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28. Juni 2014, 16:31 Uhr

Anschlag auf Aktivistin in Libyen

Trauer und Entrüstung nach Mord an Salwa Bugaighis

Salwa Bugaighis wusste, dass sie in höchster Gefahr war, trotzdem kämpfte sie weiter für Frauenrechte und eine bessere Zukunft in Libyen. Am Mittwoch wurde sie von Unbekannten ermordet, nun ist auch der einzige Zeuge des Verbrechens tot.

Bengasi - Mittwoch war Wahltag in Libyen, zum zweiten Mal nach der Revolution durfte das Volk über die Zusammensetzung des Parlaments bestimmen. Salwa Bugaighis rief am Morgen auf Facebook zur Beteiligung auf, dann gab sie ihre Stimme ab, sie postete davon Fotos, so berichtet es der "Guardian". Später schrieb sie die Namen von drei Männern auf ihre Seite, die an demselben Tag den Kämpfen mit den Islamisten zum Opfer gefallen waren. Kurz darauf war Bugaighis tot.

Sie wurde am Mittwoch in ihrer Wohnung mit einem Kopfschuss umgebracht, die Täter sollen auch auf sie eingestochen haben. Issam, Bugaighis Mann, soll bei ihr gewesen sein, er wird seither vermisst. Verwandte und Freunde vermuten, dass er von den Tätern verschleppt wurde.

Am Samstag folgte die nächste Schreckensmeldung: Der einzige Zeuge des Mordes ist ebenfalls umgebracht worden. Der Körper des Wachmannes von Bugaighis sei mit Folterspuren in ein Krankenhaus in der ostlibyschen Stadt Bengasi eingeliefert worden, meldete das Nachrichtenportal "Al-Wasat". In der Klinik wurde sein Tod festgestellt. Wann und wie er starb, ist unklar. Die Polizei hatte ihn nach dem Mord vom Mittwoch verhört.

Frauen kommen zu Bughaigis Beerdigung

Bugaighis hatte sich 2011 am Aufstand gegen den Diktator Muammar al-Gaddafi beteiligt. Nach der Revolution hatte sie sich dafür eingesetzt, die unterschiedlichen Gruppen in Libyen zusammenzubringen und zu einem Dialog zu bewegen. Durch ihr Eintreten für Frauenrechte sei sie zu einem "lautstarken Gegner" sowohl islamistischer Extremisten als auch der Muslimbrüder geworden, so das Nachrichtenportal "Libya Herald".

Menschenrechtsaktivisten äußerten sich nach ihrem Tod schockiert. "Der skrupellose Mord an Bugaighis raubt der libyschen Gesellschaft eine ihrer mutigsten und meistgeschätzten Figuren", sagte Hassiba Hadj Sahraoui, stellvertretende Direktorin von Amnesty International im Nahen Osten und Nordafrika. Sie verlangte von den libyschen Behörden, den Mord an Bugaighis "vollständig, unabhängig und unvoreingenommen" aufzuklären. Die Täter müssten zur Verantwortung gezogen werden.

Zu ihrer Beerdigung kamen Dutzende Menschen,berichtet der "Independent". Darunter auch viele Frauen, die Bugaighis ihren letzten Respekt erweisen wollten. Sie nahmen an dem Trauerzug teil und brachen damit die Tradition: Normalerweise treten Frauen erst nach der Prozession an das Grab. "Es war eine spontane Entscheidung", sagte Iman Bugaighis, eine Schwester von Salwa. Sie seien überzeugt, dass sie zusammenstehen müssten in dieser gefährlichen Zeit.

Iman Bugaighis erhielt nach dem Tod ihrer Schwester einen Anruf. Sie sei die nächste auf der Liste.

bim/dpa

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