Russische Nachwuchs-Armee Putins junge Patrioten

Sie marschieren im Gleichschritt, schwören dem Vaterland die Treue - fast 200.000 Kinder und Jugendliche sind Mitglied bei Russlands Militärnachwuchs, der Jugendarmee "Junarmija". Ein Besuch.

AP

Aus Kubinka berichtet


Danila lädt durch, legt an und zielt. Der Computer zeigt einen Treffer im Zentrum der Zielscheibe, nicht ganz in der Mitte, aber fast. Danila schaut zufrieden auf den Bildschirm und legt die Plastik-Kalaschnikow auf den Tisch. Er sagt: "Wenn Krieg ausbricht, bin ich bereit, mein Land zu verteidigen." Gegen wen? "Gegen jeden Feind."

Danila Jermuchambetow ist gerade einmal 16 Jahre alt. Er trägt Uniform, eine beigefarbene Hose und einen Pullover, darunter ein rotes T-Shirt mit Schulterklappen und eine Kappe. Der Schüler aus Kolomna, einer Stadt südöstlich von Moskau, ist Mitglied der "Junarmija", der Jungen Armee oder Jugendarmee Russlands. Seit einem Jahr ist er dabei - "aus Liebe zum Vaterland", wie er sagt. Er will später zur echten Armee, Drohnen entwickeln.

Mitglieder der "Junarmija"
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Mitglieder der "Junarmija"

Warwara Sitnowa will auch zum Militär, in eine medizinische Einheit. Die 14-Jährige trägt noch Matrosenuniform. Sie ist gerade erst mit 29 anderen Mitgliedern einer Moskauer Gruppe, die sich unter anderem um Veteranen kümmert, in die "Junarmija" eingetreten. "Es ist eine große Ehre, Mitglied zu sein", sagt sie. Ihre Augen leuchten. "Wir wollen eine würdige Generation sein", betont ihre Freundin Walerija Hasanowa. Was das bedeute? "Wir stehen immer treu an Russlands Seite".

Vorzeigeverband

Fast 200.000 Mitglieder hat die militärisch-patriotische Organisation "Junarmija" nach eigenen Angaben inzwischen, es sind Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 18 Jahren. Sie sollen nach dem Willen von Verteidigungsminister Sergej Schoigu zu Patrioten des Landes erzogen werden - Patrioten, die auch dem Militär einmal nützlich sein könnten.

Doch es gibt auch Kritik: Walentina Melnikowa vom "Komitee der Soldatenmütter", das Rekruten vor der Willkür in der Armee verteidigt, sieht darin eine "Militarisierung der Kinder wie einst zu Sowjetzeiten".

Wladimir Putin, Sergej Schoigu (l.)
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Wladimir Putin, Sergej Schoigu (l.)

Minister Schoigu hat die "Junarmija" im Mai 2016 ins Leben gerufen. Grundlage war ein Erlass von Präsident Wladimir Putin vom 29. Oktober 2015. Der sieht vor, eine nationale, patriotische Jugendorganisation zu bilden, angelehnt an die Pionierorganisation und den Jugendverband der kommunistischen Partei, die Komsomol. Tausende bereits bestehende patriotische Gruppen sollen so zu einem landesweiten "Junarmija"-Verband zusammengeschlossen werden.

Das dient zum einen der Kontrolle der nationalen Bewegung, zum anderen aber auch der Staatspropaganda. Steht die "Junarmija" doch für das, was Putin seit Jahren beschwört: das patriotische Band, das die Bürger in dem sich über elf Zeitzonen erstreckenden Russland vereinigt, das immer noch mit den Folgen des Zusammenbruchs der Sowjetunion ringt.

Nach der Annexion der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel vor vier Jahren erreichte die nationale Begeisterung in Russland ihren Höhepunkt: "Krim nasch" - "die Krim gehört uns" tönte es auf den Plätzen des Landes. Der Jubel ist inzwischen etwas abgeflaut, was auch damit zusammenhängen mag, dass Moskau die Halbinsel mit Milliarden von Rubel finanzieren muss. Für den 18. März ist die Präsidentschaftswahl angesetzt, dem Jahrestag der Heimholung der Krim, wie es offiziell in Russland heißt. Putin wird auch diese Wahl gewinnen und damit in seine vierte Amtszeit als Präsident gehen.

Patrioten-Show im Militär-Disneyland

In der Expo-Halle des "Park Patriot" in Kubinka, eine Stunde südwestlich von Moskau, stehen sie hinter Putin. Schoigu hat den Park, eine Art Militär-Disneyland mit Panzern, Raketen und einem nachgebauten Reichstag, der erstürmt werden kann, für umgerechnet 300 Millionen Euro errichten lassen. Hier versammeln sich am "Tag des Vaterlandsverteidigers" - der 23. Februar 1918 gilt als der Gründungstag der Roten Armee - rund 8000 "Junarmisten", wie die Mitglieder der Jungen Armee genannt werden.

