Graffiti für den Kreml Putins Propaganda-Sprayer

Für Subkultur hat Wladimir Putins Staatspartei "Einiges Russland" eigentlich nichts übrig. Es sei denn, sie lässt sich zu Propaganda-Zwecken instrumentalisieren. Dann dürfen auch Graffiti-Sprayer ans Werk gehen.

Von Luzia Tschirky, Moskau

Artjom Sisow/ Gazeta.ru

Es kommt selten vor, dass Regierungsparteien Graffiti-Sprayer beauftragen, um für ihre politischen Ziele zu werben. Ausgerechnet in Moskau aber lässt die Kreml-Partei "Einiges Russland" eifrig Häuserwände besprühen: mit nationalistischen Propaganda-Bildern.

Da ist auf einer Mauer der Aminewskoje-Chaussee im Westen der russischen Hauptstadt zu sehen, wie Wladimir Putin - mit breitem Lächeln und Seemanns-Shirt - mit einem Boot in Richtung der von Russland annektierten Halbinsel Krim fährt. Der amerikanische Präsident Barack Obama hingegen paddelt machtlos in einer Nussschale.

Über einer stark befahrenen Straße im südlichen Sjusino-Bezirk schwebt das Porträt der sowjetischen Raumfahrtlegende Jurij Gagarin über den Umrissen der Halbinsel, dazu das Logo der Putin-Partei "Einiges Russland", ein Eisbär vor den Farben der russischen Trikolore. "Jurij, wir haben es korrigiert", steht dort. Das Riesengraffito spielt darauf an, dass die Krim nach mehr als zwei Jahrhunderten russischer Herrschaft 1964 von Generalsekretär Nikita Chruschtschow, selbst ein Ukrainer, der ukrainischen Teilrepublik der Sowjetunion zugeschlagen worden war.

Das Faible für die bunte Straßenkunst ist bemerkenswert: Denn die Partei hat in den vergangenen Monaten im Eiltempo eine Fülle von Gesetzen auf den Weg gebracht, die Bürgerrechte einschränken. "Einiges Russland" bekämpft und verachtet die anarchische Untergrundkultur, auch für moderne Kunst haben viele ihrer konservativen Funktionäre eigentlich nicht viel übrig. Doch wenn es um die eigene Sache geht, greift man nun gern in den Instrumentenkasten der Subkultur.

Bunte Bilder, unklare Finanzierung

Der Kopf hinter der Kampagne ist Alexander Djagilew. Energischen Schrittes, die Aktentasche unterm Arm und mit kurz geschorenem Haar, betritt der 29-Jährige ein Café im Zentrum von Moskau. Er zückt seine Partei-Visitenkarte. Lange Jahre war er für die Jugendorganisation des Kreml, "Naschi", "Die Unsrigen", aktiv. Mit Flashmobs und Technoversionen der Nationalhymne warben sie schon damals für die Liebe zum Vaterland. Zwischenzeitlich ist "Naschi" in der staatlichen Dachorganisation "Rosmolodjosch" aufgegangen, übersetzt "Russlands Jugend".

Djagilew allerdings erhält als angestellter "Projektmanager" noch immer seinen Lohn aus der Parteikasse. "Wir wollen das Leben für die Menschen in Russland besser machen", sagt er. Insgesamt planen er und seine Mitstreiter 2000 Graffiti im ganzen Land.

Vorwürfe, die Partei würde für die bunten Putin-Glorifizierungen aufkommen, weist er von sich: "Lokale Geschäfte, Banken, einfach alle, die sich mit den patriotischen Gedanken unserer Graffiti identifizieren, spenden." Umgerechnet 21.000 Euro seien für jedes einzelne der Großbilder nötig. "Manchmal bezahle ich auch aus der eigenen Tasche, soviel ist mir das Vaterland wert", behauptet der studierte Jurist.

Widerstand aus der Szene

Zur Spraydose greift Djagilew nicht: "Nein, nein, das übernehmen junge Künstler für mich", sagt er. Zum Beispiel Nikolai Popadin, den er noch aus den Zeiten bei den "Unsrigen" kennt. "Jeder Mensch sollte patriotisch sein und verstehen, dass das Land, in dem er lebt, das beste für ihn ist", erklärt der schmächtige 23-Jährige. Popadin sieht sich als Patriot.

In der Sprayer-Szene regt sich mittlerweile Widerstand gegen die Kreml-treuen Künstlerkollegen. Jüngst wurde eines der patriotischen Motive mit Farbbomben beschmiert. "Unmenschen bewarfen die Flagge Russlands. Nur Idioten können so etwas getan haben", kommentierte Djagilew den Vorfall später auf Vkonakte, dem russischen Facebook. Pjotr Wersilow, der Ehemann Nadeschda Tolokonnikowas von der Aktionsgruppe Pussy Riot, verbreitete die Bilder von den Farbbeutel-Anschlägen im sozialen Netzwerken.

So spiegelt sich hier im Kleinen der große Riss, der die Künstlerszene Russlands entzweit. Auf der einen Seite stehen die mehr als 500 Unterstützer Putins, die in einem Brief an das Kulturministerium die Annexion der Krim lobten. Dagegen wehrten sich 200 andere Künstler, darunter der Schriftsteller Boris Akunin. Er warnte vor einem Rückfall in Sowjetzeiten, als Künstler sich öffentlich in Briefen mit der Macht gemein machten.

Um herauszufinden, wer hinter den Farbbeutel-Würfen steckt, hat Alexander Djagilew die Polizei eingeschaltet. Aus eigener Tasche hat er eine Belohnung von umgerechnet 2000 Euro ausgelobt. Bisher vergebens.

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insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
D_v_T 02.08.2014
1.
Das sind keine graffiti, sondern Murals. Die waren auch schon in der Sowjetunion bzw. im ganzen Ostblock Gang und Gäbe. Einfach mal mit offenen Augen durch die neuen Bundesländer gehen, an Schulen z.B. Falls sie noch nicht aus PC entfernt wurden...
Korf 02.08.2014
2. albern
Nun fängt es an, albern zu werden, wenn die Propagandisten hier ständig mit dem Finger auf die Propagandisten dort zeigen. Mein Gott.
molchy 02.08.2014
3. Wieder in die Propagandakiste gegriffen?
wären die Graffities gut, wenn sie gegen Putin wären? Auf jeden Fall besser als "wir haben ein paar Leute gefoltert".
westin 02.08.2014
4. Graffiti ?
Es geht Frau Luzia Tschirky nicht um Graffiti,sondern um Annexion der Krim (versteckt im Text) die keine war.
eduard1979 02.08.2014
5. ist es noch
erlaubt seine eigene Meinung hier zu Posten, ohne zensiert zu werden? mal sehen, ob es hier durch kommt
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