Russlands Luftwaffe in Syrien Frontbomber für Assad

Russland schafft Kampfbomber, Jagdflugzeuge und Abfangjäger nach Syrien - darauf deuten Satellitenbilder hin. Was plant der Kreml?

Von , Moskau

Russische Su-25-Flugzeuge: Für die Unterstützung von Bodentruppen entworfen
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Russische Su-25-Flugzeuge: Für die Unterstützung von Bodentruppen entworfen


John Kerry war bemüht, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Am Mittwoch trat der US-Außenminister vor die Presse, um die Verlegung russischer Kampfflugzeuge nach Syrien zu kommentieren. Kerry sagte vorsichtig, Washingtons Militärexperten gingen derzeit davon aus, Moskaus Luftwaffenkontingent solle lediglich bereits stationierte russische Bodentruppen absichern.

Moskau hat - ohne dies bislang allerdings zu bestätigen - mehreren Medienberichten zufolge mindestens 28 Kampfflugzeuge nach Syrien verlegt. Satellitenbilder zeigen russische Maschinen auf der Luftwaffenbasis nahe der Stadt Latakia, einer bedrängten Hochburg des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.

Die Zusammensetzung des russischen Luftwaffenkontingents lässt laut Beobachtern Rückschlüsse auf Moskaus mögliche weitere Planung zu. "Alles spricht dafür, dass es auch eine Bodenoffensive geben soll", sagt der russische Militärexperte Wadim Lukaschewitsch.

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Satellitenfotos: Russland baut Militärpräsenz aus
Nach bisherigem Kenntnisstand hat Russland drei Kampfflugzeug-Typen nach Latakia entsendet:

  • Zwölf Su-24-Jets: Dabei handelt es sich um einen Front- oder Jagdbomber. Die Su-24 ist ein eigentlich veraltetes Modell, das in den Sechziger Jahren entwickelt wurde. Russland verfügt noch über mehrere Hundert dieser Flugzeuge. Die Su-24 gilt aber als fehleranfällig, Moskau hat angekündigt, sie bis 2020 außer Dienst zu stellen. Das Flugzeug wurde für Angriffe auf Bodenziele im Tiefflug konstruiert.
  • Zwölf Su-25-Kampfflugzeuge: Im Russischen werden diese Flugzeuge als "Sturmowik" bezeichnet, im deutschen ist der Begriff Erdkampfflugzeug geläufig. Die Su-25 ist ebenfalls eine Sowjet-Entwicklung. Das Flugzeug kann zwar auch große Höhen erreichen, ist aber eigentlich für die Unterstützung von Bodentruppen entworfen worden. So hatte die Ukraine im Krieg im Osten des Landes Su-25-Flieger gegen prorussische Verbände eingesetzt.

Beide Flugzeugtypen können "eine große Zahl unterschiedlicher Bomben und Raketen für die Bekämpfung von Zielen am Boden tragen", sagt Justin Bronk, Luftwaffenexperte am britischen Royal United Services Institute (RUSI) in London. Das spreche dafür, dass Russland weitreichende Luftangriffe plane um "das Assad-Regime am Boden zu stärken".

Nach Einschätzung des russischen Militärexperten Lukaschewitsch bringt der Einsatz von Su-24 und Su-25 Jets "nur dann einen großen Nutzen, wenn er begleitet wird von einer Bodenoffensive". Diese könnte entweder allein von Assads Streitkräften vorgetragen werden oder aber unterstützt auch von russischen Bodentruppen. Moskau hat in den vergangenen Wochen auch zahlreiche Soldaten nach Syrien entsandt. Die Moskauer Tageszeitung "Kommersant" meldete unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten Beamten im russischen Verteidigungsministerium bereits 1700 russische Militärs in der Hafenstadt Tartus.

"Gesetze der Physik außer Kraft setzen"

Die Luftwaffenbasis Latakia will Moskau laut einem Bericht der "Financial Times" auf bis zu 2000 Mann aufbauen. Daneben sollen Satellitenbilder zwei weitere russische Stützpunkte nahe Latakia zeigen.

