gegen turkmenische Kämpfer in der Grenzregion zur Türkei geflogen. Die türkische Regierung bezeichnet die syrischen Turkmenen als "Brudervolk". Ankara hatte deshalb bereits am vergangenen Sonntag um eine Sondersitzung des Uno-Sicherheitsrates gebeten: Moskau fliege Angriffe auf die Turkmenen, obwohl der "Islamische Staat" in der Region gar nicht operiere.

Premier Davutoglu verkündete zu diesem Anlass auch, die türkischen Sicherheitskräfte seien "instruiert, Vergeltung zu üben, falls die Sicherheit der Grenzen der Türkei gefährdet" sei. Niemand werde ungestraft "Massaker an unseren Geschwistern mit angeblichem Anti-Terror-Kampf rechtfertigen".

Maxim Jusin, Kommentator der liberalen Moskauer Tageszeitung "Kommersant" ruft angesichts der hitzigen Schuldzuweisungen auf, einen kühlen Kopf zu bewahren. Erdogan habe zwar "sein wahres Gesicht gezeigt". Die Türkei hoffe darauf, dass die Spannungen zwischen Russland und der Nato eskalieren. Der Zeitpunkt sei kein Zufall: Frankreichs Präsident François Hollande trifft Putin Ende der Woche. Er will mit Russland gemeinsam gegen den "Islamischen Staat" kämpfen. Für Moskau biete das die Chance einer Wiederannäherung an den Westen.

Eben diese Mission wolle Erdogan "sabotieren".


Zusammengefasst: Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets weisen sich Ankara und Moskau die Schuld zu, der Ton wird schärfer. Der Kreml verstärkt seine Militärmaßnahmen in der Region, ein weiteres Kriegsschiff ist auf dem Weg. Auch die USA zweifeln inzwischen an der türkischen Darstellung des Vorfalls.

Zum Autor
Benjamin Bidder ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE in Moskau und berichtet regelmäßig über die Krise in der Ukraine - unter anderem aus Moskau, Kiew, Odessa, Donezk.

E-Mail: Benjamin_Bidder@spiegel.de

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Beeblebrox 25.11.2015
1. Eine Frage sei erlaubt
Es ist allen Beteiligten bekannt das der IS nicht über Kampfflugzeuge verfügt. Ist es normal das Flugzeuge direkt vom Himmel geholt werden wenn sie den falschen Luftraum betreten?
Axel Schön 25.11.2015
2. Gefährliche Hitzköpfe
Da haben sich zwei hitzige Potentaten gefunden, die sich jetzt daran machen, die Welt in Brand zu setzen! Erdogan sollte sich bei den Russen für den Abschuss entschuldigen, statt sich als Hardliner zu profilieren! Längst ist bestätigt, dass sich das russische Flugzeug nur für Sekunden über türkischem Territorium befunden hat - und der Abschuss über syrischem Gebiet erfolgte - was für gefährliche Muskelspiele! Leute, geht in die Muckibude und tretet da gegeneinander an!
NauMax 25.11.2015
3. Russische Logik
An der Grenzverletzung eines Russischen Kampfflugzeugs ist immer der Staat schuld, dessen Grenze verletzt wurde.
Oliver Schönrock 25.11.2015
4. Realistisch...
Wird schon stimmen, dass da mehr als dieser lächerliche 17 Sekunden Vorfall dahinter steckt. Kein klar denkender Mensch schießt russische Flugzeuge nur wegen ein paar Sekunden ab, wenn dass überhaupt stimmt. Gut, dass sich die Amis ausnahmsweise zurückhalten mit ihren Kommentaren. Erdogan hat das selbst verbockt, und strategisch von Vorteil ist das für ihn nicht. Jetzt machen die USA/Frankreich zusammen mit Russland erst recht die Pläne, die ihnen passen, und ignorieren hoffentlich die Türken.
ackergold 25.11.2015
5.
Wenn eine "kurzzeitige Verletzung der Grenze" niemals Vorwand für einen Angriff sein darf, warum hat Russland dann 1983 den als zivil erkannten südkoreanischen Jumbo abgeschossen und das auch noch über internationalen Gewässern? Die Doppelzüngigkeit ist wahrlich kein Alleinstellungsmerkmal von Herrn Erdogan.
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