S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Das Griechenland-Komplott

Von Jan Fleischhauer

Überall heißt es, die Griechen hätten sich ihren Absturz selbst zuzuschreiben. Aber was, wenn alles ganz anders ist? Wenn hinter ihrem Niedergang in Wahrheit ein großer Plan steht? Verschwörungstheoretiker haben ein neues Betätigungsfeld gefunden: die Euro-Krise.

Ein Vorteil jeder Verschwörungstheorie ist das Aha-Erlebnis, das der Moment der Erkenntnis auslöst, wenn die Teile zusammen kommen, die eben noch unverbunden nebeneinander lagen. Man muss sich nur trauen, die Dinge einmal anders zu betrachten, als sie uns präsentiert werden, dann ergeben sie plötzlich einen überraschend klaren Sinn.

Nehmen wir die offizielle Version der Euro-Krise. Für den unbedarften Zeitgenossen ist der Niedergang Griechenlands Folge einer Politik, die auf übermäßige Schulden statt auf Wachstum setzte, und für die nun, mit Verspätung, die Rechnung präsentiert wird. So erklärt es uns die Kanzlerin, so lesen wir es in der Zeitung. Aber sollen wir das wirklich glauben? Was, wenn dahinter ein Plan von ganz anderer Seite stünde? Wenn es in Wahrheit darum ginge, am Beispiel dieses kleinen, an der Peripherie des Euro-Raums gelegenen Staates einmal durchzuspielen, wie man ein Land so weit destabilisieren kann, dass es zum Übungsfeld neoliberaler Zwangsmaßnahmen wird.

Muss man nicht bei genauerem Nachdenken viel eher zu der Vermutung kommen, dass die Griechen bewusst über billige Kredite in die Schuldknechtschaft geführt wurden, um sie zum Soziallabor zu machen?

Paranoides Denken in den kritischen Kreisen

Als "Schock-Therapie" firmiert diese Deutung der Griechenland-Pleite. Wer das für einen Witz hält, der bestenfalls in der Blogosphäre zirkuliert, hat lange nicht mehr das Mittagsprogramm des WDR gehört. Oder Naomi Klein gelesen. Die kanadische Heroine der Globalisierungskritik hat bereits vor vier Jahren das Grundkonzept der "Schock-Strategie" freigelegt, mit der die Agenten des Kapitals die neue Ordnung der Radikalökonomie zu etablieren versuchen. Alles kommt bei ihr zusammen, die Folterkeller in Chile, Milton Friedman, die CIA, das Pentagon und, natürlich, die Herren der Wall Street. Es funktioniert wie Gehirnwäsche: Der Kapitalismus braucht die Katastrophe, um die Menschen gefügig zu machen, so lernen wir bei Klein; wo sich diese nicht von selber einstellt, helfen die Männer im Hintergrund gern ein wenig nach.

Es ist kein Zufall, dass sich das paranoide Denken vor allem in den kritischen Kreisen hält. Wer laufend gegen das Böse kämpft, gegen übermächtige Feinde und böse Machenschaften, dessen Gemütszustand ist naturgemäß etwas angespannt. Der Kampf gegen drohendes Unheil, sei es der Atomtod oder die Diktatur der Finanzmärkte, gibt dem Leben Richtung und Sinn, was sich bei der Nachwuchsgewinnung durchaus bezahlt macht. Nur führt die nervöse Weltsicht eben auch dazu, dass sich die Perspektiven verschieben und der Realitätssinn leidet. Von der Rede über das "System" bis zur Annahme, das SIE im Hintergrund die Fäden ziehen, ist es nur ein kleiner Schritt.

Je harmloser jemand wirkt...

Kennzeichen der Verschwörungstheorie ist die Fähigkeit, auch das passend zu machen, was sich auf den ersten Blick nicht ins Bild fügen will. Aber man darf sich nicht täuschen lassen. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ausgerechnet der Bundeskanzlerin jetzt die Aufgabe zufällt, die neoliberale Zwangsherrschaft in Europa durchzusetzen? Hätte man ihr gar nicht zugetraut, so viel sinistre Energie. Aber das ist ja gerade der Trick: Je harmloser jemand wirkt, desto mehr muss man sich vor ihm in Acht nehmen. Wie war das noch mit der Geburtstagsfeier, die Angela Merkel für den Deutsche-Bank-Chef im Kanzleramt ausgerichtet hat? Schon vergessen? Bis vor Gericht kämpften ihre Handlanger gegen die Herausgabe der Teilnehmerliste.

Das paranoide Denken ist kein Privileg der Linken, sicher. Auch am rechten Rand gibt es jede Menge Leute, die den merkwürdigsten Phantasmen nachhängen, angefangen damit, dass Obama gar kein Amerikaner sei. Aber solche Zwangsvorstellungen verlassen selten den Kreis der Gläubigen. Kein Presseorgan, das etwas auf sich hält, käme auf die Idee, ihnen größeren Platz einzuräumen.

Wie gesellschaftsfähig die linke Verschwörungstheorie selbst unter aufgeklärten Menschen ist, für die Elvis nicht noch irgendwo unerkannt ein Rentnerdasein fristet, zeigen in diesen Tagen wieder die Mutmaßungen rund um den 11. September. Wer behauptet, dass Osama Bin Laden eine Erfindung der CIA ist, schafft es damit spielend ins Kulturprogramm der ARD, wo dann das Für und Wider dieser Theorie erörtert wird.

