Russischer Marschflugkörper Waffenshow ohne Waffe

Russland und die USA werfen sich gegenseitig vor, den INF-Abrüstungsvertrag zu verletzen - nun präsentierte Moskau seinen neuen Marschflugkörper. Einziges Problem: Das Kriegsgerät gab es nicht zu sehen.

SERGEI CHIRIKOV/EPA-EFE/REX

Von und , Brüssel und Kubinka/Moskau


Man muss schon zweimal hinschauen, um das "9M729" zu finden. Die Kennzeichnung steht in schwarzer Schrift auf dem olivfarbenen Raketencontainer. Russische Militärs haben ihn zusammen mit einer Abschussrampe und dem Vorgängermodell in der großen Halle im Park Patriot aufgebaut. Unter dem Dach hängt ein Banner mit dem Foto von Präsident Wladimir Putin. Sein Bild ist auch hier im Militär-Disneyland mit Panzern, Raketen und einem nachgebauten Reichstag (mehr dazu lesen Sie hier) allgegenwärtig.

In Kubinka, eine Autostunde südwestlich von Moskau, will Russland der Welt beweisen, dass es den INF-Vertrag durchaus nicht bricht. Das Abkommen, 1987 von der Sowjetunion und den USA unterzeichnet, verbietet landgestützte ballistische Raketen und Marschflugkörper mit einer Reichweite von mehr als 500 Kilometern. Deshalb präsentiert Moskau am Mittwoch erstmals öffentlich Angaben zu der 9M729 (Nato-Bezeichnung SS-C-8).

Es ist jener Marschflugkörper, von dem die USA und Nato sagen, dass er gegen das INF-Abkommen verstößt, weil er deutlich weiter als 500 Kilometer fliege. Die US-Regierung hatte im Dezember 2018 innerhalb der Nato nach langem Zögern Geheimdienstinformationen über das Waffensystem vorgelegt, die offenbar auch bis dahin zweifelnde Verbündeten von dem Bruch des INF-Vertrags überzeugten. Washington hat Moskau bis zum 2. Februar ein Ultimatum gesetzt, zu zeigen, dass es den Vertrag einhalte. Sonst werden die USA aus dem Abkommen aussteigen.

Der Termin in Kubinka, zu dem Militärattachés und Journalisten geladen sind, ist Teil einer Moskauer Kampagne. Es sind allerdings gerade einmal ein Dutzend diplomatische Vertreter erschienen; die Attachés aus den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland sind weggeblieben. Fragen? Unerwünscht.

Das Rätsel um die Reichweite

General Michail Matwejewski, Chef der russischen Raketentruppen, verkündet Daten zur 9M729. Er lässt Projektionen an die Wand des Konferenzsaales werfen. Der Kern des Vortrags lässt sich wie folgt zusammenfassen: Der modernisierte Marschflugkörper mit mehr Sprengkraft verfügt über eine Reichweite von 480 Kilometern, was zehn Kilometer weniger sind als beim Vorgängermodell. Damit liegt die neue Waffe 20 Kilometer unter der Schwelle, ab der sie den INF-Vertrag verletzen würde.

Ob das wirklich der Fall ist, daran gibt es Zweifel. Experten können anhand der Abmessungen und der inneren Aufteilung eines Flugkörpers - etwa der Größe des Tanks und des Gefechtskopfes - auf dessen Reichweite schließen. Allerdings präsentiert Russland bei diesem Termin nicht den Marschflugkörper selbst, sondern nur den Container, aus dem der Flugkörper gestartet wird.

Präsentation bei Moskau
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Präsentation bei Moskau

Die 9M729 soll laut den neuen russischen Angaben einen Durchmesser von 51,4 Zentimetern haben. Zur Länge macht Moskau keine genauen Angaben, gibt aber die Länge des Behälters mit fast acht Metern an. "Der Flugkörper selbst wird daher mindestens sechs, wenn nicht sogar sechseinhalb Meter lang sein", sagt der Münchner Raketen-Experte Markus Schiller. Das würde auch mit bisher bekannten Fotos der 9M729 zusammenpassen.

Diese Abmessungen wären nahezu identisch mit denen des US-amerikanischen "Tomahawk"-Marschflugkörpers, der eine Reichweite von bis zu 2500 Kilometern hat - das Fünffache dessen, was die Russen von der 9M729 behaupten. Zwar würde die Reichweite drastisch sinken, wenn der Marschflugkörper einen relativ großen, schweren Gefechtskopf und einen kleineren Tank besäße.

Ob das der Fall ist, lässt sich laut Schiller aber nicht nachvollziehen. Der SPIEGEL hat ihm die Folien und Fotos aus Kubinka vorlegt, darunter Bilder der inneren Aufteilung der 9M729 und des Vorgängers 9M728. "Die Größenverhältnisse passen dort nicht zusammen", sagt Schiller. "Es handelt sich bloß um grobe Schemata." Sein Urteil über die Präsentation: "Die Russen täuschen Offenheit vor, mauern aber weiterhin."

Der vorgestellte Behälter wirkt auffallend schlank für einen Flugkörper, der einen Durchmesser von mehr als einen halben Meter haben soll. "In diesen Container scheint er nicht reinzupassen", meint Schiller. Auf bisher verfügbaren Fotos sei der Behälter der 9M729 wesentlich dicker im Verhältnis zur Länge. Was diese Diskrepanz bedeuten könne, sei unklar.

In der Halle des Park Patriot spielen solche Details keine Rolle, hier geht es um die Bilder. Die Russen wollen zeigen, wer die moralische Verantwortung trägt, wenn der INF-Vertrag scheitert. Wir sorgen hier doch für Transparenz - so die Botschaft. Allerdings kommt der Termin reichlich spät. Es dauerte Jahre, bis sie die Existenz der 9M729 des Raketenbauers Novator in Jekaterinburg am Ural, Teil des staatlichen Rüstungskonzerns Almas-Antei, überhaupt einräumten.

In Russland ist man ohnehin überzeugt davon, dass die USA aus dem Vertrag raus wollen. Denn China und Nordkorea besitzen schon längst Marschflugkörper, die unter das INF-Abkommen fallen, das eben aber nur Russland und die USA abgeschlossen haben.

Zudem wirft Moskau seinerseits Washington auch am Mittwoch wieder vor, mit seinen Raketenabwehrsystemen das INF-Abkommen zu verletzten. Die USA könnten mit den Abschussvorrichtungen des Typs Mk-41, die in Rumänien bereits stationiert sind und auch in Polen in Stellung gebracht werden sollen, auch Marschflugkörper auf russischen Boden abfeuern, heißt es. Experten halten das für theoretisch durchaus möglich. Die USA bestreiten dies, auch hier steht einmal mehr Aussage gegen Aussage.

Der stellvertretende Außenminister Sergej Rjabkow steht in der Halle im Park Patriot, etwas abseits. Zufrieden schaut er, wie Dutzende Kameraleute, darunter auch internationale Teams aus China und den USA, den Marschflugkörper-Behälter abfilmen. Eben erst hat er im schneidigen Ton an der Seite des Generals verkündet, nun seien die USA am Zug.

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