Russlands Außenpolitik: "Putin ist egal, wer in Washington regiert"

Wladimir Putin kehrt in den Kreml zurück. Der russische Außenpolitik-Experte Fjodor Lukjanow ist sich sicher: Europa wird davon profitieren - aber zu Amerika wird der neue Präsident auf Distanz gehen.

Wahlsieger Putin (mit Medwedew): "Große Vorsicht und Misstrauen" Zur Großansicht
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Wahlsieger Putin (mit Medwedew): "Große Vorsicht und Misstrauen"

SPIEGEL ONLINE: Wird Wladimir Putin andere Akzente in der Außenpolitik setzen als sein Vorgänger Medwedew?

Lukjanow: Medwedew hatte keinen selbständigen Kurs. Seine Politik unterschied sich in stilistischen Nuancen. Putin glaubt stärker als Medwedew, dass Russland weiter eine globale Rolle spielen sollte, etwa im Nahen Osten. Medwedew neigte zu der Auffassung, Russland solle sich mehr auf seine regionalen Interessen konzentrieren. Putins Umgang mit den USA zeichnet - im Gegensatz zu Medwedews - große Vorsicht und Misstrauen aus. Das liegt an den negativen Erfahrungen, die Putin während seiner ersten Präsidentschaft mit der Bush-Regierung gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Und was waren das für Erfahrungen, woher rührt das Misstrauen?

Lukjanow: Aus Putins Sicht hat Russland viel getan, um den USA entgegenzukommen: Denken Sie an den 11. September 2001, den Anti-Terror-Kampf, die Schließung russischer Militärobjekte auf Kuba und in Vietnam. Putin meint, nichts im Gegenzug bekommen zu haben. Im Gegenteil: Die USA haben ihren Einfluss im postsowjetischen Raum ausgedehnt und Revolutionen in den Nachbarländern unterstützt. Die Nato sollte nach Osten ausgedehnt werden, es gibt Pläne für eine US-Raketenabwehr in Europa. Das hat einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen. Putin glaubt, dass man mit den USA nicht kooperieren kann, weil sie nicht auf ihre Partner achten.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird er mit Obama zusammenarbeiten, der auf Medwedew gesetzt hat?

Lukjanow: Die Beziehungen werden nicht eng sein. Das liegt aber nicht an Obama. Putin ist es gleich, wer in Washington regiert, er sieht zwischen Demokraten und Republikanern keinen Unterschied in der Außenpolitik.

SPIEGEL ONLINE: Wen sieht Putin als mögliche Partner Russlands?

Lukjanow: Er glaubt nicht, dass Russland eine Wahl zwischen Europa, China oder sonst wem treffen muss. Putin sieht Russland als verbindendes Glied zwischen Ost und West. Er will die Beziehungen zum sich schnell entwickelnden Asien stärken, aber auch zur EU, dem wichtigsten Handelspartner. Partnerschaften aber, die Russland Verpflichtungen auferlegen würden, will Putin nicht.

SPIEGEL ONLINE: Putin kennt Europa gut, er war lange in Deutschland stationiert. Sie haben einmal gesagt, Putin wäre für Europa sogar der bessere Präsident als Medwedew. Wieso?

Lukjanow: Putin hat auch mit Europa schlechte Erfahrungen gemacht. Es stimmt aber dennoch: Er bleibt sehr an Europa interessiert. Er wollte immer - auf seine Art - eine Annäherung an Europa. Er wollte Russland immer zu einem Teil des gemeinsamen europäischen Raumes machen. Nicht zu einem Teil der EU, versteht sich, aber zu einem Teil eines neuen europäischen Projekts. Medwedew war freundlich, hat viel gelächelt, zeigte aber keinerlei Interesse an Europa.

"Putins Befürchtungen sind stark übertrieben"

SPIEGEL ONLINE: Welche Initiativen erwarten Sie von Putin?

Lukjanow: Er redet nicht gern über irgendwelche institutionellen Integrationsprozesse oder Werte. Ihn reizen wirtschaftliche Allianzen, Zusammenschlüsse von Unternehmen. Oder ein Asset Swap nach dem Motto: Ihr habt die Technologie, wir die Rohstoffe. Ich denke, in dieser Art wird es weiter gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie blickt Putin auf die Welt?

Lukjanow: Er ist überzeugt, die Russland umgebende Welt sei unendlich gefährlich. Angefangen von Kriegsgefahren bis hin zur Instabilität in verschiedenen Weltregionen. In seinen Grundsatzartikeln hat er vor der Wahl vor der "vorschnellen Angriffslust" des Westens gewarnt, vor unvorhergesehenen Folgen. Angesichts der globalen Gefahren sieht er Russlands Hauptaufgabe darin, sich zu schützen und keine Destabilisierung zuzulassen. Nicht im Äußeren und nicht im Innern.

SPIEGEL ONLINE: Er sieht Russland von Feinden umzingelt?

