Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Im Zweifel links: Es war einmal der Westen

Von

Die Beinahekatastrophe der US-Schuldenpolitik zeigt: In Amerika regiert der politische Irrsinn. Die USA sind ein politisch und sozial zerrissener failed state. Europa muss endlich lernen, sich um sich selbst zu kümmern.

Das Wort Westen hatte mal eine Bedeutung. Es beschrieb gemeinsame Ziele und Werte, die Würde von Demokratie und Gerechtigkeit gegenüber Tyrannei und Willkür. Aber das ist Vergangenheit. Es gibt den Westen nicht mehr. Wer Europa und die USA in einem Atemzug nennen will, dem sollte der Atem stocken. Nach allem, was wir unter dem Begriff verstehen, ist Amerika kein westliches Land mehr.

Ein Regierungssystem, das sich fest im Griff der Eliten befindet, ein ausufernd aggressiver Militarismus, der in den vergangenen zehn Jahren zwei kostspielige Kriege vom Zaun gebrochen hat und eine sozial und politisch tief gespaltene Gesellschaft, die sich in ihrer ideologischen Verblendung immer weiter vom Kern der Demokratie entfernt - dem Kompromiss.

Amerika hat sich verändert. Es hat sich vom Westen entfernt.

Der soziale Zerfall dieses reichen Landes ist atemberaubend. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz hat ihn jüngst beschrieben: Das reichste Prozent der Amerikaner reklamiert gut ein Viertel des Gesamteinkommens für sich - vor 25 Jahren waren es zwölf Prozent. Es besitzt 40 Prozent des Gesamtvermögens - vor 25 Jahren waren es 33 Prozent. Stiglitz sagt, dass sich in vielen Ländern der sogenannten Dritten Welt die Einkommensunterschiede zwischen Arm und Reich reduziert hätten. In den USA sind sie gewachsen.

Amerikas Weg führe zum "Status einer Bananenrepublik" hat der Ökonom Paul Krugman geschrieben, ebenfalls Nobelpreisträger. Der soziale Zynismus und die gesellschaftliche Gleichgültigkeit der Dritten Welt sind zum Kennzeichen Amerikas geworden. Das beschleunigt den Zerfall der Gesellschaft. Denn je mehr die Ungleichheit wächst, desto weniger wollen die Reichen sich am Gemeinwohl beteiligen. Wenn eine Firma wie Apple mit 76 Milliarden Dollar über mehr Reserven verfügt als die Regierung in Washington, dann registriert man als Europäer den Widerstand der Republikaner gegen Steuererhöhungen mit Kopfschütteln als etwas Selbstzerstörerisches.

Das gleiche gilt für die zerrüttete politische Kultur Amerikas, das den Namen Vereinigte Staaten mit immer weniger Recht trägt. In der amerikanischen politischen Debatte ist etwas zum Alltag geworden, das man in Deutschland seit der Debatte um Brandts Ostpolitik nicht mehr kennt: Hass. Gleichzeitig setzt sich Verblendung an die Stelle von Vernunft. Steuersenkung wird zum Kult und Staatsferne zur Ideologie. In diesem neuen amerikanischen Bürgerkrieg ist längst auch der Respekt vor dem höchsten Amt geopfert worden. Dass Barack Obama der erste schwarze Präsident des Landes ist, wird dabei eine Rolle gespielt haben.

Wir sind anders

Rettung ist nicht in Sicht. Auf die Politik kann man in Amerika nicht mehr setzen. Die Abhängigkeit der Abgeordneten und Senatoren von den Spenden der Reichen ist zu groß. Auch einen revolutionären Sturm auf irgendeine Bastille wird es nicht geben. Die Wut im Volk ist groß, aber es ist den Eliten längst gelungen, diese zu kontrollieren und zu kanalisieren. Bei der Gründung der Tea-Party-Bewegung standen die Brüder David und Charles Koch Pate, milliardenschwere Industrielle, und ihr Sprachrohr ist Rupert Murdochs Hetzsender Fox News.

Aus europäischer Sicht mutet all das sehr fremdartig an: Eine andere politische Kultur. Nicht unsere. Andere Regeln, andere Maßstäbe. Wir beobachten Amerika mehr und mehr mit dem deutlichen Gefühl: Wir sind anders.

