Saddams Guerilla-Krieg: Das Gespenst in den Häusern der Iraker

Von Alexander Schwabe

Saddam Hussein ist gefasst. Ist damit die Widerstandskraft der Iraker gebrochen? Bisher ging jede Hoffnung, der Kampf gegen die britische und amerikanische Kriegsallianz könnte aufhören, ins Leere.

Al-Dschasira veröffentlichte ein Video mit Widerstandskämpfern,  die sich "Guerilleros" nennen
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Al-Dschasira veröffentlichte ein Video mit Widerstandskämpfern, die sich "Guerilleros" nennen

Wie ein Gespenst aus dem Off sprach plötzlich Saddam zu den Irakern. Die CIA erklärte die kratzige Stimme, die Mitte Juli über den arabischen Sender al-Dschasira ihren Weg in die Hütten und Häuser der Iraker fand, als authentisch. "Zuerst möchte ich sagen, dass ich im Irak bin", sagte die Stimme, "und ich vermisse euch alle, auch wenn ich mitten unter euch bin - ihr wisst ja, wie die Dinge stehen". "Oh Brüder und Schwestern", fuhr Saddam fort, "ich habe gute Nachrichten für euch: Zellen und Brigaden von Gotteskriegern haben sich bereits formiert."

Der Guerillakrieg war offenbar von langer Hand vorbereitet. Ein geheimes Dokument kursierte bei der irakischen Geheimpolizei Mukhabarat bereits im Januar, zwei Monate vor dem Krieg. Inhalt des Dossiers: "Was nach dem Fall der irakischen Regierung gegen die amerikanisch-britisch-zionistische Koalition zu tun nötig ist."

Sabotage-Akte: Brennende Öl-Pipeline im Irak
AP

Sabotage-Akte: Brennende Öl-Pipeline im Irak

"Alle Regierungseinrichtungen sind zu plündern und in Brand zu stecken ..." hieß die erste Order auf einer Liste von elf Anweisungen in dem Papier. Die Schergen des Regimes erhielten Befehl, Sabotage-Akte gegen Elektrizitätswerke zu führen, Imame zu töten, Waffen aufzukaufen und - ganz allgemein gehalten - Blutbäder anzurichten.

Den Amerikanern blieb zwar der befürchtete zermürbende Häuserkampf während des Krieges erspart. Doch nahezu täglich greifen bewaffnete Marodeure, ehemalige Funktionäre der Baath-Partei, Fedajin, Saddams paramilitärische Kämpfer, amerikanische und britische Soldaten an. Die Amerikaner hatten den Fehler begangen, die komplette irakische Armee aufzulösen. Viele ehemalige Soldaten schlossen sich mangels Perspektive dem Widerstand an. Für jeden getöteten Amerikaner, so hieß es, habe Saddam ein Kopfgeld ausgelobt.

Kulturelles Unverständnis: US-Soldat in Nadschaf
AFP

Kulturelles Unverständnis: US-Soldat in Nadschaf

Angeheizt wurde die Wut vieler Iraker durch amerikanische Aktionen wie die am 29. April. GIs eröffneten in Falludscha das Feuer auf Demonstranten und töteten dabei 13 Zivilisten. Seither ist die Stadt westlich von Bagdad ein Zentrum des irakischen Widerstands. Die Unkenntnis der Amerikaner über Sitten und Bräuche, etwa die rücksichtslose Verletzung der Privatsphäre bei Razzien oder die Leibesvisitationen bei Frauen, ließ jeden Rest von Sympathie beim irakischen Volk schwinden. Damit die Kriegsmächte auch beim Aufbau des Landes nicht bei der Bevölkerung punkten konnten, verübten die Gegner der USA Sabotageakte auf E-Werke, Hochspannungsleitungen, Relais-Stationen. Sie setzten Ölpipelines in Brand und lockten Konvois der Kriegsallianz in Hinterhalte.

