Möglicher Waffendeal mit Syrien: Das russische Raketen-Rätsel

Von , Moskau

S-300-Raketen: Assad könnte mit dem Luftabwehrsystem eine Flugverbotszone verhindern Zur Großansicht
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S-300-Raketen: Assad könnte mit dem Luftabwehrsystem eine Flugverbotszone verhindern

Hat Russland Diktator Assad mit S-300-Raketen beliefert? Moskau weicht einer klaren Antwort aus - eine beunruhigende Reaktion. Denn das Luftabwehrsystem könnte eine westliche Flugverbotszone über Syrien verhindern.

Russlands Außenminister Sergej Wiktorowitsch Lawrow ist ein Meister der geschliffenen Sprache und - gestählt durch vier Jahrzehnte in Moskaus diplomatischem Dienst - ein Mann, der seine Worte wohl zu wählen weiß.

Am Freitag lieferte Lawrow eine Kostprobe dieser hohen Kunst. Moskaus Top-Diplomat musste Stellung nehmen zu Gerüchten, Russland erwäge die Lieferung von schweren S-300-Luftabwehrraketen an Syrien, mit denen sich Diktator Baschar Assad womöglich gegen westliche Luftschläge schützen könnte. Journalisten hatten Lawrow nach einem Treffen mit seinen Amtskollegen aus Deutschland und Polen darauf angesprochen.

Die Interpretationen von Lawrows Antwort lagen dann freilich weit auseinander. Die Nachrichtenagentur Reuters verschickte ein Eilmeldung: "Russland sagt Nein zum Verkauf". Bei den Kollegen von Agence France-Presse ("Russland liefert wie geplant Flugabwehrtechnik nach Syrien") und der Deutschen Presse-Agentur ("Lawrow verteidigt Raketenlieferung") dagegen klang das so, als habe Lawrow den Verkauf bestätigt.

Tatsächlich lässt Lawrows Wortwahl beide Deutungen zu. Syrien habe das Recht "sich gegen Luftangriffe zu verteidigen", sagte der Russe. Die Lieferung von Verteidigungssystemen sei "durch internationales Recht nicht verboten". Moskau plane im Übrigen keine neuen Verkäufe von Raketen an Damaskus, vielmehr "hat Russland bereits seit langem verkauft und schließt noch Lieferungen gemäß unterschriebener Verträge ab". Die Reporter hatten Lawrow zudem dezidiert nach der S-300 gefragt. Das schwere Luftabwehrsystem erwähnte der russische Außenminister gar nicht.

Das sind bemerkenswert schwammige Antworten angesichts des brisanten Themas. Russlands S-300-Flugabwehrraketen wurden zwar bereits von den Sowjets in den siebziger Jahren entwickelt, gehören aber neben den "Patriot"-Systemen der USA noch immer zu den potentesten Luftabwehrwaffen. Die S-300 ist in der Lage, Flugzeuge und Marschflugkörper in einer Flughöhe von bis zu 25 Kilometern zu zerstören. Eine Lieferung der S-300 an Syrien würde die Durchsetzung einer Flugverbotszone in Syrien durch den Westen "äußerst schwierig machen", wie ein Sprecher des russischen Staatsfernsehens nach Lawrows Auftritt zutreffend feststellte. Und sie würde das militärische Kräfteverhältnis im Nahen Osten nachhaltig verschieben.

Auf "Geheiß von oben"

Nachdem das "Wall Street Journal" und die israelische Zeitung "Haaretz" über Moskaus angebliche Verkaufspläne berichtet hatten, warnte Israel Russland vor dem Deal. US-Außenminister John Kerry nannte ein solches Geschäft "potentiell destabilisierend". Israels Luftwaffe hatte wenige Tage zuvor Ziele in der Nähe von Damaskus angegriffen. S-300 Raketen hätten den Kampfflugzeugen gefährlich werden können.

Moskau hat nie einen Hehl daraus gemacht, Syriens Flugabwehr seit Jahren massiv aufzurüsten. Allein 2012 soll sich das Volumen russischer Waffenlieferungen auf rund 500 Millionen Euro belaufen haben. Russland wird allerdings nicht müde zu betonen, dass es sich dabei vor allem um Luftabwehrbatterien der Typen Buk-M2E, "Panzir" sowie "Petschora" handelt, also um leichtere Raketensysteme. Dass Assad deren abschreckende Wirkung auch nutzt, um den Westen von einer Intervention abzuhalten, ist durchaus im Sinne von Präsident Wladimir Putin, einem scharfen Kritiker von US- und Nato-geführten Eingreifaktionen.

