Kenianer auf Deutschland-Visite: Samuel und die guten Menschen von Wuppertal

Von Horand Knaup, Wuppertal

Wie sehen Menschen im Ausland die Deutschen? Rassistisch seien manche wohl, mutmaßte der kenianische Taxifahrer Samuel Kimotho vor gut einem Jahr auf die Frage von SPIEGEL ONLINE. Wuppertal wollte ihm das Gegenteil beweisen - und lud ihn ein.

Es war eine kleine Geschichte auf SPIEGEL ONLINE vor knapp einem Jahr. Über einen Taxifahrer in Nairobi, der Hauptstadt Kenias. Der sich tapfer durch Nairobis Staus und durchs Leben schlägt, der noch nie in Europa war und dem eine Kundin mal von der Schwebebahn in Wuppertal erzählt hatte. Die Bahn beschäftigte ihn fortan. Samuel heißt der Taxifahrer, Samuel Kimotho. 37 Jahre ist er inzwischen, drei Kinder hat er, ein halbes Dutzend deutscher Stammkunden, die er gerne durch seine Stadt chauffiert. Aber er hatte auch schon anderes gehört über Deutschland. "Sind die Deutschen Rassisten?", fragte er damals vorsichtig.

Der kleine Beitrag hatte Folgen. In Wuppertal las der Doktorand Jens Abrigata die Geschichte. Und ihm kam die Idee, Samuel ins Bergische einzuladen. Er stellte eine Facebook-Seite ins Netz, sammelte Freunde und Spender, kontaktierte die lokalen Medien, und die Sache nahm ihren Lauf. Mehr als 1000 Euro kamen zusammen, die Schweizer Airline Swiss sponserte den Flug nach Deutschland, die Inhaber einer kleinen Pension stifteten die Unterkunft, die Wuppertaler Schwebebahn erklärte sich bereit, ihren "Kaiserwagen" für eine Sonderfahrt zur Verfügung zu stellen. Wagen 5, den einzigen Wagen aus der ersten Baureihe, die 1900 Kaiser Wilhelm II. höchstselbst zur Probefahrt bestiegen hatte.

Es ist nicht einfach, einen Kenianer nach Deutschland einzuladen. Das Ausländeramt in Deutschland will Sicherheiten, es verlangt Bürgschaften, eine Krankenversicherung und anderes mehr. Was zunächst so einfach erschien, zieht sich über Monate in die Länge. Die Botschaft in Nairobi fordert Details aus Samuels Familienleben, Unterlagen aus seinem Geschäftsbetrieb, da helfen kein Online-Bericht und keine Facebook-Seite. Sie hält ihn hin bis 36 Stunden vor dem Abflug. Dann bekommt er das Visum doch.

Eine gute Tat - auch für die Wuppertaler selbst

Natürlich gibt es auf Facebook die Diskussionen, die es immer gibt: Hätte man das Geld nicht sinnstiftender einsetzen können, als einen einzelnen Kenianer nach Deutschland zu lotsen? Könnte man mit dem gleichen Einsatz nicht viel mehr Afrikanern etwas zugute kommen lassen? Ja, sagt Jens Abrigata, kann man natürlich machen. "Aber wir wollten jemanden einladen, der sich für unsere Stadt interessiert. Und wir wollten ihm ein anderes Deutschlandbild vermitteln, als er es sich womöglich in Kenia zugelegt hat." So ist die Aktion eine gute Tat für Samuel - und zugleich für die Wuppertaler selbst. Eine deutsche Großstadt, erst 1929 gegründet, mit wenig Tradition, ohne gewachsene Identität.

"Wir wollten zeigen, dass wir in Wuppertal weltoffen und großzügig sein können", sagt Andreas Tervort. Auch er war mit einer kleinen Spende dabei. "Wir wollten zeigen, dass auch wir etwas zu bieten haben."

Und das haben die Wuppertaler durchaus. Die Anteilnahme ist rührend. Die Schwebebahnen gondeln Samuel durchs Tal der Wupper, sie öffnen ihm ihre Werkstätten für einen Rundgang. Abrigata und seine Freunde rollen mit Samuel durchs Bergische Land, sie klettern mit ihm auf den Kölner Dom, sie begleiten ihn auf den Bahnsteig zum ICE nach Berlin. Auch die lokalen Medien stürzen sich auf den Gast. Er muss sich, seine Welt und seine Reise erklären. Immer und immer wieder. "Von Kenia in den Kaiserwagen" schlagzeilt die "Westdeutsche Zeitung".

"Lauter Mercedes-Autos, alle sauber, unglaublich viele"

Und Samuel selbst? Die Eindrücke prasseln auf ihn ein. Zum ersten Mal raus aus Ostafrika, zum ersten Mal Europa - was soll er sagen über diese neue, schillernd-aufregende Welt. "Als ich in Düsseldorf aus dem Flughafen kam, standen da nur Mercedes-Taxen. Lauter Mercedes-Autos, alle sauber, unglaublich viele." Ganz anders als sein angekratzter grauer Toyota in Nairobi. Und auch sonst fällt ihm vieles auf: dass die Autos alle ohne Beulen und Kratzer sind, dass die Dunkelheit in Deutschland gerade so spät hereinbricht, anders als in Kenia, wo um 19 Uhr die Nacht beginnt. Und dass es in Wuppertal viel leiser zugeht als im lauten, hektischen Nairobi. Keiner, der nach Kundschaft plärrt, kaum ein Hupen im Verkehr und nur ganz selten mal Gedränge. Die Frage nach den Rassisten in Deutschland ist für ihn erledigt. "Ich habe nur nette Menschen getroffen. In Wuppertal gibt es sie jedenfalls nicht."