Das amerikanische Schicksal ist eine Warnung: Wir müssen unsere politische Kultur schützen, unsere Institutionen, unseren Staat. Thilo Sarrazins Erfolg hat gezeigt, dass auch Deutschland gegen die kulturelle Kälte, in der am Ende die lebenswichtigen Funktionen des Systems erstarren, nicht gefeit ist. Und auch unsere Gesellschaft ist auf dem Weg der fortschreitenden Ungleichheit und der Entdemokratisierung schon ein schlechtes Stück vorangekommen.

Das amerikanische Schicksal ist aber auch eine Chance: In dem Maße, in dem sich Amerika uns entfremdet, werden wir lernen (müssen), als Europäer zu denken. Der Westen, das sind wir.

Newsletter
Kolumne - Im Zweifel Links
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 574 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Dies ist ein Artikel
diefreiheitdermeinung 04.08.2011
so richtig nach dem Geschmack eines arroganten Europaers. Was ist bei uns denn wirklich anders ? Ist die Deutsche Bank wirklich soviel besser und glaubwuerdiger als die Citibank, SAP weniger profitgeil als Apple ? Es wird Zeit, dass nicht nur die US Amerikaner sondern auch wir Europaer endlich aufhoeren uns selbst zu taeuschen und uns staendig auf die Schulter zu klopfen. Hochmut kommt auch bei uns vor dem Fall...
2. Europa muss endlich lernen, sich um sich selbst zu kümmern
Arion's Voice, 04.08.2011
Zitat von sysopDie Beinahe-Katastrophe der US-Schuldenpolitik zeigt: In Amerika regiert der politische Irrsinn. Die USA sind ein politisch und sozial zerrissener failed state. Europa muss endlich lernen, sich um sich selbst zu kümmern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778316,00.html
JA!
3. Gescheitert, na und?
riccardo 04.08.2011
Zitat von sysopDie Beinahe-Katastrophe der US-Schuldenpolitik zeigt: In Amerika regiert der politische Irrsinn. Die USA sind ein politisch und sozial zerrissener failed state. Europa muss endlich lernen, sich um sich selbst zu kümmern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778316,00.html
Naja, wenn die USA ein failed state sein sollen, dann fragt man sich, was Europa erst ist. "The Most Failed States of Europe" vielleicht?
4. titel
malte71, 04.08.2011
Zitat von sysopDie Beinahe-Katastrophe der US-Schuldenpolitik zeigt: In Amerika regiert der politische Irrsinn. Die USA sind ein politisch und sozial zerrissener failed state. Europa muss endlich lernen, sich um sich selbst zu kümmern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778316,00.html
Ach, die USA haben ganz andere Krisen gemeistert, und zwar demokratisch, während bei uns Kaiser, Führer, Generalsekretäre etc. pp. aktiv waren.
5. ...
rufus008 04.08.2011
Zitat von sysopDie Beinahe-Katastrophe der US-Schuldenpolitik zeigt: In Amerika regiert der politische Irrsinn. Die USA sind ein politisch und sozial zerrissener failed state. Europa muss endlich lernen, sich um sich selbst zu kümmern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778316,00.html
Ach, Herr Augstein, wer sind denn "wir"? Ich habe bisher (fast) keinen Artikel von Ihnen gelesen, der mich nicht zu Kopfschütteln veranlasst hätte. Wenn ich Ihre Worte lese, fühle ich mich Ihnen gegenüber stets so fremd, als kämen wir aus völlig unterschiedlichen Kulturkreisen. Ich teile nicht einmal ansatzweise Ihre Vorstellung davon, wie diese Gesellschaft auszusehen hat, noch kann ich mich mit Ihrem Verständnis von Demokratie identifizieren. Und was jetzt?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Jakob Augstein
In dieser Woche...
...berichtet "Der Freitag" unter anderem über folgende Themen:
  • Das virtuelle Gold: Daten sind bares Geld wert. Öffnen Staat und Wirtschaft die Tresore, hilft das allen - oder macht wenige reich. Was jetzt zu tun ist

    Somalia: In Dadaab, dem größten Flüchtlingslager der Welt, wachsen die Konflikte

    Saatgut: Eigenes Heim und Urban Gardening - das Dorf in der Stadt

    Schlampenmode: Bei den Slutwalk-Demos ist die Kleiderfrage entscheidend. Ein Stilberater


Facebook


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: