Von Marc Pitzke, New York
So hätten ihr die Strategen strikt untersagt, Obamas "Connection" zum umstrittenen Pastor Jeremiah Wright zu thematisieren, beklagt sich Palin auf Seite 307. "Ich werde auf immer in Frage stellen, warum die Wahlkampfleitung die Diskussion solcher Verbindungen verbot." Zumal Obama seine damals "sorgsam getarnten" Ansichten jetzt "mittels seiner Amtshandlungen" als Präsident offenbart habe.
McCains Team, petzt Palin weiter, habe ihr nur "lauwarme Unterstützung" gewährt und sie regelmäßig untergraben. So hätten die Berater, als kurz vor dem Wahlparteitag in St. Paul die Schwangerschaft ihrer minderjährigen Tochter Bristol ans Licht kam, eine Erklärung verfasst, die die Situation "verherrlicht" habe und die sie entsetzt umgeschrieben habe. Veröffentlicht worden sei der Originaltext.
Introspektion kennt Palin nicht. Etwa bei den TV-Debatten gegen ihren demokratischen Gegenspieler Joe Biden: Zur Vorbereitung habe sie "Stapel von Karteikarten bekommen", auf der einen Seite Fragen, auf der anderen "politische Nichtantworten". Zu denen habe sie sich aber "nicht zwingen" können und eigene Antworten gegeben. Prompt habe ein McCain-Berater sie vor der Presse angeschwärzt: Palin übe den "Alleingang" - ergo der Buchtitel.
Überhaupt sei sie von den Medien ferngehalten worden. Selbst harmlose Journalistenfragen wie "Wie geht es Ihnen?" habe sie nicht beantworten dürfen - sehr gegen ihren Willen.
In klassischer Palin-Manier macht sie sich dann aber zugleich über jene Reporter her. Wie die sie behandelt hätten, sei "jämmerlich" gewesen: Die "Mainstream"-Medien seien "als Quelle sachlicher Informationen wertlos". Als besonders "lausig" beschrieb sie das Interview des TV-Senders KTUU, in dessen Hintergrund ein Truthahn geschlachtet wurde - eine "absichtliche" Falle des Kameramanns.
Selbstlose Interviews
Speziellen Groll hebt sie sich für Katie Couric auf, deren entlarvende Interviews Palin zur globalen Lachnummer machten. Courics Fragen seien "voreingenommen" gewesen, ihre eigenen, "substantiellen Antworten" dagegen systematisch zu "Zehn-Sekunden-Soundbites" gestutzt worden. Überhaupt habe sie Couric die Interviews nur gegeben, weil sie "Mitleid" mit ihr gehabt habe: Couric - die im TV-Quotenkampf hinterherhinkte - habe nach den Worten von McCains Beraterin Nicolle Wallace "ein geringes Selbstwertgefühl" gehabt und dringend einen Karriereschub gebraucht.
Auch ließ sich Palin über die Komödiantin Tina Fey aus, die sie in der Sketchshow "Saturday Night Live" brillant persiflierte und mit der sie am Ende gemeinsam auftrat. Fey sei zwar "liebenswürdig" gewesen, doch die "SNL"-Witze habe sie als "unschmeichelhaft" und "derb" empfunden. Die Idee, bei "SNL" aufzutreten, habe sie außerdem selbst gehabt - eine Darstellung, die McCains Strategen am Wochenende umgehend dementierten: Palin sei davon gar "nicht begeistert" gewesen.
Das McCain-Lager widersprach auch anderen Behauptungen Palins. Zum Beispiel, dass sie die Kosten der Sicherheitsüberprüfung ihrer Kandidatur (50.000 Dollar) habe tragen müssen. "Das Wahlkampfteam hat sie nicht ersucht, diesbezügliche Ausgaben zu zahlen", beharrte Trevor Potter, McCains damaliger Finanzjurist, in der Zeitung "USA Today".
Die ersten Reaktionen auf "Going Rogue" waren vorhersehbar: Die Linken verhöhnen es, die Rechten umjubeln es. Fest steht, dass Palin in den USA wieder Gesprächsthema Nummer eins ist. Selbst Oprah Winfrey, Obamas Wahlkampfgefährtin, ist angetan: "Es gab nichts, über das wir nicht gesprochen hätten", strahlte sie nach der Aufzeichnung des TV-Interviews.
Palin selbst genießt den Wirbel. "Lest das Buch", ruft sie ihren Fans auf ihrer Facebook-Page zu. "Habt Spaß!" Ihre geplante "book tour" wird sie in ländliche Staaten führen, in denen sie schon 2008 gefeiert wurde und die auch bei den nächsten Wahlkämpfen wieder entscheidend sein dürften: Michigan, Indiana, Ohio, Pennsylvania, Virginia, North Carolina, Florida. Termine gibt sie über ihr Twitter-Konto bekannt. Dessen Name: SarahPalinUSA - da braucht keiner zwischen den Zeilen zu lesen.
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