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26. Mai 2011, 12:51 Uhr

S.P.O.N. - Im Zweifel links

Der ewige Krieg

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Wann kommt endlich Frieden in Nahost? Seit Jahrzehnten hofft die Welt auf eine Aussöhnung von Israelis und Palästinensern. Doch es ist ein tragischer, weil offenbar aussichtsloser Fall aus der Polit-Pathologie: Beide Seiten scheinen den ewigen Konflikt zu brauchen.

Neulich im Nahost-Konflikt: Barack Obama hat gesagt, Israelis und Palästinenser sollen in den Grenzen von 1967 miteinander leben. Benjamin Netanjahu hat darauf erwidert, Israel wird auf keinen Fall zu den Grenzen von 1967 zurückkehren. Mahmud Abbas hat gesagt, Netanjahus Rede sei "voller Irrtümer und Verzerrungen" gewesen und will im September vor der Uno den eigenen Staat einfordern. Darauf hat wiederum Barack Obama gesagt, dass es "ein Fehler wäre, wenn die Palästinenser den Weg über die Vereinten Nationen gehen, anstatt sich hinzusetzen und mit den Israelis zu reden".

Halt.

Stellen Sie sich vor, Sie wurden im Jahr des Sechs-Tage-Kriegs geboren, also 1967. Dann waren Sie in der sechsten Klasse, als sich Carter, Begin und Sadat 1978 in Camp David trafen und über den Rückzug aus dem Gaza-Streifen und die palästinensische Selbstverwaltung verhandelten. Als sich Israelis und Palästinenser 1993 im Abkommen von Oslo das erste Mal gegenseitig anerkannten, haben Sie vielleicht gerade geheiratet. Als sich der Israeli Benjamin Netanjahu und der Palästinenser Mahmud Abbas in Washington trafen, um über die Zwei-Staaten-Lösung zu sprechen, war Ihr erstes Kind vielleicht zwölf Jahre alt. Das war im vergangenen Jahr. Und weiter? Wo werden die Verhandlungen stehen, wenn Ihre Kinder die Schule abschließen? Und was wird sein, wenn Sie eines Tages Enkelkinder haben? Wird es immer so weitergehen?

Der Nahost-Konflikt ist neben dem Kalten Krieg der prägende Konflikt des 20. Jahrhunderts gewesen. Aber während die systemische Spaltung der Welt in zwei ideologische Hälften überwunden ist, hält der Nahost-Konflikt an. Und obwohl das aus mehrfacher Hinsicht ganz unsinnig ist, wurde er zum symbolischen Austragungsort der Auseinandersetzung zwischen westlicher und islamischer Welt, diesem neuen Ost-West-Konflikt, der an die Stelle des alten getreten ist.

Angesichts der beinahe geologisch anmutenden Dauer dieser Auseinandersetzung ist es jedes Mal ein surreales Erlebnis, in den Zeitungen über seinen Verlauf zu lesen, als handele es sich um den üblichen Stoff der Berichterstattung.

Dabei reicht dieser Zwist so tief, dass nicht nur eine Lösung unmöglich scheint, sondern schon das Gespräch darüber. Zum Nahost-Konflikt ist alles gesagt. Von allen. Und es gibt da keine Gewinner. Weder auf dem Feld, noch auf dem Papier. Die Israelis leiden und die Palästinenser auch. Und jede Äußerung dazu scheitert.

Zeigt man Verständnis für Israels Furcht vor den Raketen der Hamas, ist man ein Büttel des amerikanischen Imperialismus. Zeigt man Verständnis für die Wut der Palästinenser, die in Gaza eingesperrt sind und von den israelischen Soldaten malträtiert werden, ist man Antisemit. Zeigt man Verständnis für beide Seiten, ist man naiv oder gleichgültig. Und zeigt man für beide Seiten gleichermaßen wenig Verständnis, ist man ein arroganter Europäer, dem der Sinn für das Historische abhandengekommen ist.

Ein Konflikt, von dem man sich abwenden will

Es ist ein Konflikt, von dem man sich abwenden möchte. Den man eher in Begriffen der Psychopathologie fassen möchte als in solchen der Politik. Politik hat etwas mit Interessen zu tun und mit dem Ringen um ihren Ausgleich. Die Psychopathologie aber etwas mit Zwängen und dem Leiden daran. Die Unlösbarkeit dieses Konflikts rührt aber von der Verschränkung des Pathologischen mit dem Politischen. Es gibt auf beiden Seiten Interessen, die durchgesetzt werden wollen, und es gibt auf beiden Seiten ein Leid, von dem man nicht lassen will. Beide Seiten haben sich moralisch und materiell von diesem Konflikt abhängig gemacht.

Für die Mobilisierung ihrer Massen braucht die Hamas die Fortdauer des Kampfs ebenso wie die Konservativen in Israel sie brauchen. Beide schöpfen ihre Bedeutung aus dem Gefühl der ständigen Bedrohung. Darum hat - außer Saudi- Arabien - auch niemand so panisch auf den Umsturz in Ägypten reagiert wie Israel. Die Saudis fürchten um ihre Macht. Die Israelis um ihr Feindbild.

Als Reaktion auf den arabischen Frühling hat Israel seinen Verteidigungshaushalt - der pro Kopf ohnehin der höchste der Welt ist - noch weiter erhöht und von den USA weitere 20 Milliarden Dollar an Militärhilfe gefordert, zusätzlich zu den drei Milliarden, die ohnehin jedes Jahr fließen.

In jeder relevanten Hinsicht sind die Palästinenser von der arabischen und iranischen Hilfe ebenso abhängig wie Israel vom Westen. Die Antisemiten in Teheran schicken Waffen und Terror-Ausbilder ins Krisengebiet. Der Springer-Verlag liefert moralische Munition, und von den USA gibt es Milliarden fürs Militär.

Gerade hat die "Bild"-Zeitung dem israelischen Konservatismus wieder sekundiert und Obama für seine halbwegs ausgewogene Nahost-Rede scharf kritisiert: "In Israel wird man durch Frieden zum Volkshelden - wie Rabin. Bei den Palästinensern aber - wie Arafat - durch Terror." Ein vielsagend falscher Vergleich: Rabin ist bisher der einzige israelische Premier, der einem Attentat zum Opfer fiel. Der Täter war ein israelischer Terrorist.

Israel und Palästina haben viele falsche Freunde. Sie lindern die Polit-Pathologie in Nahost nicht, sondern verlängern sie. Und dies wird noch vielen Israelis und Palästinensern das Leben kosten. Wer sich nicht selber helfen will, dem ist nicht zu helfen. Die Wahrheit ist, dass man sich von diesem Konflikt abwenden will - und es doch nicht kann.

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