Einsatz in Afghanistan: Die Angst der Bundeswehr-Helfer

Von Andreas Ulrich

Sie arbeiten als Handwerker, dolmetschen, stehen Wache in den Camps - die afghanischen Helfer der Bundeswehr. Was wird aus ihnen, wenn die Deutschen abziehen und womöglich die Taliban zurückkehren? Besuch bei einem Wachmann in Masar-i-Scharif, der um sein Leben fürchtet.

Sajed Ahmed Saki Sedat in Masar-i-Scharif: Wachmann für die Deutschen in Camp Marmal Zur Großansicht
Andreas Ulrich/ DER SPIEGEL

Sajed Ahmed Saki Sedat in Masar-i-Scharif: Wachmann für die Deutschen in Camp Marmal

Sajed Ahmed Saki Sedat sitzt im Wohnzimmer seines Hauses, es liegt an einer staubigen, ungepflasterten Seitenstraße am Stadtrand von Masar-i-Scharif, Afghanistan. Eine Mauer umgibt das Haus, im Garten steht ein Baum, darunter liegt Kinderspielzeug. Ein schmaler Weg führt die wenigen Meter zum Eingang.

Das Zimmer liegt im Erdgeschoss, es ist etwa 40 Quadratmeter groß, sehr viel länger als breit und mit Teppichen ausgelegt. Die Wände sind mintgrün gestrichen, grüne Gardinen hängen vor den Fenstern, die Lampen leuchten in den Farben grün und rosa, man sitzt nach afghanischer Sitte auf dem Boden, im Fernsehen im Hintergrund läuft "Dick und Doof".

Sedat ist 38 Jahre alt, er sitzt im Schneidersitz, um ihn herum laufen seine vier Kinder, das jüngste ist ein zweijähriges Mädchen. Sejar, 14, sein ältester Sohn, serviert Cola. Seit sieben Jahren arbeitet Sedat als Wachmann für die Deutschen in Camp Marmal, 450 Dollar erhält er dafür im Monat. Von dem Geld kann er leben, reich ist er nicht.

Sejar und seine Schwester gehen bereits zur Schule, sie sollen einmal studieren, deshalb bekommen sie Nachhilfe in Englisch und Mathematik. Ein einfacher Schulbesuch reiche dafür nicht aus.

Sedat stammt eigentlich aus Kabul, er arbeitete dort als Schneider. Sein Vater hat das Haus in Masar-i-Scharif gebaut, er hat es übernommen, als der Vater starb, das war vor neun Jahren.

"Ich habe Angst davor, den Taliban in de Hände zu fallen"

"Stimmt es, dass die Norweger bei ihrem Abzug aus Afghanistan alle Mitarbeiter mitgenommen haben?", will Sajed Sedat wissen. Es ist seine Hoffnung, dass auch Deutschland seine afghanischen Helfer aufnimmt, wenn die Bundeswehr weggeht. Vor ihm auf dem Boden liegt ein aufgeschlagenes Notizbuch. Darin hat er sich seine Argumente notiert. Gründe, warum die Deutschen ihn mitnehmen sollen.

"Seit sie ihr Camp aufgebaut haben, stehen wir an den Frontlinien und sorgen für ihre Sicherheit. Wenn sie uns verlassen, müssen sie auch an uns denken. Dafür tragen sie die Verantwortung", sagt Sedat. Er macht eine kurze Pause und sagt: "So denken wir alle."

Sedat und seine Familie gehören zum den Hazari, einem Stamm, der von den Taliban verachtet wird. "Als die Taliban 1996 nach Masar-i-Scharif kamen, haben sie 20.000 von uns getötet", sagt er. "Die Leichen ließen sie achtlos in den Straßen liegen."

Noch habe er keine Probleme in Masar-i-Scharif. Aber in den angrenzenden Regionen, in Chentl, Charboluk und Balch, nur wenige Kilometer entfernt, hätten die Taliban schon sehr viel Einfluss gewonnen, sogar auf die Justiz und Polizei.

"Meine Nachbarn wissen, dass ich für die Ausländer arbeite. Für die Taliban bin ich deshalb ein Kafir, ein Ungläubiger. Wenn sie zurückkehren, werden sie mich töten", sagt Sajed.

