Saddam Hussein Der Barbar von Bagdad

Er kam aus kleinen Verhältnissen und strebte nach absoluter Macht. Er lebte in Saus und Braus und hauste nach seinem Sturz in Dreck und Staub. Er wurde aus seinem Erdloch gezogen und als Massenmörder zum Tode verurteilt. Erbärmlicher kann ein Leben nicht enden. Doch bis zuletzt hielt Saddam Hussein sich für den Größten.

Von Alexander Schwabe


Hamburg - Saddam Hussein war eine Ausgeburt des Bösen. Das Unheil begann bereits vor jenem 28. April 1937, als Saddam Hussein in dem Dorf al-Audscha nahe Tikrit rund 150 Kilometer nördlich von Bagdad geboren wurde.

Laut irakischen Geschichtsbüchern starb sein Vater während die Mutter mit Saddam schwanger war. Andere Quellen besagen, Saddam sei das Ergebnis eines Seitensprungs der Mutter. Die verzweifelte Frau versuchte, das Kind abzutreiben. Der Stiefvater demütigte den Buben Saddam, er nannte ihn einen Huren- oder Hundesohn und schlug ihn erbarmungslos. Das Kind, das keine Schule besuchen durfte, wurde zu einem Onkel abgeschoben.

Dieser, so sieht es Jerrold Post, ehemaliger Chef-Profiler der CIA, habe Saddam so geformt, dass er später zum Despoten werden konnte. "Du wirst in die Fußstapfen Nebukadnezars und Saladins treten", setzte er dem Jungen in den Kopf. "Saddams Traum von Macht, Ruhm und Reichtum überdeckte alsbald sein verletztes Selbst", analysiert Post, der Saddams Seele für das Weiße Haus durchleuchtet hat. Saddams Größenwahn, sein "bösartiger Narzissmus" seien auf die frühkindlichen Erfahrungen zurückzuführen.

Doch was psychologisch erklärbar ist, ist längst nicht entschuldbar. Aus den frühkindlichen Erfahrungen wurden bestialische Erwachsenenjahre. Saddam war unendlich grausam: 1980, nur ein Jahr nachdem er die alleinige Macht übernommen hatte, zog er in den verlustreichen, achtjährigen Krieg gegen Iran (schätzungsweise 350.000 Tote und 650.000 Verwundete auf beiden Seiten). Danach lief die sogenannte Anfal-Kampagne an: 4000 kurdische Dörfer wurden entvölkert und zerstört. 1988 griff die Armee des Terror-Regimes das irakische Kurdendorf Halabdscha mit Nervengas an. Binnen weniger Stunden starben 5000 Menschen einen grausamen Tod. Insgesamt kamen durch Saddams Völkermordpolitik rund 180.000 Kurden um. 1991 griff der Diktator Kuweit an.

Selbst loyale Kabinettsmitglieder wurden Opfer seiner Skrupellosigkeit. Er war fähig, eine ehrliche Antwort einzufordern, Ratgebern für ihre Offenheit gar zu danken, um sie dann auf der Stelle verhaften zu lassen. Damit nicht genug: Als etwa die Frau des irakischen Gesundheitsministers nach dessen Festnahme bei Saddam um das Leben ihres Mannes flehte, habe der Herrscher ihr fest zugesagt, sie werde ihren Mann zurückbekommen. Der Despot hielt Wort: Am nächsten Morgen wurde ihr ein schwarzer Leichensack zugestellt - der Körper ihres Ehemanns in Teile zerhackt.

Herber Realitätsverlust bis zum Ende

Ex-CIA-Mann Post sieht Saddams Seele in seinem Palast in Bagdad widergespiegelt. Unter diesem Prunkbau aus feinem Marmor, mit Intarsien, Perserteppichen und goldenen Wasserhähnen aus Spanien, lag sein Bunker aus Stahlbeton, bestückt mit Waffen und modernster Ausstattung. Eineinhalb Jahre hätte er darin überleben können in einem Ambiente wie aus Tausendundeiner Nacht. Unter dieser grandiosen Fassade, so Post, verbarg sich eine Festung. "Bereit attackiert zu werden, bereit zurückzuschlagen - so ist seine Psyche." Laut Post litt Saddam unter einem herben Realitätsverlust, begünstigt dadurch, dass er nur noch von Ja-Sagern umgeben war.

Dieser Wirklichkeitsverlust hielt an - bis zum Ende. Nach dem Fall Bagdads am 9. April 2003 bliesen die Alliierten zur Jagd auf Saddam. 25 Millionen Dollar waren auf seinen Kopf ausgesetzt. US-Präsident George W. Bush wollte ihn "tot oder lebendig". Es dauerte 250 Tage, bis US-Elitekämpfer der "Task Force 20" seiner habhaft wurde. Bis dahin war Saddam seinen Häschern entkommen. In 400 Wohnhäusern hatte er Verstecke einrichten lassen, ein 100 Kilometer langes Tunnelnetz war für ihn gegraben worden, als Müllwagen getarnte Lastwagen dienten ihm als rollende Unterkünfte. Einmal, als er fast schon in der Falle saß, soll er in einem Krankenwagen entkommen sein - und mit jedem Mal, da er entwischte, erhielt der Mythos vom unbesiegbaren Löwen von Bagdad, vom panarabischen Helden neue Nahrung.