Auch nach dem Tod der Saddam-Söhne Udai und Kussei am 22. Juli war der irakische Widerstand wider Erwarten ungebrochen. Die potenziellen Nachfolger Saddams hatten neben Ali Hassan al-Madschid (seit 21. August in Haft), genannt "Chemical Ali", und dem Saddam-Vertrauten Ex-Vizepräsident Taha Jassin Ramadan (festgenommen am 18. August) als Rädelsführer des Aufstands gegolten.

Nadschaf: Der Anschlag auf die Imam-Ali-Moschee kostete 85 Menschen das Leben
DPA

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Der Terror nahm zu. Der Anschlag vom 19. August auf das Canal-Hotel, dem Uno-Hauptquartier mit 24 Toten (darunter Sergio Vieira de Mello, der Uno-Sonderbeauftragte für den Irak) und die Tötung von mindestens 85 Schiiten bei einem Anschlag am 29. August auf die Imam-Ali-Moschee in Nadschaf, bei der Schiitenführer Ajatollah Mohammed Bakir al-Hakim ums Leben kam, waren die wirksamsten Schläge des Widerstands. Ziel war es, für Chaos zu sorgen, jedes Gefühl von Sicherheit im Land zu unterminieren.

Es ist nicht nur Saddams Geist, der die alten Getreuen - "Todgeweihte" wie sie Rumsfeld zu nennen pflegte - beflügelte, es ist auch der pure Hass auf die Amerikaner, der die Gotteskrieger in den Irak trieb. US-Geheimdienste und Pentagon berichteten einhellig, dass religiöse Fanatiker aus dem Jemen, aus Syrien und Saudi-Arabien in den Irak einsickerten, um dort im Heiligen Krieg zu dienen. Einer der führenden Prediger im Irak, Scheich Muajjad al-Adhami, stellte den religiösen Fanatikern das Höchste in Aussicht: "Wer im Kampf gegen die Amerikaner stirbt, wird als Märtyrer ins Paradies eingehen."

Der Widerstand der "Todgeweihten" ist ungebrochen: Rumsfeld
DPA

Der Widerstand der "Todgeweihten" ist ungebrochen: Rumsfeld

Als die Zahl der während der Besatzung getöteten Amerikaner am 25. August die Zahl der Kriegsgefallenen übertraf und die Anschläge immer brutaler wurden, strebte die Bush-Regierung einen Strategiewechsel an. Die Supermacht ist nun gezwungen, die internationale Gemeinschaft um Hilfe zu bitten. Die Amerikaner waren lange nicht bereit gewesen, ihre Probleme zuzugeben. Erst Mitte Juni sprach Rumsfeld erstmals von "organisiertem Widerstand" im Irak.

Lange hatte der Pentagon-Chef glauben machen wollen, gewöhnliche Kriminelle seien für die Anschläge auf die US-Armee verantwortlich. Der US-Oberbefehlshaber im Nahen Osten, John Abizaid, nahm erst einen Monat später (Mitte Juli) erstmals das Wort "Guerilla-Krieg" in den Mund. Rumsfeld wollte davon noch eine Woche zuvor nichts wissen. Doch wenn Gruppen von sechs bis acht Leuten mit Panzerabwehrraketen und Maschinengewehren bewaffnet angreifen, "wann und wo es ihnen beliebt", dann, so Abizeid, sei dies eine "klassische Guerillataktik".

Abizaid sprach indes nicht nur das verhasste Wort "Guerilla" aus. Er rührte auch an amerikanische Urängste, als er sagte, die US-Truppen könnten sich über kurz oder lang in einer Situation wieder finden, die der während des Vietnamkrieges ähnlich sein werde. Ob der irakische Guerillakrieg eine derartig blutige Dynamik entwickeln wird, bleibt glücklicherweise fraglich: In Vietnam starben rund 57.000 US-Soldaten.

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