Lukjanow: Es ist mehr eine Welt, in der keine Regeln mehr zu gelten scheinen. Das ist nicht das Gleiche wie eine Einkreisung durch Feinde. Es ist eine chaotische Umwelt, die aus sich selbst heraus unvorhergesehene Bedrohungen generiert. Ein Beispiel: Die USA und der Westen mischen sich in die Lage im Nahen Osten ein. Im Resultat bricht dort Chaos aus, die Nachbarländer werden destabilisiert, der Ölpreis ist betroffen, Russland leidet.

SPIEGEL ONLINE: Putin hat vor "ungesetzlicher Soft Power" gewarnt und behauptet, die USA stünden hinter den Moskauer Massenprotesten.

Lukjanow: Putins Befürchtungen sind stark übertrieben. Viele NGO in Russland sind zu einem substantiellen Faktor des politischen Lebens geworden, besonders jene, die ausländisches Geld bekommen. Ihre Agenda fällt nicht vollständig mit den Tendenzen zusammen, die es im Innern des Landes gibt. Es ist klar, dass sie ein Faktor sind, den man nicht ignorieren kann. Auf einem ganz anderen Blatt steht, dass Putin seine Bedeutung stark überzeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Warum sehen wir selbst 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion keine substantielle Annäherung zwischen Europa und Russland?

Lukjanow: Warum sollte Russland ein Teil von Europa in seinem derzeitigen Zustand werden? 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion stellt sich doch die Frage, welche Rolle denn Europa in der Welt spielen soll. In den neunziger Jahren schien es, als werde Europa ein Vorbild für die gesamte Welt werden. Damals war Europa klar das Ziel Russlands. Das ist heute ganz anders. Heute geht der Blick nach Asien. Einerseits ist es Russland nicht gelungen, die nötige Transformation für eine solche Annäherung zu durchlaufen. Andererseits wird Europas Perspektive unattraktiver.

Das Interview führte Benjamin Bidder in Moskau

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1. Russland ist Teil Europas
peterhausdoerfer 05.03.2012
Zitat von sysopWladimir Putin kehrt in den Kreml zurück. Der russische Außenpolitik-Experte Lukjanow ist sich sicher: Europa wird davon profitieren - aber zu Amerika wird der neue Präsident auf Distanz gehen. Russlands Außenpolitik: "Putin ist egal, wer in Washington regiert" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819344,00.html)
eine Tatsache der die Politik - noch - nicht gerecht wird. Unter Putin werden sich Russland und die gegenwärtige EU weiter annähern, und das liegt in ihrem ureigenem Interesse da sie sich fast perfekt ergänzen. Wir brauchen einen homogenen Wirtschaftsraum Europa der Platz für die reichliche Kultur seiner Bürger nach Feirabend bietet. Ein Europa das Russland selbstverständlich mit einschliesst. Unsere Zukunft liegt auf dem Kontinent, nicht jenseits des grossen Teiches.
2. .
glad07 05.03.2012
Solche Politiker wie Lukjanov, Putin und Lawrow, die eine Situation kurz, treffend und ohne typisches rumeiern aufzeichnen sucht man hier im Westen vergebens. Hier hat jeder Angst was falsches zu sagen, in Kritik zu geraten sobald man nicht "auf der Linie" ist.
3. sehr gut
werner3 05.03.2012
Zitat von sysopWladimir Putin kehrt in den Kreml zurück. Der russische Außenpolitik-Experte Lukjanow ist sich sicher: Europa wird davon profitieren - aber zu Amerika wird der neue Präsident auf Distanz gehen.
Genau das erwarte ich als Deutscher von Rußland. Ein Grund mehr für Putin.
4. Annäherung
pepito_sbazzeguti 05.03.2012
Zitat von sysopWladimir Putin kehrt in den Kreml zurück. Der russische Außenpolitik-Experte Lukjanow ist sich sicher: Europa wird davon profitieren - aber zu Amerika wird der neue Präsident auf Distanz gehen. Russlands Außenpolitik: "Putin ist egal, wer in Washington regiert" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819344,00.html)
Das würde ich mir für Deutschland ebenfalls wünschen, nämlich zu den USA auf Distanz zu gehen. Und sich Russland noch mehr zu nähern.
5. na also
matz-bam 05.03.2012
Zitat von sysopWladimir Putin kehrt in den Kreml zurück. Der russische Außenpolitik-Experte Lukjanow ist sich sicher: Europa wird davon profitieren - aber zu Amerika wird der neue Präsident auf Distanz gehen. Russlands Außenpolitik: "Putin ist egal, wer in Washington regiert" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819344,00.html)
Na, das klingt doch schon mal ganz gut.
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  • Fjodor Lukjanow, 45, gehört zu Russlands führenden Außenpolitik-Experten. Er ist Chefredakteur der Fachzeitschrift "Russia in Global Affairs".

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