Regierungskritischer Zeichentrickfilm Mr. Burns? Gollum? Putin!

Beißende Bilanz der vergangenen sechs Putin-Jahre: In einem Zeichentrick-Clip schwankt der russische Präsident zwischen den "Simpsons" und "Herr der Ringe". Der Film wimmelt von Anspielungen.

Screenshot aus YouTube-Clip
YouTube/ egor zhgun

Screenshot aus YouTube-Clip


Jegor Schgun ist Wiederholungstäter. Bereits vor sechs Jahren veröffentlichte er einen Trickfilm über die ersten zwölf Jahre von Wladimir Putin. Das Video im Stil der US-Serie "Die Simpsons" wurde mehr als sechs Millionen Mal angeklickt.

Jetzt hat der Grafiker einen neuen Film gemacht. Er fasst in nicht einmal drei Minuten die wichtigsten Ereignisse von Putins fast abgelaufener dritter Amtszeit zusammen - Titel: "Noch sechs Jahre Putin". Schgun komprimiert die vergangenen sechs Jahre des russischen Staatschefs so sehr, dass es von vieldeutigen Hinweisen und politischen Anspielungen nur so wimmelt.

Hier einige Erläuterungen zu besonders prägnanten Szenen (eine detaillierte Erläuterung zu weiteren Details finden Sie unter diesem Text im Link):

Putin sitzt an seinem Schreibtisch, links neben ihm steht ein Drucker in Form des Duma-Gebäudes, der Papier ausspuckt. Er symbolisiert das Parlament, das in großer Geschwindigkeit auf Geheiß des Kreml Gesetze verabschiedet. Rechts neben Putin befindet sich ein Baum aus Geldscheinen auf einem Ölfass, er steht für die Abhängigkeit Russlands von Erdöl und -gas.

Im Hintergrund auf dem Fernseher werden die TV-Moderatoren des staatlichen Fernsehsenders Rossija 1, Dimitrij Kisseljow und Wladimir Solowjow, eingeblendet, stellvertretend für die Propaganda des Staatsfernsehens. An der Wand hängt eine Zeichnung, die Putin beim Segelfliegen zeigt. Er hatte eine Schar Kraniche angeführt - eine seiner vielen PR-Aktionen: Mal geht der Präsident fischen, mal tauchen, mal reitet er mit nacktem Oberkörper durch die Natur, und immer ist das Staatsfernsehen dabei.

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Propaganda bei Minusgraden: Eis, Eis, Putin

Dopinglabor auf dem Tisch

Auch auf dem Tisch von Putin ist einiges los. Mal laufen fünf Figuren wie aus dem Computerspiel Pac-Man hin und her: ein Polizist und ein orthodoxer Priester, die drei farbige Masken jagen, deren Farben stark an jene von Pussy Riot erinnern. Die drei Punkerinnen waren nach einem Anti-Putin-Gebet in der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale 2012 festgenommen und zu Haftstrafen verurteilt worden.

Mal baut sich auf dem Tisch ein Dopinglabor auf, nachdem eine Axt durch die Wand gebrochen ist und ein Mann durch das Loch geschaut hat: der inzwischen ehemalige Sportminister Witalij Mutko. Auf dem Fernseher erscheinen fünf Schneekristalle, angeordnet wie die Olympischen Ringe - Symbol für die Spiele 2014 im südrussischen Sotschi.

Russlands Präsident - Putins Macht

Transformer und Kosaken mit Steinschleudern

Dann fahren weiße Lastwagen über den Tisch, der Ukrainekonflikt drängt in den Vordergrund. Die Fahrzeuge symbolisieren die Hilfskonvois, die der Kreml in den von loyalen Separatisten besetzten Donbass schickte. Die Lkw verwandeln sich in grüne Transformer, die "grünen Männchen", so wurden die russischen Soldaten ohne Hoheitsabzeichen genannt, die 2014 die Schwarzmeerhalbinsel annektierten. Mit einer Steinschleuder trifft ein Kosake ein Flugzeug: die Passagiermaschine MH17, die im Sommer 2014 von einer russischen Rakete vom Separatistengebiet aus abgeschossen wurde.

Putin selbst, der die Krim in Händen hält, die wie der Ring in "Herr der Ringe" zu glühen beginnt, verliert seine Kleidung. Er wird immer schmaler, ähnelt der Figur Gollum, der dem Ring der Macht verfällt.

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18 Jahre an der Macht: Die Ära des Wladimir Putin

Anonymous mit Stalin-Schnauzer

Auch Donald Trump findet seinen Platz. Seine schlechten Umfragewerte steigen plötzlich, nachdem eine Maske der Hackergruppe Anonymous mit einem Schnauzbart auftaucht, wie ihn einst Stalin hatte. Beides trägt dann Putin, der - so ist wohl auch Zeichner Schgun überzeugt - den US-Wahlkampf beeinflusste.

Schguns Film endet düster: Putin sitzt inmitten von Fernsehern, die rot-schwarze, marschierende Hämmer zeigen. Das Motiv stammt aus dem Pink-Floyd-Video "The Wall", die Hämmer stehen für ein faschistisches Militärregime.


Eine große Übersicht mit Erläuterungen zu allen Filmdetails finden Sie hier auf Englisch beim Internetportal Meduza.

heb



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