Die Bundesregierung will jeden Einzelfall prüfen

Dabei gehe es ihm ja nicht einmal um sein eigenes Leben, das sei ja ohnehin fast vorbei. Aber er habe schließlich Kinder, und er investiere viel in deren Zukunft. "Wir möchten unser Land nur ungern verlassen und in ein fremdes Land gehen. Aber ich habe Angst davor, den Taliban in de Hände zu fallen." Denn dann müsse seine Familie mit dem Leben dafür bezahlen, dass er für die Deutschen gearbeitet habe. Dann gebe es keine Zukunft mehr.

Sein Sohn Sejar möchte gerne Politiker werden. "Ich möchte die Macht haben, etwas zu verändern, sagt er in tadellosem Englisch.

Rund 1600 Afghanen arbeiten insgesamt am Hindukusch für die Deutschen, die meisten für die Bundeswehr. Etwa ein Drittel der beschäftigten Ortskräfte sind Dolmetscher, die übrigen Reinigungs- und Wachkräfte. Die Bundesregierung hat immer betont, dass sie nicht alle Beschäftigten nach dem Abzug mit nach Deutschland nehmen, sondern jeden Einzelfall genau prüfen will.

Derzeit erarbeitet das Bundesinnenministerium einen Katalog, in dem die Kriterien für die Gefährdung nach dem Abzug der Truppen festgelegt werden sollen. "Es ist im Interesse Afghanistans", sagte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums, "einige gut ausgebildete Leute im Land zu behalten."

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insgesamt 84 Beiträge
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    Seite 1    
1. Was wird aus ihnen, wenn die Deutschen anziehen?
wie-immer 24.12.2012
Natürlich kämpfen. Für Karzai und Vaterland!
2. optional
zitzschenkind 24.12.2012
Na Prima,alle nach Deutschland und Harz 4. Unsere eigenen Leute schlafen dafür unter der Brücke.
3. Ja, ja, die Deutschen ziehen an....
cosmopolit3 24.12.2012
"... Was wird aus ihnen, wenn die Deutschen anziehen..." Schöner Freudscher Versprecher am frühen Morgen. Die Deutschen ziehen hoffentlich nur ab, und zwar am besten noch in diesem Jahr. Obwohl: die Deutschen haben sich auch schon genug bloß gestellt, es wäre mal an die Zeit, dass sie sich wieder anziehen. Ruhige Weihnachten!
4. bewiesen
domilo 24.12.2012
Ich finde, dass diese Personen bewiesen haben es Wert zu sein mit nach Deutschland zu kommen. Och bin auch der Meinung, dass die Bundeswehr diese Personen in Deutschland weiter beschäftigen sollte. Ich habe grössten Respekt. Ich würde mich nicht trauen mein Leben für andere Soldaten zu opfern ohne eine Zukunft zu haben....
5.
fortion 24.12.2012
Zitat von sysopSie arbeiten als Handwerker, dolmetschen, stehen Wache in den Camps - die afghanischen Helfer der Bundeswehr. Was wird aus ihnen, wenn die Deutschen anziehen und womöglich die Taliban zurückkehren? Besuch bei einem Wachmann in Masar-i-Scharif, der um sein Leben fürchtet. Sayed Sedat arbeitet als Wachmann für die Deutschen in Afghanistan - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/sayed-sedat-arbeitet-als-wachmann-fuer-die-deutschen-in-afghanistan-a-874149.html)
So ist das nun einmal nach einem verlorenen Krieg. Es war ein Fehler von Rot-Grün in Afghanistan einzumarschieren. Jetzt ist man in der selben Lage wie seinerzeit die Wehrmacht, die auch ihre ukrainischen, russischen, polnischen, kroatischen und sonstigen Hilfswilligen mitevakuieren mußte, um sie vor der Rache ihrer Landsleute zu schützen. In meiner Jugend sind mir etliche dieser Menschen begegnet, die dann alle Wurzeln zu ihrer einstigen Heimat verloren hatten und in der bundesdeutschen Welt des Wirtschaftswunders nie so richtig ankamen.
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Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

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