Sarkawis Strategiepapier Al-Qaida wollte Krieg zwischen USA und Iran entfachen

Irakische Sicherheitskräfte haben nach eigenen Angaben wichtige Dokumente von al-Qaida beschlagnahmt. Sie stammen aus einem Computer, der dem vor wenigen Tagen getöteten Terroristen Sarkawi gehören soll. Die Unterlagen beschreiben, wie die USA in einen Krieg mit Iran gelockt werden sollen.


Bagdad - Die Dokumente seien in einem Qaida-Versteck im Irak entdeckt worden, das auch dem getöteten Anführer Abu Mussab al-Sarkawi als Unterschlupf gedient habe, sagte der irakische Nationale Sicherheitsberater Mowaffak al-Rubaie heute in einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz. "Ich zeige ihnen ein Dokument, das in einem der Computer Sarkawis gefunden wurde und das viele gefährliche Dinge und Details über die Strategie und die Pläne der terroristischen Organisation offenbart", sagte al-Rubaie.

Abu Ajub al-Masri alias Abu Hamza al-Muhadschir: Die US-Armee präsentierte ein Foto des mutmaßlichen Sarkawi-Nachfolgers
AFP/ US ARMY

Abu Ajub al-Masri alias Abu Hamza al-Muhadschir: Die US-Armee präsentierte ein Foto des mutmaßlichen Sarkawi-Nachfolgers

In dem Papier ist davon die Rede, dass die Aufständischen im Irak durch Offensiven und Propaganda der US-Armee geschwächt worden seien. Der Widerstand befinde sich in einer "düsteren Lage", heißt es in dem unsignierten Schreiben, dessen Echtheit von unabhängiger Seite nicht bestätigt werden konnte. "Um aus dieser Krise herauszukommen", sei es am besten, "die amerikanischen Truppen in einen weiteren Krieg mit einem anderen Land oder einem weiteren Gegner" zu verwickeln.

Als am geeignetsten für den irakischen Widerstand wird in dem Papier ein Krieg zwischen den USA und Iran klassifiziert. Hiervon würden der irakische Widerstand und die Sunniten, die rund 30 Prozent der irakischen Bevölkerung stellten und unter schiitischer Herrschaft stünden, am meisten profitieren. Ein solcher Krieg würde viele militärische Kräfte der USA binden. Zudem könnte der irakische Widerstand in einem solchen Fall neue Waffen von iranischer Seite beziehen - "entweder nach dem Fall Irans oder während der Kämpfe".

"Es stellt sich die Frage: Wie kann man die Amerikaner in einen Krieg gegen Iran ziehen", wird in dem Schreiben gefragt. Hierzu sei es zunächst nötig, die von Iran ausgehende Gefahr zu übertreiben und Amerika sowie den Westen von diesem Risiko zu überzeugen.

Um einen Krieg zwischen den USA und Iran zu entfachen, werden unter anderem folgende Strategien genannt: Man könne bedrohliche Botschaften verbreiten, die sich gegen amerikanische Interessen und das amerikanische Volk wenden, und diese Botschaften mit iranischen Schiiten in Verbindung bringen. Man könne Iran für Bombenattentate im Westen verantwortlich machen, indem man an den Anschlagsorten iranische Spuren hinterlasse. Als eine weitere Möglichkeit gilt es demnach, Iran mit chemischen und Nuklear-Waffen in Verbindung zu bringen, mit denen das Land den Westen bedrohe.

Al-Rubaie sagte bei der Pressekonferenz, dass die Dokumente zudem Aufschluss über den Aufenthaltsort der Extremisten-Anführer geben sollen. "Wir gehen davon aus, dass dies der Anfang vom Ende der al-Qaida im Irak ist", fügte al-Rubaie hinzu.

Nach der Tötung Sarkawis, der für zahlreiche Anschläge und Entführungen im Irak verantwortlich gemacht wird, hatte die al-Qaida unmittelbar einen Nachfolger ernannt. Scheich Abu Hamza al-Muhadschir drohte in einer im Internet veröffentlichten Botschaft mit Vergeltungsschlägen. Darin hieß es, die US-geführten Truppen im Irak sowie ihre irakischen Verbündeten seien in ihren Hochburgen nicht sicher. Die US-Armee hat heute ein Foto des mutmaßlich neuen Chefs der Qaida im Irak präsentiert. Es zeigt einen noch relativ jungen, bärtigen Mann. Zudem gab die US-Armee weitere Einzelheiten über den mutmaßlichen Sarkawi-Nachfolger bekannt. Hinter dem von der Qaida als al-Muhadschir bezeichneten Nachfolger stecke der Ägypter Abu Ajub al-Masri, sagte US-Generalmajor William Caldwell in Bagdad dem US-Sender CNN. Er war nach Angaben der US-Armee im Jahr 2000 in einem Qaida-Camp in Afghanistan und lernte dort Sarkawi kennen.

Die USA hatten die Tötung Sarkawis bei einem US-Luftangriff als wichtigen Schlag gegen die Extremisten-Organisation im Irak bezeichnet, gleichzeitig aber eingeräumt, dass dies nicht das Ende der Gewalt bedeuten werde. Der Irak hat eine Großoffensive von rund 40.000 Soldaten in Bagdad angekündigt, mit der Aufständische aufgespürt werden sollen. In der Hauptstadt wurden gestern zusätzliche Kontrollstellen eingerichtet. Trotzdem kam es dort zu Gefechten und Anschlägen.

hen/AP/AFP/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.