"Putin ist ein guter Präsident, das werden ihnen hier 99 Prozent der Menschen sagen", sagt Aleksandr Beresin, Offizier im Ruhestand. Putin habe die Armee nach den schwierigen Neunzigerjahren wieder auf Vordermann gebracht. Der 56-Jährige ist Ausbilder der "Junarmija", unterrichtet Kinder und Jugendliche in Militärgeschichte, bringt ihnen bei, wie man eine Kalaschnikow auseinanderbaut und wieder zusammensetzt. Auch Sport und Militärtheorie gehören zum Programm. Beresin ist mit einer Gruppe von 16 Jugendlichen nach Kubinka gekommen.

Nikita Michalkow und Sergej Schoigu (r.)
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Nikita Michalkow und Sergej Schoigu (r.)

Hier erleben sie patriotische Event-Atmosphäre: Sie proben in Computersimulationen den Straßenkampf, liefern sich virtuelle Panzerschlachten, messen sich bei Klimmzügen, schreiben Soldaten Dankesbriefe oder hören Vorträge.

Ein Panzer für den Minister

Regisseur Nikita Michalkow, Duzfreund von Putin, sitzt in einem weißen Sessel und spricht über die "die wahren Helden" Russlands, die im Zweiten Weltkrieg Hitler-Deutschland besiegten. Er warnt vor dem Internet: "Wichtig ist es, selbstständig zu denken", mahnt der Filmemacher, "nicht nur Selfies zu machen und zu chatten". Wenn man keine Bücher gelesen habe, sei man nur von Google abhängig. Und wer wisse schon, in wessen böse Hände die Suchmaschine gelangen könnte. Michalkow muss eine Pause einlegen, der Minister ist da.

Schoigu setzt sich zu Michalkow. Der steht auf, umarmt Schoigu. Alle springen von ihren Stühlen. Zwei Mädchen, seit wenigen Monaten bei der "Junarmija", überreichen dem Minister einen Panzer. Es ist ein Nachbau des Kampfpanzers T-14 Armata, den Schoigu mit einer Fernbedienung steuern kann.

In Zweierreihen in die Mensa

Putin auf der Leinwand in Kubinka
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Putin auf der Leinwand in Kubinka

Putin kommt an diesem Tag nicht in den "Park Patriot", in dem der Kaffee in tarnfarbenen Bechern ausgeschenkt wird und die Kinder in Zweierreihen in die Mensa namens "Höfliche Menschen" marschieren. So werden die russischen Soldaten genannt, die ohne Hoheitsabzeichen die Krim besetzten. Der Präsident schickt eine Videobotschaft. Als sein Gesicht auf der Leinwand erscheint, ertönt Jubel. "Die 'Junarmija' hilft den jungen Menschen, ihren Weg im Leben zu finden", verspricht Putin.

Wenig später tritt ein Junge auf der Bühne und fragt, was Patriotismus bedeute. "Verantwortung für sein Land zu übernehmen", ruft ein Mädchen in "Junarmija"-Uniform. "Wollt ihr das?", fragt sie in die Menge. "Jaaaa", rufen sie im Saal und klatschen.

Mitarbeit: Tatiana Chukhlomina



insgesamt 36 Beiträge
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irene74 24.02.2018
1.
Marschieren im Gleichschritt, das hat man schon vor 30 Jahren in Russland gepredigt.Dann hat man die Bevölkerung unter Kontrolle.Hat auch unter Stalin funktioniert.Schade das Russland sich nach dem Gestrigen zurücksehnt, für die Zukunft braucht man eine starke Wirtschaft und höhere Lebensbedingungen für das Volk und weil man es nicht hinbekommt lässt man die Deppen halt marschieren.
widower+2 24.02.2018
2. Typisch!
Eine derartige Truppe ist typisch für ein autokratisches, diktatorisches Regime auf dem Weg in den totalen Faschismus. Früher hieß das übrigens mal HJ. Widerlich!
quasilobo 24.02.2018
3. Es
Es ist einfach nur traurig... Arme Welt
ANTITHESIS 24.02.2018
4. Armes Russland
leave Russia in PEACE.
hirsnemehism 24.02.2018
5. Na...
...hoffentlich wird "Wichtig ist es, selbstständig zu denken", wie es der Regisseur im Artikel sagt, in dieser "Jugendarmee" nicht durch reine Indoktrination ersetzt! Ansonsten sollte in MEINEN Augen nur das Mindestalter für den Eintritt bei mindestens 14 Jahren liegen. Wer weiß, würde es eine solche Einrichtung bei uns geben, hätte die Bundeswehr vielleicht nicht die Nachwuchsprobleme, die sie hat. Dazu sei gesagt, dass ich persönlich jede Armee abschaffen würde, wenn es denn ginge. Vielleicht sorgt ja daher die beschriebene Jugendorganisation sogar dafür, den Kinder und Jugendlichen klar zu machen, dass sie als SOLDATEN eh nicht die sein werden, die von einem Krieg profitieren werden, sondern fast ausschließlich ihre Befehlshaber und Finanziers.
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