Auch als Gehetzter gab sich Saddam als unbesiegbarer Feldherr. Während der Jagd auf ihn tauchte im April 2003 in London ein mysteriöser Brief auf, der Saddam zugeschrieben wurde. Darin rief der flüchtige Diktator zum Widerstand gegen die amerikanischen und britischen Truppen auf: "Es gibt nichts Wichtigeres als die ungläubigen, verbrecherischen, mörderischen und feigen Besatzer aus dem Land zu werfen", heißt es in dem Schreiben. Der Irak werde siegen und man werde das Land, das "sie in Stücke teilen wollen, wieder aufbauen".

Hölle auf dem Weg zum Martyrium

Stattdessen wurde Saddam im Dezember 2003 zerzaust und unrasiert aus einem Erdloch nahe Tikrit gezogen. Obwohl er kaum tiefer sinken konnte - der Despot hing weiter seinen Allmachtsphantasien nach. Auch die Erniedrigung interpretierte er als Episode seiner heilsgeschichtlichen, panarabischen Mission. Notwendige Hölle auf dem Weg zum Märtyrer.

Wie ein Mönch, in langer Kutte und in Plastiksandalen gärtnernd, verbrachte Saddam die erste Zeit in Haft. In seiner drei mal vier Meter großen Zelle mit Klimaanlage studierte er Bücher über die glorreiche Vergangenheit Arabiens.

Ähnlich wie die verurteilten Top-Nazis in Berlin-Spandau untereinander weigerten sich Saddam und die mit ihm gefangenen früheren Granden des Regimes, sich der neuen Wirklichkeit zu stellen. Für sie hatte sich nichts geändert. Sie sprachen sich weiter mit den alten Titeln an: "Herr Präsident, ...", "Herr Minister, ..." Schuldgefühle? Keine. Saddam hielt sich nach wie vor für den legitimen Herrscher des Irak. "Ich bin der Präsident des Irak", antwortete er bei der Feststellung der Personalien, als er einem wilden Tier gleich im Stahlkäfig vor dem Richter Auskunft geben musste. Fehler, geschweige denn Verbrechen, die er in den 24 Jahren seiner Herrschaft begangen haben könnte, gab es für ihn nicht. Zu Anfang und Ende des Prozesses plädierten Saddam - wie seine sieben Mitangeklagten - auf nicht schuldig.

"Er ist eine tolle Figur"

Die Selbstglorifizierung ging einher mit dem Versuch einer Mythenbildung aus dem alten Umfeld Saddams. Nach dem Sturz des Regimes stellten die beiden Töchter Raghad und Rana - die beiden Söhne Udai und Kussei, die Vollstrecker des Despoten, waren bereits getötet worden - im August 2003 den Vater in Interviews als den guten Menschen von Bagdad dar. "Saddam Hussein war ein sehr guter Vater", sagte Raghad, "er hatte ein großes Herz", er sei sehr zärtlich gewesen. Offenbar hatten die Töchter vergessen, mit welcher Leichtigkeit Saddam ganz nach Belieben Menschen hinrichten ließ, blind auch dafür, dass sie selbst Opfer des "großherzigen" Vaters wurden: 1996 hatte Saddam die Ehemänner beider Töchter ermorden lassen.

Als die Boulevardblätter "The Sun" und "New York Post" den Tyrannen in Unterhosen zeigten, beim Wäschewaschen und beim Spaziergang im Gefängnishof - mithin als einen gewöhnlichen Gefangenen - da war der Aufschrei groß: Raghad zeigte sich schockiert, der Umgang mit ihrem Vater sei "menschenunwürdig", sie frage sich, "warum ihr Vater nicht wie ein Mensch behandelt wird, wie ein Vater von drei Töchtern".

Je mehr die Herrschaftszeit in die Ferne rückte, desto nachsichtiger beurteilte man den Schlächter von Bagdad. Schauspieler im Londoner West End, die sich für die Rolle als Saddam casten ließen, bewunderten den Diktator: "Saddam ist eine tolle Figur. Er hat so ein großes Ego." Offenbar war bei den Mimen nichts anderes hängen geblieben als der Eindruck, dass der Gewaltherrscher ein "unbekümmerter, sorgloser Mensch" sei.

"Sie waren kein Diktator"

Während des Prozesses war sich nicht einmal die Justiz zu schade, am Denkmal Saddam mitzubauen. Der Vorsitzende Richter selbst trug zu seiner sozialen Rehabilitation bei. "Sie waren kein Diktator", bescheinigte Abdullah Alusch al-Amiri dem Angeklagten, als sich dieser einem kurdischen Zeugen gegenüber sah, der von Giftgas-Attacken auf kurdische Dörfer berichtete. Die Menschen hätten aus Saddam einen Diktator gemacht - "das lag nicht speziell an Ihnen", so der Richter. "Danke", sprach Saddam und verbeugte sich gönnerhaft.

Bis zuletzt war Saddam überzeugt, ein Erwählter zu sein. Ein paar Wochen vor dem Todesurteil ließ er wissen, im Falle der Höchststrafe solle man ihn erschießen. Er wolle nicht wie ein "gewöhnlicher Verbrecher" gehängt werden.

Als das Urteil gesprochen war, "Tod durch den Strang", gab Saddam umgehend den Märtyrer: Wie ein Apostel schrieb er in seinen letzten Tagen einen Brief "an das irakische Volk". "Ich opfere mich. Wenn es Gottes Wille ist, dann wird er mich in eine Reihe mit den wahren Männern und Märtyrern stellen." In Wahrheit stellte er sich selbst in diese Reihe - wie ihn sein Onkel in die Gefolgschaft Nebukadnezars und Saladins gestellt hatte. Saddam kam über die kindlichen Allmachtsphantasien nie hinaus. Das Unglück besteht darin, dass es nicht der kindliche Seelenzustand eines naiven Trottels war, sondern der eines Massenmörders.

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