S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Der Milleniums-Ökonom

Von Jan Fleischhauer

Helmut Schmidt erklärt uns die Welt: Der Euro ist stabil, das Gerede über eine Krise "leichtfertiges Geschwätz". So hat er alle Einwände auch schon abgekanzelt, als es um die Einführung der Gemeinschaftswährung ging - die Geschichte eines fortgesetzten Irrtums.

Woher kommt bloß diese Helmut Schmidt-Begeisterung? Ist es der Respekt vor dem Durchhaltevermögen des Altkanzlers, der im Dezember 93 Jahre alt wird? Die Freude über ein vertrautes Gesicht in einer sich immer schneller wandelnden Zeit? Die heimliche Bewunderung für das Kettenrauchertum? An seinen Einlassungen zur aktuellen politischen Lage kann es jedenfalls nicht liegen, dass Schmidt bei den Deutschen in so hohem Ansehen steht - es sei denn, man kommt zu dem Schluss, dass sie an kognitiver Dissonanz leiden, wie die Psychologie einen Zustand nennt, in dem Gefühltes, Gehörtes und Erlebtes komplett auseinander fallen.

Rekapitulieren wir kurz, wie der Herausgeber der "Zeit" anlässlich der Verabschiedung von EZB-Präsident Trichet die größte Krise beurteilte, in der sich Europa seit Ratifizierung seiner Gründungsurkunden befindet: Die Europäische Zentralbank habe sich als handlungsfähig erwiesen, ihre Politik als wirksam, erklärte Schmidt dem andächtig lauschenden Publikum. Das "vielfältige Gerede von einer sogenannten Krise des Euro" ist "bloß leichtfertiges Geschwätz von Politikern und Journalisten."

Sogenannte Krise des Euro?

Nur drei Wochen nach Schmidts Auftritt in Frankfurt brachte der Zinssprung bei italienischen Staatsanleihen die Währungsunion am vergangenen Mittwoch an einen Punkt, an dem es nach Meinung vieler nur noch zwei Möglichkeiten gibt: Entweder diese Union bricht auseinander. Oder die Zentralbank leiht Italien das Geld, das es am Markt nicht mehr zu finanzierbaren Kosten bekommt - was nichts anderes bedeutet, als dass Europa seine Notenpressen anwirft.

Immerhin: Schmidt bleibt sich treu

Immerhin, Schmidt ist sich treu geblieben, da gibt es nichts. Schon bei der Einführung des Euro gehörte er zu denen, die völlig unbeirrt, um nicht zu sagen emphatisch an ein gutes Ende dieses Abenteuers glaubten. Zweiflern, die auf die unterschiedlichen Mentalitäten und Wirtschaftskulturen verwiesen, antwortete er, sie wollten nur an die "Gefühle der Bevölkerung" appellieren, die aus sentimentalen Gründen an der D-Mark hinge.

Den Stabilitätspakt hielt er für falsch ("deutsche Großmannssucht!"), die Maastricht-Kriterien für weitgehend überflüssig. "Ich will einräumen: Auch mir scheint ein hohes Maß an Gleichlauf ('Konvergenz') der Volkswirtschaften der Teilnehmerstaaten wünschenswert", beschied er den damaligen Bundesbank-Präsidenten Hans Tietmeyer: "Aber für die Funktionstüchtigkeit des Euro ist die Konvergenz keineswegs nötig."

Tietmeyer war für die strikte Einhaltung der Maastricht-Kriterien eingetreten. Damit stellte er sich in die Reihe der "Provinz-Außenpolitiker" und "Provinz-Ökonomen", deren "fachliche Mäkeleien" nach Ansicht des Altkanzlers einen erschreckenden "Mangel an strategischer Einsicht" beziehungsweise einen gefährlichen "DM-Nationalismus" zeigten (andere Provinzler waren in wechselnder Folge Horst Köhler, Theo Waigel, Edmund Stoiber, Rudolf Augstein).

Unter seiner Kanzlerschaft vervierfachten sich die Schulden

Es kommt öfter vor, dass Menschen partout auf einem Feld reüssieren wollen, für das sie eher unbegabt sind. Schmidt setzte immer schon den größten Ehrgeiz darauf, sich der Öffentlichkeit als Wirtschaftsweiser zu empfehlen, dabei lagen seine Fähigkeiten erkennbar woanders. In den achteinhalb Jahren seiner Kanzlerschaft vervierfachten sich die Schulden des Bundes von 80 Milliarden auf 320 Milliarden D-Mark, das hat kein anderer deutscher Regierungschef in einem vergleichbaren Zeitraum hinbekommen; auch die Arbeitslosigkeit erreichte Rekordhöhen.

Der Historiker Gérard Bökenkamp kommt in seiner "Geschichte der Sozial-, Wirtschafts- und Finanzpolitik" der Bundesrepublik im Fall Schmidt zu dem Befund: "In der Frage der Devisenbewirtschaftung lag er falsch, seine Finanzpolitik war ein Desaster, seine Konjunkturpolitik blieb wirkungslos, seine Aussagen zur Inflation und Stabilität waren wechselhaft."

