Russlands Polizei Der Schlagstock sitzt wieder lockerer

Die Euphorie über ihre Mannschaft ist in Russland riesig. Doch die Polizei ist trotz der Begeisterung jenseits der WM wieder zur Normalität zurückgekehrt.

Russische Polizisten im Einsatz
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Russische Polizisten im Einsatz

Von Maxim Kireev, Sankt Petersburg


Offenbar haben sich einige Fans in Russland an die neue Lockerheit der Polizei während der WM gewöhnt. Doch längst nicht überall sind die Beamten so lässig wie in den WM-Städten. In Woronesch, einer Millionenstadt südlich von Moskau, kletterte ein junger Mann nach Russlands Einzug ins Viertelfinale jubelnd auf einen Polizeiwagen. Herbeigeeilte Beamte schlugen mit Gummistöcken auf ihn ein, auch als er schon am Boden lag. Passanten hielten den Vorfall auf Video fest.

Konsequenzen für die Polizisten sind jedoch unwahrscheinlich. Russische Bürger müssen oft schon bei harmlosem Kontakt mit Ordnungshütern mit drakonischen Strafen rechnen. Das zeigt zum Beispiel der Fall von Dmitrij Mjakschin, der am Montag von einem Petersburger Gericht zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt wurde: Bei einer Demonstration gegen Korruption am 12. Juni des vergangenen Jahres sollte der damals 17-Jährige einen Beamten angegriffen und ihm ein Stück Zahn herausgeschlagen haben. Später veröffentlichte Videos des Vorfalls zeigten jedoch, dass die Verletzung des Polizisten offenbar ein Unfall war. Bei seiner Festnahme auf der von den Behörden nicht genehmigten Demonstration fiel Mjakschin auf einen Polizisten, der mit ihm zu Boden ging.

Mjakschin hatte dabei noch Glück. Zahlreiche andere Demonstranten, die in zum Teil harmlose Rangeleien mit der Polizei verwickelt waren, wurden zu Gefängnisstrafen zwischen einem und drei Jahren verurteilt.

Die Strafe dürfte den 18-jährigen Petersburger aber auch ärgern, weil er mittlerweile seine politische Überzeugung gewechselt hat: Die Demonstration, auf der er festgenommen worden war, war von Anhängern des Oppositionellen Alexej Nawalny organisiert. Vor der Verhandlung gegen ihn sagte Mjakschin, dass er oppositionelle Kräfte für uneffektiv halte. Er würde jetzt viel lieber bei der Jugendorganisation der Partei Einiges Russland mitwirken. Schon bei der Wahl im März habe er für Präsident Wladimir Putin gestimmt.



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