Präsidentenerlass Die wahren Gründe für Putins Lebensmittelverbrennungen

Fleisch ins Krematorium, Käse unter den Bulldozer: Der Kreml geht rabiat gegen West-Waren vor. Die Aktionen offenbaren eine Schwäche Russlands - der Staat kann den Importstopp auf zivilisierte Art nicht durchsetzen.

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Bulldozer zerstört Käse: "Es gibt keinen Albtraum, der in Russland nicht real werden könnte"
REUTERS

Bulldozer zerstört Käse: "Es gibt keinen Albtraum, der in Russland nicht real werden könnte"


Dinge zu verbrennen bringt einen schnell in zweifelhafte Gesellschaft. Nur ein paar Jahre ist es her, dass in Somalia Milizen Lebensmittel in Brand setzten, weil sie aus dem Ausland kamen. Die Terrororganisation "Islamischer Staat" hat neulich das gleiche mit Hilfspaketen aus den USA getan.

Auch Russlands Präsident Wladimir Putin hat die Vernichtung von Lebensmitteln aus dem Westen angeordnet, per Erlass. Es geht um Waren, deren Einfuhr seit einem Jahr verboten ist. Der Importstopp war als Vergeltung gedacht für die von USA und EU verhängten Sanktionen.

Seit Donnerstag zeigt das Fernsehen Bilder von Krematorien, in denen Schweinefleisch verbrannt wird und Bulldozer, die Käse zerdrücken. Das Problem: Eine überwältigende Mehrheit der Russen trägt den harten Kurs der Führung gegenüber dem Westen zwar bislang mit. Im Fall der Lebensmittelvernichtung schlägt Putin aber Unmut entgegen, der nicht nur ungewöhnlich stark ausfällt, sondern auch bemerkenswert breit in der Bevölkerung geteilt wird.

Im Internet formiert sich auf der Seite change.org der Protest. Mehr als 280.000 Unterzeichner sprechen sich dort dafür aus, die Waren an Bedürftige zu verteilen. "Es gibt keinen Albtraum, der in Russland nicht real werden könnte", kommentiert Anton Orech, Starkolumnist der liberalen Radiostation "Echo Moskaus". Im Internet machen Memes die Runde: Angesichts der Krematorien für Lebensmittel bekomme "der Begriff Schmelzkäse eine ganz neue Bedeutung", steht da.

Der Kreml hat sich - verwöhnt von den PR-Erfolgen der letzten Jahre - verkalkuliert. Kritik wird sogar dort laut, wo man sonst loyal zum Kreml steht. Die Kommunisten bezeichnen sich zwar gern als "stärkste Oppositionskraft". Wenn es darauf ankommt, stimmen sie eigentlich stets brav nach dem Willen des Kreml. Partei-Chef Gennadij Sjuganow geht nun aber überraschend klar auf Distanz. Man sollte die beschlagnahmten Waren lieber weiterreichen an "Waisen und Veteranen" oder an die Not leidende Bevölkerung in der Ostukraine.

Das Manöver mit den Lebensmitteln ist für den Kreml riskant. Zu den zweifelhaften Errungenschaften der Moskauer Propaganda-Maschine gehörte bislang, dass die Mehrheit der Russen die Sanktionen als gegen das Volk gerichtet sah. Laut Umfragen des angesehenen Lewada-Instituts fühlt sich eine wachsende Zahl von Russen von den Sanktionen direkt betroffen - obwohl die Strafmaßnahmen in Wahrheit vor allem auf Funktionäre und Staatskonzerne zielen.

Die Russen machen die Sanktionen aber auch verantwortlich für steigende Preise, eigentlich eine Folge von Rubelverfall und eben jenem Importstopp, den der Kreml verhängt hat und mit dem er den eigenen Bürgern mehr schadet, als den Herstellern im Westen. Fernsehbilder von Fleisch-Krematorien unterstreichen das deutlicher als je zuvor.

Die öffentlich inszenierte Vernichtung von Lebensmitteln führt nicht zu steigenden Beliebtheitswerten, nicht in Somalia oder Syrien. Russland ist da keine Ausnahme. Warum ist der Kreml das Risiko eingegangen?

Den deutlichsten Hinweis auf die wahren Motive hat der russische Landwirtschaftsminister geliefert, in einem Nebensatz. Man könne die beschlagnahmten Waren schon deshalb nicht Bedürftigen zukommen lassen, weil es dann zu "Korruption" kommen werde, so Alexander Tkatschow.

Moskau verbrennt die Lebensmittel, weil gierige Beamte die Waren sonst auf eigene Faust weiterverkaufen. Auch bislang gelangten immer noch westliche Produkte in Moskauer Supermärkte. Aktivisten der Kreml-Jugend haben daraufhin Kontrollgänge in den Geschäften aufgenommen.

Moskau kann das Importverbot an seinen Grenzen nicht mit zivilisierten Mitteln durchsetzen. Das radikale Vorgehen kaschiert die Schwächen des Systems. Der unter Putin angeblich so stark gewordene Staat zeigt Anzeichen von Staatsversagen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 208 Beiträge
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Circular 07.08.2015
1. Was geschieht in Deutschland mit Schmuggelgut?
Wird das an Bedürftige verteilt oder auch vernichtet?
1zmir 07.08.2015
2.
So sehr auf unsere Regierung auch immer geschimpft wird, bleibt eines sicher: Soetwas würde es bei uns nicht geben!
elgrande78 07.08.2015
3. Das ist erst der Anfang!
Ich warte auf den nächsten richtig harten Winter. Dann werden uns die Russen das Gas einfach mal abdrehen. Die Sanktionen von Mutti werden uns noch alle teuer zu stehen kommen--> Die CDU wirds richten.
ricson 07.08.2015
4.
ich bezweifle fast das Putin selbst diese russischen Sanktionen gut findet. doch da die westlichen Sanktionen die Oligarchen schwer treffen, werden die ihm da schon was erzählt haben. die Korruption ist ein gewaltiges Problem der Russen, und lähmt jegliche wirtschaftliche Entwicklung. aber um dagegen etwas zu tun müssten die Russen lernen ihr eigenes Land mit einer gewissen kritischen Distanz zu betrachten. unmöglich bei solch einem nationlistischem land.
donrealo 07.08.2015
5. Das Importverbot
ist die Antwort auf die zuvor verhängten Sanktionen der US dominierten Nato Staaten. Insofern muss es - um Wirkung zu zeigen - auch durchgesetzt werden. Nicht vergessen, auch bei uns werden zig tonnenweise Lebensmittel zerstört um sie vom Markt fernzuhalten. Freilich besser wäre es, diese Importwaren schon an der Außengrenze abzufangen und wieder zurück zu schicken
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