Aber eine Frage beschäftigt ihn dann doch, weil er es kaum glauben kann:

"Und du kannst hier einen Monat lang Auto fahren, ohne dass dich die Polizei anhält?"

In der Regel kann man jahrelang fahren ohne Kontakt zur Polizei.

"Und niemand stoppt dich und will kleines Geld für Regelverstöße, die du gar nicht begangen hast?"

Niemand stoppt dich, wenn du die Regeln einhältst.

Es ist schwer zu begreifen für den Taxifahrer aus Nairobi. Seine Lebenserfahrung ist eine andere, und das Gespräch lässt erahnen, dass der Kampf um Kundschaft noch einer der eher harmlosen Kämpfe ist, die Samuel jeden Tag zu bestehen hat.

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1. Man schon, aber Samuel?
Wurstkopf 10.07.2013
Zitat von sysopMagdalena SchaarwächterWie sehen Menschen im Ausland die Deutschen? Rassistisch seien manche wohl, mutmaßte der kenianische Taxifahrer Samuel Kimotho vor gut einem Jahr auf die Frage von SPIEGEL ONLINE. Wuppertal wollte ihm das Gegenteil beweisen - und lud ihn ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/samuel-kimotho-taxifahrer-aus-nairobi-faehrt-nach-wuppertal-a-910142.html
Lustige Frage ist, ob auch Samuel das kann? DAS haette man mal ausprobieren sollen. Vielleicht ohne zig Journalisten und Reisefuehrer im Auto, aber gut dann waere das Urteil moeglicherweise auch anders ausgefallen. Denn z.b. einen Monat mit der Bahn fahren ohne von der Polizei behelligt zu werden wuerde fuer ihn wohl schwer werden, ne?!
2. Rassismus in Wuppertal
Lumi 10.07.2013
In Wuppertal gibt es Rassisten, und das nicht wenige. Ich lebe seit 21 Jahren in DE, habe einen Hochschulabschluss und bin voll integriert. Als ich letzens bei meinem Nachbar über seinen aggressiven Hund beschwerte, bekam ich vor Augen meiner in DE geborenen Kinder zu hören: "Haut ab in eure Heimat". So etwas habe ich nicht einmal in konservativen Stuttgart erlebt, wo ich jahrelang wohnte. Alles schön reden hilft nichts, genau so wie alles Sch... finden.
3.
optionalerKanzler 10.07.2013
Habe selber die letzten 5 Jahre in Nairobi gelebt - es sind zwei verschieden Welten, wobei ich als Kunde keine der beiden vorziehen würde. Solange man die Preise kennt (die Touristen bezahlen immer schnell das Doppelte, weil es für sie verhältnismässig billig ist), ist es bei mir immer super gelaufen im Taxi - was neben dem eigenen Auto für mich Forbewegungsmittel Nr. 1 war. Ausserdem sind die Fahrer, wie Samuel, eigentlich ohne Ausnahmen immer nett, offen und lustig. Wenn man um 3 Uhr morgens auf dem Weg nach Hause ist, erlebt man die besten Gespräche ;)
4.
Atheist_Crusader 10.07.2013
Zitat von sysopMagdalena SchaarwächterWie sehen Menschen im Ausland die Deutschen? Rassistisch seien manche wohl, mutmaßte der kenianische Taxifahrer Samuel Kimotho vor gut einem Jahr auf die Frage von SPIEGEL ONLINE. Wuppertal wollte ihm das Gegenteil beweisen - und lud ihn ein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/samuel-kimotho-taxifahrer-aus-nairobi-faehrt-nach-wuppertal-a-910142.html
Was zum Teufel interessiert es uns, was ein x-beliebiger Kenianer über uns denkt? Die Sudanesen haben unsere Botschaft gestürmt, und die bekamen weder Einladungen noch Streubomben. Nichts gegen Kenia, aber deren Verbindungen zu Deutschland sind doch eher vernachlässigbar. Sollten wir uns nicht mal besser um die Leute kümmern, deren Meinung uns was bedeuten sollte? Zum Beispiel die Leute, mit denen wir in einem Staatenbund sind, oder so? Ich bin mir sicher, die Wuppertaler Obdachlosen oder Kinder aus sozial schwachen Familien hätten sich auch über so einen Beweis der Großzügigkeit gefreut. Aber die sind ja nicht so medientauglich. Je fremder Jemand schon optisch aussieht, desto besser kann man sich für seine ach so umwerfende Toleranz feiern lassen. Bin mir sicher, der halbe Heimatort von dem Mann plant inzwischen schon, in das so tolle und großzügige Deutschland auszuwandern.
5. Wie rassistisch Deutschland ist...
meiner_meinung_nach 10.07.2013
bemerkt man üblicherweise dann, wenn ein kenianischer Besucher ein Touristenvisum für Deutschland beantragt. Dann wird es erst so richtig offensichtlich, mit welchen Maßstäben Deutschland seine Besucher aus Afrika misst. Es ist für einen Kenianer, der nicht aus den "oberen Zehntausend" stammt, heutzutage nur äußerst schwierig, ein Visum zu bekommen, in einem Großteil der Fälle wird trotz Familie und Job in Kenia mangelnde Rückkehrbereitschaft attestiert und das Visum nicht erteilt. Schön, dass die Behörden in diesem Fall sich dazu überreden ließen, dieses Feigenblatt über der Blöße zu genehmigen, das hat aber mit der Realität der meisten kenianischen Besucher und der Praxis der deutschen Botschaft in Kenia kaum etwas zu tun.
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Fläche: 582.646 km²

Bevölkerung: 40,513 Mio.

Hauptstadt: Nairobi

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Uhuru Kenyatta

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