Mord an Kreml-Kritikerin Russlands Justiz erhebt Anklage im Fall Politkowskaja

Sechseinhalb Jahre nach dem Tod Anna Politkowskajas hat die russische Justiz offiziell Anklage erhoben. Fünf Männern wird vorgeworfen, die Kreml-kritische Journalistin für 150.000 Dollar ermordet zu haben - die Auftraggeber sind weiter unbekannt.

Gedenken an Journalistin Politkowskaja (Archivbild von 2006): Anklage erhoben
AP

Gedenken an Journalistin Politkowskaja (Archivbild von 2006): Anklage erhoben


Moskau/Hamburg - Die russische Justiz hat sechseinhalb Jahre nach der Tat Anklage gegen fünf Verdächtige im Mordfall Anna Politkowskaja erhoben. Die Kreml-kritische Journalistin der "Nowaja gaseta" war am 7. Oktober 2006 im Fahrstuhl ihres Wohnhauses erschossen worden.

Als Hauptverdächtiger in dem Verfahren gilt der Tschetschene Lom-Ali Gaitukajew. Er soll den Mord im Auftrag eines Unbekannten organisiert und dafür 150.000 US-Dollar erhalten haben. Neben ihm werden drei Brüder auf der Anklagebank Platz nehmen müssen - Rustam, Ibragim und Dschabrail Machmudow. Rustam Machmudow soll die tödlichen Schüsse auf Politkowskaja abgegeben haben. Der fünfte Angeklagte ist der ehemalige Polizist Sergej Chadschikurbanow, der ebenfalls von Gaitukajew angeheuert worden sein soll.

Chadishikurbanow sowie Ibragim und Dschbrail Machmudow stehen zum zweiten Mal wegen ihrer angeblichen Verwicklung in den Mord an Politkowskaja vor Gericht. In einem ersten Prozess 2009 waren die Angeklagten jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Das Oberste Gericht Russlands hob diese Freisprüche später jedoch wieder auf.

In einem weiteren Verfahren war im vergangenen Jahr ein Ex-Polizist zu elf Jahren Straflager verurteilt worden. Er hatte die Mordwaffe besorgt. In dem Prozess hatte der ehemalige Beamte die anderen Verdächtigen stark belastet.

Der Sohn der Getöteten begrüßte die Anklage und forderte einen öffentlichen Prozess. "Wir wollen die Beweise sehen", sagte Ilja Politkowski.

Politkowskaja hatte vor allem aus dem Konfliktgebiet Tschetschenien über schwerste Menschenrechtsverletzungen berichtet und die Kaukasus-Politik des Kreml kritisiert. Menschenrechtsgruppen befürchten, dass die wahren Hintergründe der Tat nie ans Licht kommen werden. Der Auftraggeber des Mordes ist nach wie vor unbekannt.

fab/syd/dpa



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vepchi 21.05.2013
1.
Es lohnt einen Blick zurück in die jüngste Vergangenheit dieser mutigen Zeitung, die ein polnischer Journalist am 1. April bewundernd die "Unbesiegbare" nannte. Übersetzen wir einmal seinen Gruß an die russischen Kollegen in Moskau zum zwanzigsten Jahrestag: "Am 1. April wurde die russische 'Neue Zeitung' /Novaja gazeta/, die von sich selbst sagt, sie sei „für Journalisten der gefährlichste Arbeitsplatz“, 20 Jahre alt. Und das ist geradezu ein Wunder. Wieviel Unglück hat sich nicht über diese Zeitung in den vergangenen 20 Jahren - und hier vor allem in den letzten - ergossen. Sobald ich auch nur die Redaktion besuche, kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass ich schon wieder den erstickenden Geruch verwelkender Blumen wahrnehme, der immer dann ensteht, wenn die Leser hierherkommen, um sich von den ermordeten Journalisten zu verabschieden. Die Liste der Ermordeten ist lang: Igor Domnikov (2000), Viktor Popkov (2001), Jurij Schtschekotschichin (2003), Svetlana Orlova und Anna Politkovskaja (2006), der Jurist der „Neuen“ Stanislav Markelov (2009) Anastasija Baburova und Natalja Estemirova (2009). „Das ist keine Redaktion, sondern ein Beerdigungskontor“, sagte der stellevertretendee Chefredakteur der „Neuen Zeitung“ Sergej Sokolov nach einem der üblichen Todesfälle zu mir.“ (Aus der polnischen „Gazeta Wyborcza“ vom 1. April 2013, hier übersetzt aus dem Russischen nach www. polpred.com).
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