Sarah Palin bei Fox News "Sie werden mich nicht zum Schweigen bringen"

Erstmals seit dem Arizona-Attentat hat sich Sarah Palin in einem TV-Interview geäußert. Doch das Gespräch bei ihrem US-Haussender Fox News verkam zum PR-Einsatz. Mal wieder durfte sie ihr Image pflegen - als Märtyrerin der Rechten und Erzfeindin der Linken. Von Selbstzweifel keine Spur.

Von , New York

Sarah Palin: Ewiges Opfer, ewige Täterin
Reuters

Sarah Palin: Ewiges Opfer, ewige Täterin


Ein Interview war das kaum. Mehr eine höfliche Unterhaltung zweier Gleichgesinnter. Oder ein Werbespot, bei dem der eine den Stichwortgeber spielt und der andere seine einstudierten "talking points" loswird - kostenlos natürlich.

Der Stichwortgeber war in diesem Fall Sean Hannity, einer der schärfsten Polemiker des konservativen US-Kabelkanals Fox News. Und die Lady mit den einstudierten "talking points" war Sarah Palin, Ikone der Rechten, Erzfeindin der Linken - und eine der bestbezahlten Kommentatoren von, nun ja, Fox News.

So etwas nennt sich Synergie.

Palin erschien am Montagabend auf ihrem Haussender, um sich von Hannity zum ersten Mal seit der Schießerei von Arizona befragen zu lassen: "Sie ist hier", jubelte der, "um auf die politischen Schuldzuweisungen zu antworten."

Sarah Palin, ewiges Opfer, ewige Täterin: Der Schaukampf, den die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin und Teile der US-Medien seit 2008 austragen, geht somit in die nächste Runde. Dabei spielt es keine Rolle, ob Palin wegen ihrer platten Wild-West-Rhetorik ("Nicht nachgeben - nachladen!") wirklich mitverantwortlich war für das Attentat von Tucson, wie ihre Kritiker rufen. Es geht nur um eines: Palins Image zu zementieren - wahlweise als Märtyrerin oder Schurkin im US-Polit-Zirkus.

Um es mit George W. Bush zu sagen: "Mission accomplished." Kaum hatte sich Palin live in Hannitys Studio zuschalten lassen, aus ihrem Anwesen in Alaska, wo sie im schlichten Outfit mit Sternenbanner-Pin vor dem Kamin saß, da drehte die andere Seite die künstliche "Kontroverse" auch schon weiter: "Breaking News", krähte Fox-News-Rivale MSNBC beglückt und wiederholte Ausschnitte des Auftritts, bevor es den neuesten Fortschritt der angeschossenen Abgeordneten Gabrielle Giffords auf dem langen Weg der Genesung vermeldete ("Sie lächelt"). Woraufhin Fox News gleich wieder nachlegte und auf MSNBC eindrosch.

Die Empörungsmaschine lief mal wieder auf Hochtouren.

"Hier geht es nicht um mich"

Palins Darbietung war dabei ein völlig berechenbarer, ergo völlig überflüssiger PR-Einsatz in eigener Sache. Egal, was sie sagen würde: Weder ihre Feinde noch ihre Freunde würden ihre Meinung ändern. "Sie werden von vielen geliebt", schwärmte Hannity bebend, "und sie sind ein Blitzableiter in der öffentlichen Arena." Basta.

Ihre politischen Chancen bleiben nach dem Hannity-Auftritt deshalb so gut und so schlecht wie vorher. Palins ersten Reaktionen auf das Attentat schadeten ihrer Statur, daran besteht kein Zweifel, daran hat sich nichts geändert. Die Chance, darüber hinauszuwachsen, hat sie aber vertan mit ihrem Heimspiel auf Fox News.

Palin blieb lieber allen treu. Sie zitierte die Bibel (zweimal) und den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King, dem die USA am Montag gedachten (einmal). Und dann verlor sie, zwischen Werbepausen für Schmerzmittel und Beauty-Produkte, immer mehr den Faden. Nachdem sie ihre einstudierten Phrasen verbraucht hatte, verhaspelte sie sich in jenen Satz-Ellipsen, für die man sie liebt.

Da half es wenig, dass sie als Erstes klarstellte, auch sie finde das Attentat von Tucson "absolut grauenhaft", und um Mitgefühl bat. Die Besinnung währte nur kurz: Sofort lenkte Hannity das Gespräch auf die Kritik der Linken an Palin.

"Hier geht es nicht um mich", log sie - und griff die Vorlage dann munter auf. Der Vorwurf, sie sei eine "Mordkomplizin", gelte nicht nur ihr, sondern allen "Tea-Party-Patrioten", ja, "dem gesamten Staat Arizona". Hannity half willig nach, erinnerte an die harschen Worte Prominenter und all die "Morddrohungen", die ihr selbst gälten. "Ja, wir bekommen viele", bestätigte Palin gerne. "Meine Kinder. Das ist das Schlimmste."

Das passte perfekt in die Kunstfigur, als die sich Multimillionärin Palin seit jeher geriert: Bannerträgerin des kleinen Mannes, angefeindet, doch ungebrochen.

Kein Anflug von Selbstzweifeln

Auf der anderen Seite: die "Lamestream-Medien", als die Palin ihre Lieblingsgegner, die Mainstream-Medien ("NBC, ABC, CNN", sekundierte Hannity), auch diesmal titulierte. Dass Fox News, der quotenstärkste News-Sender von allen, das einflussreichste Mainstream-Medium ist, diese Ironie fiel ihr nicht auf.

Auch verschwieg sie, dass die Kampfrhetorik, die Amerikas Polit-Klima zuletzt vergiftet hat, überwiegend von rechts kommt. Von jenen, die US-Präsident Barack Obama als Verräter beschimpfen, die den Untergang der Nation beschwören, zum bewaffneten Widerstand aufrufen und Rufe nach mehr "Anstand" ablehnen. Etwa Radio-Talker Rush Limbaugh, der noch vorige Woche bellte: "Wir brauchen nicht zu heilen." Palin nahm Limbaugh liebevoll in Schutz - er sei ebenso ein Opfer wie sie.

Wie immer zeigte sie keinerlei Anflug von Selbstzweifeln. Ihre kontroverse Grafik mit Fadenkreuzen über den Wahlkreisen Giffords und anderer Demokraten? "Die Demokraten verwenden die seit Jahren." Ihre unglückliche, wenn nicht fahrlässige Wortwahl, mit der sie die Kritik an den Demagogen zur "Blutlüge" erhob, einem antisemitisch belasteten Begriff? "Der wird doch seit Äonen benutzt."

Dabei war es Giffords selbst gewesen, die Sorge um ihre Sicherheit erklärt hatte - unter ausdrücklichem Verweis auf Palins Fadenkreuz-Karte. Dabei hatten die meisten jüdischen Verbände sich energisch gegen Palins Formulierung verwandt.

Statt dessen: Weiter so. "Es geht um die Botschaft, die ich nicht zögere, durchs Land zu verbreiten. Sie werden mich nicht zum Schweigen bringen."

Soll das heißen, dass sie weiter mit einer Präsidentschaftskandidatur liebäugelt? "Ich bin nicht bereit, etwas zu meiner politischen Zukunft zu erklären", kokettierte Palin - und hielt sich das Türchen weiter offen, was sonst: "Ich spreche für viele."

Ihr Weg ist vorgezeichnet. Doch nur sie bestimmt und weiß, wo es hingeht. Als nächstes jedenfalls nach Reno, das Scheidungsparadies in Arizonas Nachbarstaat Nevada, wo sie Ende Januar eine Rede hält. Gastgeber: der Safari Club International - eine muntere Vereinigung von Jagd- und Waffenfreunden. Dessen Jahrestagung, zu dem rund 20.000 Teilnehmer erwartet werden, ist schon jetzt ausverkauft.



