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Bluttat in San Bernardino: Terror-Indizien heizen politische Debatte in den USA an

Von , Washington

AFP

Heikle Internetkontakte, haufenweise Waffen und Bomben: War der Angriff von San Bernardino womöglich islamistisch motiviert? Die Ermittler warnen vor Spekulationen, doch die politische Debatte in den USA droht aus dem Ruder zu laufen.

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Das Attentat auf eine Sozialeinrichtung in San Bernardino sorgt für heftige politische Auseinandersetzungen in den USA. Hintergrund sind Indizien, wonach die Bluttat mit 14 Toten und mehr als 20 Verletzten auch einen islamistischen Terrorhintergrund haben könnte.

Die auffallend schleppenden Ermittlungen konzentrieren sich derzeit auf die Biografie sowie Umfeld und Kontakte des Angreifer-Ehepaars Seyd F. und Tashfeen M. Ein dritter zunächst Verdächtiger wurde mittlerweile aus der Untersuchungshaft entlassen.

Aus Sicherheitskreisen verlautete, dass der 28-jährige F. in den vergangenen Jahren mit Personen im In- und Ausland kommunizierte, die das FBI als islamistische Extremisten einstuft. Die Kontakte seien telefonisch und über soziale Netzwerke erfolgt. Um wen und um wie viele Personen es sich dabei handelte, ist noch unklar. Der Fernsehsender CNN zitierte einen Ermittler mit den Worten, F. sei in den vergangenen Monaten radikalisiert worden.

F., der von Bekannten als gläubiger, aber moderater Muslim beschrieben wird, soll am Mittwoch mit seiner 27-jährigen Ehefrau eine Feier der örtlichen Gesundheitsbehörde gestürmt haben, bei der er selbst seit mehreren Jahren angestellt war. Zuvor soll es auf der Feier zu einem Streit gekommen sein. Die Theorie, dass es sich bei dem Attentat um eine spontane, ausschließlich durch einen Konflikt am Arbeitsplatz motivierte Aktion gehandelt habe, hatten Ermittler nicht zuletzt aufgrund der militärischen Ausrüstung des Ehepaars rasch verworfen. Im Haus der beiden mutmaßlichen Schützen fanden die Ermittler zwölf Rohrbomben, mehrere Handfeuerwaffen, Munition für 5000 Schuss sowie Werkzeuge zum Bombenbau.

"Wir sind mitten im nächsten Weltkrieg"

Die Ermittler haben auch deshalb große Schwierigkeiten, die Hintergründe des Attentats vollständig aufzuklären, weil das Ehepaar in den Tagen vor der Tat offenbar versuchte, digitale Spuren zu verwischen. US-Medien berichten, F. und M. hätten E-Mail-Adressen, Festplatten und andere Speichermedien gelöscht und entfernt. Zwei Mobiltelefone seien mit einem Hammer zerstört worden. Die Geräte seien inzwischen dem FBI zur Überprüfung übergeben worden. Ein weiteres, offenbar erst unmittelbar vor der Tat gekauftes Handy befindet sich wie auch ein Computer im Besitz der Fahnder.

Die sichergestellten Gegenstände sind zentrale Beweismittel in der Frage, mit wem die beiden in den Tagen und Wochen vor dem Angriff Kontakt hatten. Profile in den sozialen Netzwerken hatte das Ehepaar offenbar nicht.

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Angriff in Kalifornien: Tödliche Schüsse in San Bernardino
Obwohl die Ermittler noch weit davon entfernt sind, den Angriff als Terrorakt einzustufen, verhärtet der Fall die Fronten im ohnehin schon äußerst polarisierten Wahlkampf. Die Republikaner versuchen, den Fokus von Fragen der Waffengesetze auf den Terrorismus zu verlagern, beides äußerst sensible innenpolitischen Themen in den USA. Mehrere Präsidentschaftskandidaten verknüpften am Donnerstag die Geschehnisse in San Bernardino mit den Anschlägen von Paris und warfen Präsident Barack Obama Unentschlossenheit im Anti-Terror-Kampf vor.

"Seit ich die ersten Nachrichten aus San Bernardino gehört habe, ist mir klar, dass das Terrorismus ist. Wir sind mitten im nächsten Weltkrieg", sagte der Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, bei einer Veranstaltung jüdischer Republikaner in Washington. "Die schrecklichen Morde im Gefolge von Paris zeigen, dass wir uns in Kriegszeiten befinden. Unsere Nation braucht einen Kriegspräsidenten", forderte Ted Cruz, Senator aus Texas. "Wir haben ein Problem mit dem radikalen Islam", sagte Donald Trump, Milliardär aus New York: "Und der Präsident weigert sich, es zu sagen. Es geht mit ihm irgendetwas vor sich, von dem wir nichts wissen."

Unauffällige Biografie des Attentäters

Für Obama ist das Thema äußerst unangenehm. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Amerikaner ihm beim Thema der inneren Sicherheit zunehmend misstraut. Der Präsident, der nach Schießereien zuletzt auffallend emotional auftrat, kommentierte die Bluttat am Donnerstag wohl auch aus Vorsicht, sich zu früh auf ein Motiv festzulegen, eher zurückhaltend. "Es kann einen Zusammenhang zum Terrorismus geben, aber wir wissen es nicht", sagte er bei einem Statement im Weißen Haus. Zu dem Termin hatte er auch seine engsten Sicherheitsberater geladen, um zu demonstrieren, wie wichtig er den Fall nimmt.

In den Behörden geht man momentan von einer eher hybriden Motivlage aus. Offensichtliche Spuren einer islamistischen Gesinnung weist die bisher bekannte Biografie von F. nicht auf. Der 28-Jährige wurde in den USA geboren, machte einen Abschluss an einer staatlichen Universität und arbeitete für die Gesundheitsbehörde als Hygieneprüfer in Restaurants und Schwimmbädern. Er verdiente rund 70.000 Dollar im Jahr und kam nie mit dem Gesetz in Konflikt.

F. wuchs offenbar in schwierigen Familienverhältnissen auf. Der Vater, so schreibt die "Los Angeles Times" unter Berufung auf Scheidungsakten der Mutter, sei Alkoholiker gewesen und habe die Familie jahrelang gequält. Sein Bruder ist ein dekorierter Veteran der U.S. Navy.

Arbeitskollegen und Freunde berichten von einer gewissen Frömmigkeit, niemand will jedoch extreme Einstellungen bemerkt haben. Seine Frau Tashfeen M., die ursprünglich aus Pakistan stammt, habe er im Internet kennengelernt, heißt es. Vor etwa zwei Jahren reiste er zu ihr nach Saudi-Arabien. Sie heirateten und bekamen vor einem halben Jahr ein Kind.

F. soll für ein paar Wochen in Elternzeit gegangen sein, erst kürzlich organisierten Arbeitskollegen Berichten zufolge eine Feier für das Kind.


Zusammengefasst: Nach der Schießerei in einer kalifornischen Sozialeinrichtung mit 14 Toten ist das Motiv der Täter noch immer unklar. Obwohl es keine handfesten Beweise für einen islamistischen Hintergrund gibt, wird darüber in den USA heftig debattiert. Vor allem Republikaner nutzten das Thema, um Stimmung gegen Präsident Barack Obama zu machen.

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Fläche: 9.833.517 km²

Bevölkerung: 318,857 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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