  • Moskau hat aber auch Kampfflugzeuge eines dritten Typs nach Latakia verlegt: vier Su-30-Flieger. Dabei handelt es sich um moderne Mehrzweckkampfflugzeuge, die vielseitig einsetzbar sind. Eine besondere Stärke hat die Su-30 als Abfangjäger. Vor wenigen Tagen erst berichtete die Moskauer Regierungszeitung "Rossiskaja Gaseta" frohgemut, die Su-30 könne es auch leicht mit US-Jets des Typs F-22 Raptor aufnehmen. Der TV-Kanal des russischen Verteidigungsministeriums behauptete am Sonntag gar, der russische Jet könne die "Gesetze der Physik außer Kraft setzen".

Rein theoretisch könne die Su-30 auch gegen Ziele am Boden eingesetzt werden, sagt Justin Bronks vom Londoner RUSI. "Wenn es nur Angriffe auf Bodenziele gehe, ist der Jet aber eigentlich zu teuer. Das könnte Moskau leichter haben", sagt er.

Viel wahrscheinlicher sei, dass Moskau mit dem Zug eine Botschaft an den Westen sende, vor allem an US-Präsident Barack Obama. Russland erhöhe damit das Risiko für Operationen westlicher Kampfflugzeuge in der Region. Der Kreml treffe damit offenbar Vorkehrungen für den Fall, dass der Westen eine Flugverbotszone über Syrien errichten wolle - wie einst in Libyen geschehen: "Gegen die russischen Maschinen kann die Koalition im Zweifel nun nicht mehr viel ausrichten."

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Benjamin Bidder ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE in Moskau und berichtet regelmäßig über die Krise in der Ukraine - unter anderem aus Moskau, Kiew, Odessa, Donezk.

E-Mail: Benjamin_Bidder@spiegel.de

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insgesamt 174 Beiträge
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Seite 1
yomo 23.09.2015
1. Russland schafft Kampfbomber, Jagdflugzeuge und Abfangjäger nach Syrien - darauf deuten Satellitenbilder hin. Was plant der Kreml?
Ich schätze, alles deutet darauf hin, dass der Kreml Gänseblümchen pflanzen möchte und vielleicht noch bunte Luftballons an Kinder verteilen wird.
tradepro 23.09.2015
2. Sehr sehr erfreulich
dass Russland etwas gegen den IS unternimmt. Assad, Gaddafi & Hussein waren sicherlich keine liebenswerten Menschen. Verglichem mit dem jetzigen Zustand der Hölle hat es in diesen Ländern aber einen gewissen Wohlstand gegeben. Eine Schande dass Europa & die USA den IS wachsen haen lassen.
spigalli 23.09.2015
3. Ich sehe hier...
...dass Russland zwei Fliegen mit einer Klappe bedroht: zum einen baut es sich eine Möglichkeit, den IS zu bekämpfen und zum anderen, das Assad Regime zu stützen. Ersteres könnte eine vorbeugende Maßnahme sein, um einer drohenden Ausbreitung des IS in den muslimischen Republiken Russlands zu begegnen. Wenn wir schon hier über den Balkan als Rückzugsraum des IS 'debattieren', dann hat Russland sicher die Debatte bereits geführt und handelt. Zweiteres stärkt den Einfluß Russlands in der Region und bietet russischen Soldaten eine Perspektive als Manifest der russischen Aussenpolitik. Wenn der Westen das nun kritisiert, dann verhindert Russland einfach nicht den Vormarsch des IS in die Türkei und den Balkan - weil sie sich auf die Sicherung Russlands konzentrieren müssen. Insgesamt ein kluger Schachzug. Chapeau, Herr Putin. Was sollen wir dagegen sagen, außer dass wir verloren haben?
blaumupi 23.09.2015
4. ganz großes Rätselraten
Putin schickt Truppen nach Syrien, errichten Militärstützpunkte, nun auch noch Kampfflugzeuge! Was plant der Kreml? Keine Ahnung, komme einfach nicht darauf! :o(
dieter 4711 23.09.2015
5. Assad
Mal sehen, ob die Russen auch Truppen nach Syrien schaffen, weil sie Assad unbedingt halten wollen.
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