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Sapientia 18.01.2011
1. So ist es und so war es immer mit der Dummheit,
Zitat von sysopErstmals seit dem Arizona-Attentat hat sich Sarah Palin in einem TV-Interview geäußert - doch das Gespräch bei ihrem US-Haussender Fox News verkam zum PR-Einsatz. Mal wieder durfte sie ihr Image pflegen - als Märtyrerin der Rechten und Erzfeindin der Linken. Von Selbstzweifel keine Spur. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,740044,00.html
Menschen, welche ihre Defizite öffentlich kompensieren und dabei den Spiegel vorgehalten bekommen, wählen aus Dummheit den Weg: Jetzt erst recht. Und hier lohnt es sich, weil USA-Dummheit eine Gallionsfigur benötigt. Die Überlebenschancen existieren nicht aufgrund der eigenen Substanz, nein, sondern aus dem rassistischen Blick auf einen dunkelhäutigen Präsidenten - und, das Wichtigste, weil die Medien solche Dummköpfe dringend benötigen, um etwas zu berichten zu haben, was ggf amüsant, dümmlich, medienwirksam, anscheinend konfrontativ etc. wirkt, letztlich aber mehr den endgültigen Untergang der Weltmacht USA nützt, als man sich klar macht. Und insoweit wiederum ist die Palin Gold wert. Inwieweit will man den - nicht selten seitens der USA initiierten - Problemen dieser Welt mit Kukluxklan-Hirnen, die ihre Uniformen vergessen haben anzuziehen, wirksam entgegentreten? Andererseits: Wie dumm müssen Politiker sein, damit sich die Journaille entscheidet, nicht mehr täglich über sie zu berichten?
mcklimm 18.01.2011
2. Palin interessiert hier niemanden
Es ist mir schleierhaft warum der SPIEGEL staendig ueber diese Frau berichtet. Die interessiert hier in USA kaum jemanden. Sie wird als zutiefst peinlich empfunden, kein Schwein wird sie waehlen. Also wozu der Wirbel ?
Da Ge 18.01.2011
3. Na Wahnsinn
Wie will man denn in Afghanistan, Irak und all den anderen Ländern den Respekt und das Ansehen Amerikas wieder herstellen, wenn man so eine Knalltüte als Ikone hat und -wohlwissend, dass sie nicht die Allerhellste ist- immer weiter pusht? Das schlimmste daran ist, dass sie mit all der Hilfe wahrscheinlich gar nicht mal üble Chancen auf die Präsidentschaft hat. Schlicht und einfach erschreckend, wie oberflächlich sich die Weltmacht da zeigt!
ugt 18.01.2011
4. Nun ja ..
Zitat von sysopErstmals seit dem Arizona-Attentat hat sich Sarah Palin in einem TV-Interview geäußert - doch das Gespräch bei ihrem US-Haussender Fox News verkam zum PR-Einsatz. Mal wieder durfte sie ihr Image pflegen - als Märtyrerin der Rechten und Erzfeindin der Linken. Von Selbstzweifel keine Spur. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,740044,00.html
Vielleicht zeigt sie ja nur das Gesicht einer Nation. "Keiner mag mich und ich habe keine Ahnung warum nicht" nur um im nächsten Moment teures Porzelan zu zerschlagen.
Thomas Kossatz 18.01.2011
5. Fighting for peace is like fucking for innocense
Zitat von sysopErstmals seit dem Arizona-Attentat hat sich Sarah Palin in einem TV-Interview geäußert - doch das Gespräch bei ihrem US-Haussender Fox News verkam zum PR-Einsatz. Mal wieder durfte sie ihr Image pflegen - als Märtyrerin der Rechten und Erzfeindin der Linken. Von Selbstzweifel keine Spur. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,740044,00.html
Es fällt mir ja bei der intellektuellen Flachpfeife Palin schwer, fair zu bleiben, aber die anfänglichen Attacken mancher Demokraten waren dann doch zu übertrieben. Damit hat man Palin genau die Rolle auf den Leib geschrieben, die SPON notiert. Ich kann das menschlich verstehen, ich finde ihre Wahlkampfmethoden ekelig, aber: Der Hinweis auf einen Tatzusammenhang fehlt. Der Täter hat mal für Gifford gerabeitet, nicht für Palin. Obama hat die Gefahr erkannt und das Spiel nicht mitgemacht. Bei der Trauerfeier in Tuscon sagte er wörtlich: "Es geschehen schlimme Dinge, aber wir müssen uns vor einfachen Erklärungen dafür hüten. Denn Die Wahrheit ist, dass niemand von uns genau wissen kann, was genau den bösartigen Angriff ausgelöst hat. Niemand von uns kann mit Sicherheit sagen, was diese Schüsse hätte verhindern können oder welche Gedanken im Hinterkopf eines gewalttätigen Menschen gelauert haben" (...) Was wir nicht nicht dürfen: Diese Tragödie als einen weiteren Anlass zu benutzen, aufeinander los zu gehen. Das dürfen wir nicht!" (Original: Bad things happen, and we have to guard against simple explanations in the aftermath. For the truth is none of us can know exactly what triggered this vicious attack. None of us can know with any certainty what might have stopped these shots from being fired, or what thoughts lurked in the inner recesses of a violent man’s mind. (...) But what we cannot do is use this tragedy as one more occasion to turn on each other. (Applause.) That we cannot do. (Applause.) That we cannot do.) Wer eine faire Wahlkampfführung will und zugleich Palin quasi zur geistigen Anstifterin hgochjazzt, erinnert mich an einen alten Slogan: "Fighting for peace is like fucking for innocense!"
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