Sadat-Witwe Jihan "Wer Frieden will, kann ihn verwirklichen"

2. Teil: Jihan al-Sadat über Mädchenbeschneidung, Muslimbrüder, und den Traum vom säkularen Ägypten


SPIEGEL ONLINE: Anwar al-Sadat sagte: "Das Palästina-Problem ist das Kernproblem des Nahen Ostens". Hat diese Aussage angesichts der Katastrophe im Irak noch Gültigkeit?

Sadat: Ja, das palästinensische Problem ist immer noch das Hauptproblem. Viele Iraker, die als Terroristen gelten, kämpfen gegen die Amerikaner auch deswegen, weil diese Israel unterstützen, das die palästinensischen Gebiete seit vier Jahrzehnten besetzt hält. Im Irak geht es auch um Palästina, es hängt eben alles zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Sie kämpfen seit Jahrzehnten erfolgreich für die Rechte der Frauen in Ägypten. Leider wurden einige ihrer Errungenschaften verwässert. Was ist passiert?

Sadat: Nun, die meisten meiner Reformen wurden nach dem Tode meines Mannes vom Parlament wieder rückgängig gemacht. Es hieß zum Beispiel, sie seien mit dem Koran nicht vereinbar.

SPIEGEL ONLINE: Wer steht dahinter?

Sadat: Es sind fundamentalistische Parlamentsabgeordnete, Mitglieder der Muslimbruderschaft, die keinerlei Verbesserung für die Stellung der Frau wollen. Das Gesetz wurde zwar später noch mal durch das Parlament geboxt – allerdings mit Änderungen. Immerhin ist der Passus über den "Chul" geblieben, der Frauen das Recht gibt, sich von ihren Männern scheiden zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Situation der Frau in Ägypten in den letzten Jahren also nicht verbessert?

Sadat: Der Prozess läuft vor allem deswegen, weil sich die jetzige First Lady Suzanne Mubarak dafür stark einsetzt. Ich bin optimistisch und glaube nicht, dass wir wieder Rückschläge hinnehmen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die Beschneidung von Mädchen ist in Ägypten, wie in vielen anderen arabischen Ländern, immer noch ein großes Problem ...

Sadat: ... das Recht, sich dagegen zu wehren, wird uns nicht auf einem Silbertablett serviert. Wir müssen für unsere Rechte kämpfen. Wenn wir das nicht tun, verdienen wir unser Schicksal. Wir müssen uns weiterbilden. Damit steht und fällt unser Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Die Muslimbruderschaft, nicht gerade bekannt für die Verteidigung von Frauenrechten, legt in ihrem politischen Programm fest, dass weder Frauen noch Christen das Amt des Staatsoberhauptes einnehmen dürfen ...

Sadat: ... die leben in der Vergangenheit, nicht nur in diesem Bezug. Bei denen bewegt sich einfach nichts. Die Moslembrüder haben übrigens viel weniger Zulauf, als Sie möglicherweise denken. Die Intellektuellen lehnen zum Beispiel alles ab, was die Brüder predigen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch haben viele Ihrer Landsleute die Befürchtung, dass Ägypten eine islamische Republik werden könnte ...

Sadat: ... nein, dass sehe ich ganz und gar nicht. Es gibt zwar einen islamischen Trend in unserem Teil der Welt – nicht nur in Ägypten, sondern auch im Sudan, in Algerien und anderswo. Aber die meisten Menschen streben auch bei uns nach Freiheit und Weltoffenheit.

SPIEGEL ONLINE: Die Führungskader der Moslembruderschaft scheinen ohnehin islamische Argumente vorrangig für politische Ziele einzusetzen.

Sadat: Das ist gut möglich.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht das Beste, die Idee eines laizistischen Staates zu fördern, gemäß dem arabischen Wahlspruch: "Die Religion ist eine Angelegenheit Gottes, wohingegen das Vaterland uns alle angeht"?

Sadat: So sollte es sein. Die Religion ist eine Frage zwischen dem Einzelnen und Gott. Niemand kann mich zwingen, für diese oder jene Religion zu beten. Es ist allerdings schwer, dieses Prinzip ohne weiteres durchzusetzen. Sehen Sie: Zum Beispiel hatte der große Atatürk schon vor langer Zeit das laizistische Prinzip in der Türkei eingeführt, und dennoch ist die türkische Regierung heute islamisch geprägt.

SPIEGEL ONLINE: Wird Ägypten jemals ein säkularer Staat?

Sadat: Der Tag wird hoffentlich kommen. Aber wir müssen unser Volk erziehen und aufklären, und das braucht Zeit. Der Prozentsatz der Analphabeten ist noch sehr hoch. Der Schlüssel zum Fortschritt heißt: Erziehung, Bildung, Aufklärung.

Das Interview führten Amira El Ahl und Volkhard Windfuhr



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