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S&P-Abwertung: Politiker wettern gegen Rating-Riesen

Der Rundumschlag der Rating-Agentur Standard & Poor's gegen Frankreich und acht weitere Euro-Länder setzt die Währungsunion unter Druck. Linksfraktionschef Gysi spricht von einem "Krieg gegen die europäischen Völker". Kanzlerin Merkel will, dass die Agenturen an Einfluss verlieren.

US-Ratingagentur Standard & Poor's: Herabstufung von neun Euro-Ländern Zur Großansicht
DPA

US-Ratingagentur Standard & Poor's: Herabstufung von neun Euro-Ländern

Berlin/Paris - Deutsche Politiker haben harsche Kritik an der Rating-Agentur S&P geübt. "Standard & Poor's muss endlich aufhören, Politik zu machen", sagte Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs. "Wieso kümmert sich die Agentur nicht um die hoch verschuldeten USA oder das hoch verschuldete Großbritannien?", fragte der CDU-Wirtschaftspolitiker.

Großbritannien habe ein viel höheres Staatsdefizit und eine höhere Staatsverschuldung als Frankreich. "Wenn die Agentur Frankreich herabstuft, müsste sie konsequenterweise auch Großbritannien herabstufen." Auch sein Kollege Michael Meister kritisierte die Herabstufung, die ausgerechnet zu einem Zeitpunkt komme, in dem Frankreich gerade Reformen beschlossen habe.

Ähnlich äußerte sich Außenminister Guido Westerwelle, der Gespräche mit seinen EU-Kollegen über die Einrichtung einer europäischen Rating-Agentur ankündigte. "Wir brauchen dringend mehr Wettbewerb und unabhängige, europäische Rating-Agenturen, damit nicht politische oder wirtschaftliche Interessen zulasten des Euro und zulasten Europas zur Geltung kommen können." Vizekanzler und FDP-Chef Phillip Rösler sagte im Interview mit SPIEGEL ONLINE: " US-Rating-Aagenturen, das zeigt sich immer wieder, verfolgen sehr eigene Zwecke."

"Krieg gegen die europäischen Völker"

Auch Linksfraktionschef Gregor Gysi kritisiert die jüngste Herabstufung scharf. "Wir haben es gegenwärtig mit einem Krieg der Banken und der amerikanischen Rating-Agenturen gegen die europäischen Völker zu tun", sagte er am Samstag nach einer Fraktionsklausur in Berlin. Die Herabstufung diene nur dem Zweck, die Kreditzinsen zu erhöhen und damit den Verdienst der Banken zu steigern. "Es gibt keine objektiven Kriterien, die es rechtfertigen würden, Frankreich und die anderen Länder so herabzustufen, wie das geschehen ist." Gysi forderte erneut eine öffentlich-rechtliche europäische Rating-Agentur.

Die US-Agentur S&P hatte neun Euroländer mit einer schlechteren Kreditwürdigkeit bewertet: Das Schwergewicht Frankreich und Österreich verloren ihre Bestnoten. Deutschland behielt aber sein Spitzenrating von AAA. Europas Politiker hätten nicht genug getan, um die Schuldenkrise einzudämmen, hieß es zur Begründung von S&P. Die Rating-Agentur zeigte sich enttäuscht von den Ergebnissen des Eurogipfels im Dezember. Der Schritt erhöht den Druck auf ganz Europa: Denn es dürfte schwerer und teurer werden, sich frisches Geld am Kapitalmarkt zu leihen. Neben Frankreich und Österreich stufte S&P auch Italien, Spanien, Portugal, die Slowakei, Slowenien, Malta und Zypern herab.

Großer Finanzbedarf Italiens

Ihre Entscheidung begründete die Bewertungsagentur auch mit dem Risiko einer Rezession und mit dem großen Finanzbedarf Italiens in den kommenden Monaten. Das Risiko einer Rezession sei mit dem Schrumpfen der Wirtschaft in der Eurozone um zuletzt 1,5 Prozent gestiegen, sagte Europa-Chef Moritz Krämer am Samstag. S&P schätze es nun auf 40 Prozent. Mit Blick auf Italien sagte er, das Land brauche von Februar bis April über 130 Milliarden Euro und im Gesamtjahr 2012 über 300 Milliarden Euro.

Deutschland versucht, die Folgen der Entscheidung für die Schuldenkrise zu begrenzen. Bundeskanzlerin Angela Merkel erwägt Gesetzesänderungen, um den Einfluss der Bonitätsnoten im Anlagegeschäft zu brechen. Dazu könnten Vorschriften zur Vermögensverwaltung gelockert werden. Zudem müsse man darüber nachdenken, ob es sinnvoll sei, dass für Versicherer bei Herabstufungen der Ankauf bestimmter Staatsanleihen nicht mehr möglich sei. Die strikten Regeln würden einen "sich selbst verstärkenden Effekt" auslösen, sagte Merkel.

Außerdem solle der permanente Rettungsschirm ESM ihrer Ansicht nach so schnell wie möglich seine Arbeit aufnehmen. Bislang soll er bis Juli den bisherigen Rettungsfonds EFSF ablösen. Dieser muss sich am Markt das Geld für hilfsbedürftige Euro-Länder beschaffen, was bei einer Abstufung der Kreditwürdigkeit von ihn tragenden Ländern teurer werden kann.

Damit der Fonds 440 Milliarden Euro verleihen kann, müssen die Euroländer Garantien in Höhe von 780 Milliarden Euro bereitstellen. Diese Summe könnte sich durch die Herabstufungen erhöhen. Der künftige ESM wird zwar direkt mit Kapital der Euroländer gefüllt, aber die Beschaffung der Milliardensummen könnte gerade für Frankreich nun teurer werden.

wit/Reuters/dapd/dpa

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1.
silenced 14.01.2012
Eigentlich ist das, was diese Ratingagenturen beschließen vollkommen irrelevant, aber trotzdem hält sich jeder daran. Warum? Man kann doch seine Anleihen weiter zu einem 'moderaten' Zinssatz anbieten, und muss nicht immer sagen: "Oh, Rating 'XYZ' jetzt können wir nur noch zu Zinssatz 'ZYX' anbieten.". Entzieht sich meiner Meinung nach jeglicher Logik. Vor allem, je höher der Zinssatz, umso unwahrscheinlicher, daß es jemals alles zurückgezahlt werden kann, schon alleine deshalb, weil das von den Zinsen des 'virtuellen Kapitals' der Gläubiger erwirtschaftete Zinskapital + Tilgung erstmal 'REAL' erwirtschaftet werden muss. Etwas, was in den Dimensionen nicht mehr funktioniert, gar nicht funktionieren kann. Während das 'virtuelle Kapital' einfach vermehrt wird und ein unendliches Wachstum hat (ich will gar nicht wissen, wie oft schon alles zurückgezahlt wurde, wobei der Zins- und Zinseszins den ursprünglich eingebrachten Wert sicher schon um den Fakter drei übersteigt), ist das wirtschaftliche Wachstum einfach begrenzt, weil irgendwann ist Schluß. Sicher, am 'Anfang' gibt es immer gute Wachstumsraten, aber irgendwann sind 0,7% heute das, was vor 10 Jahren evtl. 10% entsprochen hätte, und damals war man auch mit 0,9% zufrieden. (rein 'virtuelle Zahlen', weil mit der Realität hat das alles so oder so nichts mehr zu tun) Somit stellt sich die Frage: welchen Markt genau tangiert jetzt eigentlich diese Abwertung? Den Amerikanischen Eisenbahnmarkt? (Historyhint!) Gesetze die man mal geschaffen hat, die kann man übrigens auch wieder zurücknehmen wenn sie sich als total unsinnig erwiesen haben. Genauso wie man Banken pleitegehen lassen kann die sich blind auf die 'Meinungsäußerung' einer 'nicht unabhängigen Institution' verlassen. Es hat doch keiner mehr wirkliche eigene Analysen erstellt, sondern nur noch geschaut: "Ah, Rating bei Lehman ist AAA+++, kann nix passieren die nächsten 20 Jahre." Doch tief im inneren hatten sicher viele Bauchschmerzen, aber keiner wollte was sagen und hat lieber alles totgeschwiegen. Egal, ist Geschichte, nun heißt nach vorne schauen, aus den Fehlern lernen und die gerade passenden (ich vermeide absichtlich 'richtige', denn die gibt es nie) Schlüsse ziehen. Auch wenn es wehtut. Angenehmen Abend wünsche ich noch.
2. Europas ganzer Jammer fasst mich an (frei nach Goethe)
dunnhaupt 14.01.2012
Zitat von sysopDer Rundumschlag der Rating-Agentur Standard & Poor's gegen Frankreich und acht weitere Euro-Länder setzt die Währungsunion unter Druck. Linksfraktionschef Gysi spricht von einem "Krieg gegen die europäischen Völker". Kanzlerin Merkel will, dass die Agenturen an Einfluss verlieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,809149,00.html
Die ehrwürdige alte Agentur von Standard & Poor's besitzt mehr als hundert Jahre Erfahrung mit Pleiteländern und kennt längst alle ihre lahmen Entschuldigungen, Ausflüchte, Tricks, Verdrängungs- und Ablenkungsversuche. Selbstverständlich sind sie niemals schuld daran, dass sie tief verschuldet sind. Es waren immer die anderen.
3. die agenturen haben .........
ottohuebner 14.01.2012
Zitat von dunnhauptDie ehrwürdige alte Agentur von Standard & Poor's besitzt mehr als hundert Jahre Erfahrung mit Pleiteländern und kennt längst alle ihre lahmen Entschuldigungen, Ausflüchte, Tricks, Verdrängungs- und Ablenkungsversuche. Selbstverständlich sind sie niemals schuld daran, dass sie tief verschuldet sind. Es waren immer die anderen.
in der vergangenheit sicherlich einige auch unverzeihliche fehler gemacht. verantwortlich dafuer ist u.a. auch die gesetzgebung. nun tuen die leute das was sie tuen sollen und es ist auch wieder nicht recht. die europaeischen politiker machen die schulden, die banken geben ihnen unverantwortlicherweise das geld und die ratingagenturen die auf die ueberschuldung hinweisen, sind schuld. den groessten bloedsinn hat dieser gysi von sich gegeben. das es den ueberhaupt noch gibt ? und nun will die politik "eigene" agenturen ? agenturen die den politikern die ratings geben die ihnen in den kram passen. das kann's doch nicht sein, oder ? und murksel will die vorschriften zur vermoegensverwaltung aendern ? was ist das denn fuer ein murks ? zitat Zudem müsse man darüber nachdenken, ob es sinnvoll sei, dass für Versicherer bei Herabstufungen der Ankauf bestimmter Staatsanleihen nicht mehr möglich sei. zitat ende es sollte murksel klar sein das die risiken bei den z.b. lebensversicherern damit erheblich steigen. oder mit anderen worten, die versicherer koennen dann anleihen des club med kaufen ? einen derartigen schwachsinn hab ich von einem staatsoberhaupt noch nie gehoert. murksel redet und macht murks............ die politiker, die durch ihre kreditfinanzierten "wohltaten" fuer ihre klientel nur ihre wiederwahl sichern wollen, muessen endlich lernen das man nicht mehr ausgeben kann als man einnimmt. so einfach ist das. die krise wurde verursacht in erster linie von unverantwortlich handelnden politikern und in zweiter linie von bankern die den politikern das geld fuer ihren bloedsinn geliehen haben.
4. Warum überhaupt Rating-Agenturen?
ladywanda, 14.01.2012
Und mit welchem Recht mischen sich diese Hanseln überhaupt in die Politik ein? Wenn ich bedenke, dass es GENAU DIESE Rating-Agentur war, die seinerzeit der Pleitebank Lehmann Bros. eine Super-Bewertung gegeben und damit das Desaster überhaupt erst mit ausgelöst hat... Was wäre wenn man diesen Rating-Quatsch einfach ignorieren würde? Hier maßt sich jemand einen Einfluss an, der in keinster Weise dazu legitimiert wurde. Oder will man jetzt in Zukunft vor jeder Bundestagssitzung erstmal stramm stehen unter dem Motto "Hier spricht der Souverän" erstmal die Börsenkurse und das neues ´Rating zur Kenntnis nehmen, um dann auf dieser Grundlage politische Entscheidungen zu fällen? Warum räumt die Politik den Rating-Agenturen einen solchen Einfluss ein? Wir Wähler haben sie nicht gerufen, wir haben sie auch nicht um irgendeine Meinung gebeten und wir haben ihnen niemals die Befugnis gegeben sich dermaßen massiv in unser aller Leben einzumischen wie sie es faktisch tun.. Man soll doch endlich diesen Popanz abschaffen - es ist einfach schandhaft, wie hier eine Handvoll so genannter Finanzexperten ( die SOOO schlau nun auch wieder nicht sind -siehe Lehmann Bros. ) ganze Völkerstämme am Narrenseil führt.
5. Goldman & Sachs
angnaria 14.01.2012
Zitat von dunnhauptDie ehrwürdige alte Agentur von Standard & Poor's besitzt mehr als hundert Jahre Erfahrung mit Pleiteländern und kennt längst alle ihre lahmen Entschuldigungen, Ausflüchte, Tricks, Verdrängungs- und Ablenkungsversuche. Selbstverständlich sind sie niemals schuld daran, dass sie tief verschuldet sind. Es waren immer die anderen.
Bei dem Goldman & Sachs Konkurs, der ja immerhin die größte Wirtschaftskrise seit der großen Rezession in den 20`ern ausgelöst hat, waren die 100 Jahre Erfahrung scheinbar nicht ausreichend - denn diese Bank wurde bis zum Ende mit AAA bewertet. Genau um solches zu vermeiden gäbe es diese Agenturen eigentlich, aber als man sie das erste mal wirklich in großem Ausmaß gebraucht hätte, haben sie kolossal versagt. Österreich mit einer Arbeitslosenquote von 4% und einer Staatsverschuldung von unter 75% des BIP die Bestnote zu entziehen, sie aber GB gleichzeitig zu lassen ist nur als politisches Manöver erklärbar - eine andere Erklärung gibts dafür nicht.
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Malta A- Negativ A
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Quelle: dpa-AFX
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