Mit Lieferungen der schweren S-300 ins Ausland aber hält der Kreml sich seit Jahren zurück. Libyens inzwischen gestürzter Diktator Muammar al-Gaddafi hoffte vergeblich auf das Waffensystem. Und Iran hatte sogar schon eine Anzahlung von 167 Millionen Dollar geleistet. 2010 annullierte der damalige Präsident Dmitrij Medwedew aber den Kontrakt. Die S-300 sei zwar keine Angriffswaffe, die nicht an das Mullah-Regime verkauft werden dürfe, das Geschäft widerspreche aber dem "Geist der Sanktionen", hieß es im Kreml. Iran hat Russland deshalb bei einem internationalen Schiedsgericht wegen Vertragsbruch auf Schadensersatz von vier Milliarden Dollar verklagt.

2012 enthüllte die Moskauer Tageszeitung "Wedomosti" allerdings ein gut gehütetes Geheimnis der russischen Rüstungsindustrie: In einem Geschäftsbericht eines Raketenherstellers fanden sich Hinweise darauf, dass auch die S-300 an Syrien verkauft werden sollte. Der Auftragswert belief sich auf 105 Millionen Dollar, die Lieferung der Raketen sollte 2012 beginnen und Anfang 2013 enden. Der Vertrag sei aber - wie im Falle Irans - auf "Geheiß von oben" ausgesetzt worden, schrieb die Zeitung. Es ist nicht auszuschließen, dass nach dem Abschied des als liberal geltenden Dmitrij Medwedew aus dem Präsidentenamt nun die Anhänger einer offensiveren Waffenexport-Politik im Kreml an Einfluss gewinnen.

Moskauer Rüstungsanalytiker halten eine Lieferung von S-300-Raketen an Syrien dennoch für wenig wahrscheinlich. Assads Militärs müssten an dem Waffensystem geschult werden, bis zur vollen Einsatzfähigkeit könnten Jahre vergehen. Zweifelhaft sei zudem, ob Damaskus sich das teure System überhaupt leisten könnte, sagt Ruslan Puchow, Direktor des auf Rüstungsfragen spezialisierten Think-Tanks CAST, und betont: "Dringender als Raketen braucht Assad Gewehre und Munition, um die Opposition in Schach zu halten."

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1.
Atheist_Crusader 11.05.2013
Zitat von sysopAPHat Russland Diktator Assad mit S-300-Raketen beliefert? Moskau weicht einer klaren Antwort aus - eine beunruhigende Reaktion. Denn das Luftabwehrsystem könnte eine westliche Flugverbotszone über Syrien verhindern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/s-300-raketen-fuer-syrien-russland-weicht-export-vorwurf-aus-a-899211.html
Das ist aber schade. 'Das neue Libyen' (tm) hat so sehr von seiner Flugverbotszone profitiert. Und heute ist es ein Land voller Menschen die friedlich und in Eintracht miteinander leben und demokratische Werte und Menschenrechte weit hochhalten. War doch Libyen, richtig? Oder Mittelerde? Ich verwechsel die beiden immer. Vielleicht, weil über beide ungefähr gleich viel Fiktion verfasst wurde.
2. Natürlich kann das Raketensystem gegen westliche....
joG 11.05.2013
....Flugzeuge verwendet werden. Wozu sonst braucht Assad sowas momentan?
3. ...
ein anderer 11.05.2013
Zitat von sysopAPHat Russland Diktator Assad mit S-300-Raketen beliefert? Moskau weicht einer klaren Antwort aus - eine beunruhigende Reaktion. Denn das Luftabwehrsystem könnte eine westliche Flugverbotszone über Syrien verhindern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/s-300-raketen-fuer-syrien-russland-weicht-export-vorwurf-aus-a-899211.html
Immer wieder findet man in den US-Lageeinschätzungen diese Formulierung. Länder die eine wirkungsvolle Abschreckung gegen westliche Interventionen aufbauen, werden als destabilisierend hingestellt. Sogar beim iranischen Atomprogramm wird in US-Regierungskreisen nicht von einer Gefahr für die umliegenden Ländern gewahrnt sondern vor dem Abschreckungspotential gegenüber den USA.
4. Beunruhigend?
marlboro87111 11.05.2013
" eine beunruhigende Reaktion. Denn das Luftabwehrsystem könnte eine westliche Flugverbotszone über Syrien verhindern." Was genau ist beunruhigend daran, dass ein nach wie vor souveräner Staat die Möglichkeit hat, sich gegen willkürliche Luftangriffe aus dem Ausland zu schützen? Den Rebellen wird doch auch Gerät geliefert, mit dem sie ihrerseits die Flugzeuge der Armee abschießen können (welches natürlich in Zukunft niemals gegen zivile Flugzeuge irgendwo anders auf der Welt eingesetzt werden wird, nööö). Beunruhigend ist das ganze doch nur für Israel, die dann nicht mehr nach Lust und Laune fremdes Gebiet bombardieren könnten... Grüße, Basti
5. S300
spon_1569157 11.05.2013
Was bringt einer Armee ein komplexes Waffensystem, wenn man niemanden hat der es bedienen kann und viel wichtiger Erfahrungen mit dem System gesammelt hat. Wenn die Russen es geliefert haben, wissen die Israelis und Amerikaner es sowie so schon.
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