Selbstmordattentäterin von Saint-Denis "Wir nannten sie Cowboy-Frau"

Hasna Aït Boulahcen war lebenslustig, trank Alkohol, vor zwei Jahren führte sie noch ein Bauunternehmen. Nun hat sie sich als erste Frau im Namen des IS in die Luft gesprengt.

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Anmerkung: Inzwischen gilt als erwiesen, dass sich Hasna Aït Boulahcen nicht selbst in die Luft gesprengt hat. Sie starb durch den Sprengsatz eines anderen Attentäters. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatte die französische Polizei fälschlicherweise mitgeteilt, dass Boulahcen selbst eine Sprengweste gezündet hatte.


Als die Polizei die Terroristen in ihrer Wohnung in Saint-Denis umzingelt hat, greift Hasna Aït Boulahcen zu einer List. "Helft mir, helft mir", ruft die Frau den Einsatzkräften von einem Fenster aus zu. Offenbar will sie sich als Opfer der Dschihadisten darstellen. Kurz darauf verschwindet Aït Boulahcen wieder im Zimmer.

Die Beamten versuchen die Wohnung zu stürmen. Laut Augenzeugen ist die Frau das erste Mitglied der Terrorzelle, das bei der Razzia mit einer Kalaschnikow auf die Polizisten feuert. Die Spezialkräfte versuchen mit ihr zu sprechen. "Wo ist dein Freund", rufen sie der Frau zu. "Er ist nicht mein Freund", entgegnet sie. Sekunden später zündet Aït Boulahcen ihre Sprengstoffweste.

Die Wucht der Explosion bringt die Decke der Wohnung zum Einsturz, die Fenster fliegen aus den Angeln. Ein Teil des Kopfes und der Wirbelsäule von Aït Boulahcen werden später auf der Straße vor dem Haus gefunden. Das Haar der Frau soll blond gefärbt gewesen sein. Möglicherweise eine Tarnung: Die Sicherheitskräfte gehen davon aus, dass sie weitere Anschläge in Paris geplant hatte - das Geschäftsviertel La Défense und der Flughafen Orly gelten als mögliche Ziele.

Geschäftsführerin eines Bauunternehmens

Weil der Anti-Terror-Einsatz ihre Pläne zunichte machte, wollte Aït Boulahcen mit der Detonation ihrer Sprengweste offenbar noch möglichst viele Polizisten mit in den Tod reißen. Der Versuch schlug fehl, die Beamten kamen bei der Razzia mit leichten Verletzungen davon.

Doch mit der Explosion wurde Aït Boulahcen zur ersten weiblichen Selbstmordattentäterin der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS). Sie soll die Cousine von Abdelhamid Abaaoud sein, dem Drahtzieher der Anschläge von Paris. Abaaoud kam bei dem Polizeieinsatz in Saint-Denis ums Leben.

Aït Boulahcen wurde im August 1989 in Clichy-la-Garenne geboren, einem Vorort am nordwestlichen Stadtrand von Paris. Ihre Eltern waren in den Siebzigerjahren aus Marokko eingewandert, sie selbst besaß beide Staatsbürgerschaften. Im Mai 2013 wurde die junge Frau laut Eintrag im Handelsregister Geschäftsführerin von Beko Construction, einem kleinen Bauunternehmen in Épinay bei Paris.

Wahrscheinlich war Aït Boulahcen nur eine Strohfrau, es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie die Firma tatsächlich leitete. Laut Registereintrag war sie zu dieser Zeit in Creutzwald an der Mosel gemeldet, einer Kleinstadt direkt an der deutschen Grenze, die gut 400 Kilometer von Épinay entfernt liegt. Nach sieben Monaten gibt sie die Verantwortung für Beko Construction ab, im Februar 2014 wird das Unternehmen liquidiert.

"Sie hat Alkohol getrunken"

Einwohner von Creutzwald sagten der Regionalzeitung "Le Républicain Lorrain", sie hätten Aït Boulahcen zuletzt vor etwa fünf Jahren gesehen. Sie erinnern sich an eine Frau, die extrovertiert und "ein bisschen verpeilt" gewesen sein soll. "Sie wirkte wirklich nicht wie eine Selbstmordattentäterin. Sie hat Alkohol getrunken", sagte ein junger Ex-Nachbar. "Wir haben sie die Cowboy-Frau genannt, weil sie immer einen großen Hut trug", erinnert sich ein anderer.

Irgendwann in den vergangenen Jahren muss sich Aït Boulahcen dann radikalisiert haben. Die belgische Zeitung "DH" hat ihr inzwischen gelöschtes Facebook-Profil ausgewertet. Demnach veröffentlichte sie in dem sozialen Netzwerk Lobeshymnen auf Hayat Boumedienne, die Lebensgefährtin von Amedy Coulibaly. Dieser hatte im Januar dieses Jahres vier Menschen in einem jüdischen Supermarkt in Paris erschossen, bevor er selbst getötet wurde. Boumedienne soll ihrem Freund bei der Vorbereitung des Anschlags geholfen haben, nach ihr wird per Haftbefehl gesucht.

Auf einem Facebook-Foto posiert Aït Boulahcen wie eine Gangsta-Rapperin: Zeige- und Mittelfinger hat sie zum Victory-Zeichen gestreckt, ihre Augen blicken entschlossen. Nur ihr züchtiges Kopftuch will nicht zu dem Rüpel-Habitus passen.

Und auch sonst entsprach ihr Lebenswandel bis zuletzt wohl nicht dem sittenstrengen Bild, das der IS von muslimischen Frauen zeichnet. Die Polizei im Département Seine-Saint-Denis ermittelte wegen Drogenhandels gegen Aït Boulahcen.

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