Verschwörungsbüchlein über 9/11

Vor wenigen Wochen erst war in der "Süddeutschen Zeitung" eine ausführliche Besprechung eines Buches zu lesen, das so ziemlich alles in Frage stellt, was als gesicherte Erkenntnis zu den Anschlägen gilt, von der Identität der Attentäter bis zur Flugnummer der Maschinen, die am 11. September in New York, Washington und Shanksville in Flammen aufgingen (die Flugzeuge wurden in der Luft ausgetauscht!). Man sollte annehmen, dass solcher Hokuspokus dahin verwiesen wird, wo er hingehört, nämlich ins Reich der Mythen. Stattdessen empfahl die "SZ" das Werk als "hochinteressantes Buch", das "nachdenklich stimmt, auch wenn man den Vermutungen nicht folgen mag".

Zu den Vermutungen, die in München als so interessant erscheinen, dass man ihnen eine halbe Seite im Feuilleton einräumte, gehört die Annahme, dass die US-Regierung die Anschläge selber in Auftrag gegeben hat. Warum sie das getan haben soll? "Um die Bürger des eigenes Landes schockiert und verängstigt in den Krieg zu schicken", wie die Autoren des Verschwörungsbüchleins "11.9. - Zehn Jahre danach. Der Einsturz eines Lügengebäudes" messerscharf schlussfolgern. Fehlt in der Aufzählung der Hintermänner eigentlich nur noch der Mossad, aber den hat man sich mit Rücksicht auf die deutschen Leser wohl gespart.

Sobald der Satan Amerika in der Nähe auftaucht, scheint alles möglich. Große Ereignisse verlangen nach großen Verursachern - was liegt da näher als ein Verweis auf die Wirtschafts- und Militärmacht, die noch immer als die bedeutendste der Welt gilt, trotz Finanzkrise und Dollarschwäche? Wahrscheinlich werden wir als Nächstes irgendwo lesen, dass SIE die Kritiker des neoliberalen Weltumbaus mit geschickt gestreuten Verdächtigungen zu Fall bringen.

Aber halt, das hatten wir ja schon. Der Mann hieß Dominique Strauss-Kahn und war, wie wir wissen, das Opfer einer Intrige aus dem Elysée-Palast, um ihn als Kandidaten der Sozialisten aus dem Rennen zu schubsen. Wurde in der Zeit nicht auch noch die Frau des französischen Präsidenten schwanger? Wie praktisch.

Na, wer da noch an Zufälle glaubt, dem ist wirklich nicht zu helfen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Heute ist wirklich.....
Cortado#13 12.09.2011
Zitat von sysopÜberall heißt es, die Griechen hätten sich ihren Absturz selbst zuzuschreiben. Aber was, wenn alles ganz anders ist? Wenn hinter ihrem Niedergang in Wahrheit ein großer Plan steht? Verschwörungstheoretiker haben* ein neues Betätigungsfeld gefunden: die Euro-Krise. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785696,00.html
alles möglich und durchaus denkbar. Wann begreift man endlich, dass es vor dem Euro diese akuten Missstände nicht gegeben hat. Und wer auch noch behauptet, dass frühere Währungsdifferenzen für das Geschäft negativ waren, der ist entweder weltfremd, oder nicht mehr Herr seine Sinne!
2. Verschwörungstheoretiker in Leasing-Autos
larsmach 12.09.2011
Na, hoffentlich haben jene Verschwörungstheoretiker ihre Autos, Plasmabildschirme und Sofas bezahlt! Andernfalls trügen sie den Grund für jedwede Schuldenkrise selbst zu Markte...
3. ...
Barksdale 12.09.2011
Wieder einmal eine ausgezeichnete Analyse des Jan Fleischhauer. Verschwörungstheoretiker sind im Besitz eines derart wirren Geisteszustandes, sie versuchen ihr Informationsvacuum durch das fabulieren abstruser Behauptungen zu schließen. Sie können unmöglich glauben, dass Menschen einmal nicht Lügen. Um diese mentale Verwirrtheit zu rechtfertigen, ist ihnen jedes Mittel recht. Selbst physikalische Gesetze und Phänomene sind nunmehr nichtexistent, siehe 9/11.
4. gegen titelzwang!
klowasser 12.09.2011
Zitat von sysopÜberall heißt es, die Griechen hätten sich ihren Absturz selbst zuzuschreiben. Aber was, wenn alles ganz anders ist? Wenn hinter ihrem Niedergang in Wahrheit ein großer Plan steht? Verschwörungstheoretiker haben* ein neues Betätigungsfeld gefunden: die Euro-Krise. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785696,00.html
Die Gesellschaftsfähigkeit rechter Verschwörungstheorien zeigt sich jede Woche in Jan Fleischhauers Kolumne. Gut, lassen wir ihn aber: Es gibt Menschen, die fühlen sich von Außerirdischen verfolgt, andere glauben an Echsenmenschen, und bestimmte Individuen sehen hinter jeder Ecke einen Kommunisten lauern.
5. Mir scheint
Family Man 12.09.2011
der Herr Fleischhauer hat die Aufgabe, alle die genauer hingucken, als Verschwörungstheoretiker zu diffamieren. Das Goldman Sachs die Bücher von Griechenland "gekocht" hat um den wahren Zustand von Griechenlands Finanzen zu verschleihen ist ja eine bekannte Tatsache. Das jetzt Draghi als Goldman Alumni die EZB leitet, kann einem schon mißtraurig machen.
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