Schmidt hat sich durch solche Rückschläge nie beirren lassen. Der Welt- und (wie man seit der Bambi-Verleihung vergangene Woche sagen darf) Milleniums-Ökonom wusste nicht nur immer ganz genau, warum ihm niemand anders das Wasser reichen konnte, er ließ die Welt darüber auch nie im Unklaren. Darin ist er sich ebenfalls treu geblieben, wie seine Ausfälle gegen die Bundeskanzlerin zeigen.

Die Stabilität des Euro - nur geliehen

Wir hören jetzt wieder, dass es an der Zeit sei, das Primat der Politik gegen das Primat des Ökonomischen durchzusetzen. Wenn damit gemeint sein sollte, die wirtschaftliche Vernunft außer acht zu lassen, kann man nur sagen: Das hatten wir schon. Der Euro ist ein schönes Beispiel, was geschieht, wenn man auf hehre Appelle vertraut und davon absieht, auf welche Anreize Menschen in Wirklichkeit reagieren.

Daran ändert auch nichts, dass der Wechselkurs zum Dollar relativ stabil ist, wie die Euro-Freunde nicht müde werden zu betonen. Diese Stabilität ist im wahrsten Sinne geliehen. Sie gründete in der Vergangenheit auf der Annahme, dass die Deutschen alles für den Erhalt der Gemeinschaftswährung tun werden.

Bislang haben die Bundesbürger diese Erwartung erfüllt. Man wird sehen, ob sie künftig auch bereit sind, für ihre notleidenden Nachbarn die Goldvorräte herzugeben oder das Ersparte zu entwerten.

Sollten sie sich verweigern, ist auch die vielgelobte Stabilität dahin.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 142 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
Olaf 14.11.2011
Zitat von sysopHelmut Schmidt erklärt uns die Welt: Der Euro ist stabil, das Gerede über eine Krise "leichtfertiges Geschwätz". So hat er alle Einwände auch schon abgekanzelt, als es um die Einführung der Gemeinschaftswährung ging - die Geschichte eines fortgesetzten Irrtums. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,797547,00.html
Ja, unter mangelndem Selbstbewusstsein leider Helmut Schmidt eher nicht. Ich denke, er hat den II. Weltkrieg als Soldat miterlebt und gegen dieses Grauen verblassen die jetzigen Probleme mit Europa. Daher habe ich für seine Einstellung Verständnis. Trotzdem aber sind es Probleme und sie sind auch wichtig und sie müssen gelöst werden. Ignorieren bringt uns nicht weiter.
2. zugegeben,...
adam68161 14.11.2011
in seiner aktiven Zeit war Helmut Schmidt kein schlechterer Bundeskanzler als seine Vorgänger. Aber als Ökonom hat er doch kläglich versagt. Ich erinnere nur an die während seiner Amtszeit entstandenen Inflationsraten, die er mit einer patzigen Bemerkung wegwischte, die aber die Sparer ihr Vermögen gekostet haben. Und heute? Das permanente Schnitzen eines Greises am eigenen Denkmal! Die an Nepotismus erinnernde Unterstützung seines PG Steinbrück! - unsäglich! mit jedem Interview, das der Mann gibt (und er hat dafür viel Zeit und bekommt dafür noch mehr Geld), verliere ich ein Stück Respekt.
3. Hostienschändung!
festuca 14.11.2011
Zitat von OlafJa, unter mangelndem Selbstbewusstsein leider Helmut Schmidt eher nicht.
An mangelndem Selbstbewusstsein scheint eher Herr Fleischhauer nicht zu leiden. Wie kann man es wagen, einer Ikone wie dem Altkanzler ans Bein zu pinkeln ! Allerdings hat dessen Ansehen bei mir arg gelitten, als er sich kürzlich ausgerechnet für Steinbrück in die Bresche warf.
4. Fleichhauer hat recht
exxtreme2 14.11.2011
Helmut Schmidt war schon immer ein ökonomischer Analphabet, hat Schulden gemacht ohne Ende und das hat nix gebracht. Leider war er trotzdem viel besser als das Kaspertheater was man derzeit hat. Andererseits ... you get what you pay for.
5. Bravo!
Pinin 14.11.2011
Endlich mal jemand der das Bild von Schmidt zurechtrückt. Jemand der dermaßen arrogant und rechthaberisch auftritt kann nur entweder ein Überirdischer oder ein Hochstapler sein, denn Erkenntnis beruht stets auf vorhergehenden Zweifel und vorhergehendes Problembewußtsein. Beides existiert bei Schmidt einfach nicht. Also Hochstapler.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 142 Kommentare
  • Zur Startseite
Jan Fleischhauer

Facebook

Interaktive Grafik

Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.