Sanktionen gegen Libyen Wie Gaddafi seine Truppen mit Benzin versorgt

Eine Benzinblockade soll Gaddafis Militärmaschinerie stoppen, doch seine Truppen kämpfen mit aller Härte weiter. Das Spritembargo wird offenbar unterlaufen. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters läuft die Schmuggelroute über Tunesien.

Libyscher Diktator Gaddafi: "Dringende" Anfrage an Handelsfirmen
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Libyscher Diktator Gaddafi: "Dringende" Anfrage an Handelsfirmen


London/Hamburg - Ohne Benzin kein Krieg - geht der Armee von Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi der Sprit aus, sind die Rebellen im Vorteil. So zumindest lautet das Kalkül der internationalen Gemeinschaft, die mit entsprechenden Sanktionen das libysche Regime unter Druck setzt. Denn Gaddafi hat zwar Öl im Überfluss, aber selbst in Friedenszeiten war Libyen aufgrund mangelnder Raffinerie-Kapazitäten auf den Import von Benzin angewiesen.

Doch geht dem Diktator jetzt mitten im Krieg wirklich der Sprit aus? Zweifel scheinen angebracht. Offenbar hat Gaddafi Mittel und Wege gefunden, die Sanktionen zu umgehen. Einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge nutzt der Diktator Mittelsmänner in Tunesien, um den dringend benötigten Kraftstoff ins westliche Libyen zu bringen, das von seinen Getreuen gehalten wird.

"Gaddafis Leute versuchen, an Treibstoff heranzukommen"

So sucht zum Beispiel eine bisher im internationalen Ölgeschäft unbekannte Firma namens Champlink mit Sitz in Hongkong Geschäftspartner für Benzinlieferungen nach Libyen. Europäische Ölhändler berichten außerdem von Kontaktaufnahmen ähnlich dubioser Firmen. "Gaddafis Leute versuchen, über Camplink und den tunesischen Hafen La Skhira an Treibstoff heranzukommen", zitiert Reuters eine mit der Situation vertraute Person. "Die verladen das von Schiff zu Schiff in La Skhira."

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Krieg in Libyen: Hilferuf aus Misurata
In einem auf den 1. April datierten Fax, das Reuters vorliegt, tritt Champlink mit einer "dringenden" Anfrage an Handelsfirmen heran. "Wir sind als Vermittler von Endabnehmern in Libyen eingesetzt worden und suchen lieferbereite Schiffsladungen mit Benzin", heißt es darin. In dem Fax wird vorgeschlagen, das Benzin entweder direkt im westlibyschen Hafen Sawija nahe der Hauptstadt Tripolis abzuliefern oder im tunesischen Hafen La Skhira. Dort wiederum würde es dann auf einen wartenden Tanker verladen. Die potentiellen Auftraggeber wünschen sich über die kommenden sechs Monate alle 14 Tage eine 25.000-Tonnen-Lieferung Benzin.

Den Empfängern der Faxnachricht wird demnach versichert, weder die Fracht noch der Endabnehmer seien auf einer Liste mit internationalen Sanktionen verzeichnet. Der Champlink-Vertreter Bhagoo Hathey, der das Fax unterzeichnet hat, bestätigte auf Reuters-Anfrage, dass im April bereits 40.000 Tonnen Benzin im Hafen von La Skhira eingetroffen seien - ohne zu verraten, wer der Lieferant ist. Hathey wollte auch nicht sagen, ob der Sprit schon nach Libyen transportiert worden sei. Kurz darauf überlegte es sich der Mann anders: In einer weiteren E-Mail wollte er nichts mehr davon wissen, überhaupt eine Schiffsladung in La Skhira empfangen zu haben.

Das allerdings scheint wenig glaubwürdig. Denn auch ein weiteres Dokument legt den Verdacht nahe, dass Gaddafi mit Tricks und Täuschungen die internationalen Sanktionen zu umgehen versucht. Diesmal geht es um ein Unternehmen namens Afrimar Tunisia, das am 12. April eine Anfrage versendete: Man suche ein Schiff mit Kapazität für 40.000 Tonnen Benzin. Startpunkt: Türkei. Ziel: das tunesische La Skhira, wo ein anderes Schiff zur Übernahme der Ladung bereitstehe. Die Website der dubiosen Firma zeigt eine Dependance in Tripolis. Für Reuters war sie am Mittwoch nicht erreichbar. Bis jetzt ist nicht bekannt, ob Afrimar-Schiffsladungen Libyen bereits erreicht haben.

Ungewöhnlich viel Benzin

Der Nachrichtenagentur zufolge seien in La Skhira in diesem Monat schon 120.000 Tonnen Benzin angeliefert worden. Das ist bemerkenswert. Handelt es sich doch um eine Menge, die schon fast die Hälfte der gewöhnlichen tunesischen Jahresimporte ausmacht. Das libysche Staatsfernsehen indes berichtete am Dienstag, man erwarte diverse Benzinlieferungen.

Klar ist: Die im Februar und März erlassenen Sanktionen von Uno, USA und Europäischer Union haben sowohl das Gaddafi-Regime als auch die Rebellen getroffen - vor allem was die Versorgung mit Benzin angeht. Mittlerweile konnten die Schiffslieferungen in den von Rebellen gehaltenen Osten des Landes wieder aufgenommen werden.

Gaddafi ist doppelt abhängig vom Sprit: Zum einen braucht er Benzin, um seine Militärmaschinerie am Laufen zu halten und den Kampf gegen die Aufständischenfortsetzen zu können; andererseits dient der Treibstoff dazu, die Bevölkerung im Westen Libyens zu beruhigen. Die Bürger der Hauptstadt sollen mit den notwendigsten Gütern versorgt werden. Der Diktator ist gewarnt: Vor einem Monat ließen Rationierungen den Ärger über die Regierung anschwellen. Bewohner berichteten damals von langen Schlangen an den Tankstellen - sogar von Pistolenschüssen war die Rede. In den letzten Wochen dann hat sich die Versorgungslage spürbar verbessert.

sef/Reuters

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Morrissey74 20.04.2011
1. Zu dumm, wir sind nicht vor Ort...
Das Stoppen von Tanklastzügen hätte gut die Bundeswehr übernehmen können. Die haben da doch Spezialisten in ihren Reihen. Diesmal vereinfachtes Szenario mit ausgeschlossenen Kollateralschäden. Absolut idiotensicher.
meinefresse 20.04.2011
2. Ziele?
Welche Ziele hat der Angriff? Ohne Benzin können die Menschen in den libyschen Städten auch nicht versorgt werden. Ist verhungern lassen die bessere Alternative zu erschossen werden? Ein hoher Preis, um einigen Stämmen die Gewalt über andere Stämme zu sichern... der Genozid nach dem Konflikt kommt ohnehin, entweder von Seiten Gaddafis oder von Seiten der Rebellen (die auch schon Jagd auf Schwarzafrikaner machen).
herr witz 20.04.2011
3. Welche Ziele hat der Angriff?
Zitat von meinefresseWelche Ziele hat der Angriff? Ohne Benzin können die Menschen in den libyschen Städten auch nicht versorgt werden. Ist verhungern lassen die bessere Alternative zu erschossen werden? Ein hoher Preis, um einigen Stämmen die Gewalt über andere Stämme zu sichern... der Genozid nach dem Konflikt kommt ohnehin, entweder von Seiten Gaddafis oder von Seiten der Rebellen (die auch schon Jagd auf Schwarzafrikaner machen).
Muhhamar soll weg.. Was ich nicht verstehe - welches Posten soll er dort abgeben. Er hat doch gar keinen.
iskin 20.04.2011
4. Und war hat das alles angezettelt?
Zitat von meinefresseWelche Ziele hat der Angriff? Ohne Benzin können die Menschen in den libyschen Städten auch nicht versorgt werden. Ist verhungern lassen die bessere Alternative zu erschossen werden? Ein hoher Preis, um einigen Stämmen die Gewalt über andere Stämme zu sichern... der Genozid nach dem Konflikt kommt ohnehin, entweder von Seiten Gaddafis oder von Seiten der Rebellen (die auch schon Jagd auf Schwarzafrikaner machen).
Bestimmt nicht die libysche Regierung. Ich kann garnicht so viel fre... wie ich k... möchte. Schlimm finde ich aber auch, dass der Spiegel, den ich viele Jahre als niveauvolles Gegengewicht gegen die Mainstremmedien gehalten habe, mittlerweile auch auf Staatslinie gebracht worden ist.
Revisionist 20.04.2011
5. ...
Solange Gaddafi in Tripolis regiert, trägt er auch die Verantwortung für die Versorgung der Bevölkerung - also handelt er danach. Die Freiheitskämper in Bengasi fordern die Versorgug von uns, ansonsten verballern sie die erbeutete Munition in die Luft und warten auf die 7 Jungfrauen ...
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