Sarkozy empfängt Merkel: Küsschen gegen die Entfremdung
Mit Pracht und Pathos inszeniert Nicolas Sarkozy den Besuch von Kanzlerin Merkel in Paris. Der Präsident beschwört die deutsch-französische Freundschaft - und versucht so, von innenpolitischen Streitereien abzulenken. Denn der Élysée-Chef wird beim Volk immer unbeliebter.
Nicolas Sarkozy präsentiert sich als Staatsmann von Format, als Inbegriff der deutsch-französischen Freundschaft - ein Hauch von Historie wenigstens, angesichts so viel geschichtsträchtiger Daten. Zum 11. November wollte der Präsident eine "starke Geste der Versöhnung", ein dauerhaftes Bild bilateraler Harmonie - und seine Kommunikationsgurus setzen sie symbolträchtig in Szene: Zum ersten Mal französisch-deutsche Präsenz unter dem Triumphbogen, dort, wo am Grab des Unbekannten Soldaten die Flamme züngelt.
Um 10.43 Uhr gleiten Nicolas Sarkozy und Angela Merkel im selben Wagen über die Champs-Élysées. Ein Spalier aus deutschen und französischen Soldaten, Schüler aus beiden Ländern, "Freude schöner Götterfunken" aus Lautsprechern und der ganze protokollarische Aufwand aus Fahnen, Uniformen, Abschreiten von Ehrenformationen und gebellten Befehlen: Da war schnell vergessen, dass der Élysée in der Eile die deutsche Nationalhymne im Programmheft mit "Deutschland über alles" angegeben hatte.
Das feierliche Pathos ist eine Verbeugung vor der Kanzlerin und den Nachbarn jenseits des Rheins, jetzt, da es keine Überlebenden des Ersten Weltkriegs mehr gibt, die am Arc de Triomphe alljährlich den Waffenstillstand von 1918 und den Sieg über die Deutschen feierten. Stattdessen gibt man nun die Aufführung der deutsch-französischen Freundschaft. Eine Gelegenheit für Nicolas Sarkozy, endlich mal wieder vor handverlesenem Publikum in eindringlicher Pose präsidiale Prachtausübung zu zeigen, die überzeugende Verkörperung der V. Republik, der Staatschef als Lenker Europas. Und damit ein Moment, von den innenpolitischen Grabenkämpfen abzulenken, mit denen sich Sarkozy beinahe täglich herumschlagen muss.
Giftiger Nahkampf und Mauerfall-Fauxpas
Denn just zur Mitte seiner fünfjährigen Amtszeit steckt der Franzose wieder einmal in Stimmungstief, 60 Prozent der Bevölkerung ist mit der Arbeit von Nicolas Sarkozy unzufrieden - darunter auch weite Teile der konservativ-ländlichen Bevölkerung. Angezählt durch Affären, wie etwa die geplante Bestallung von Sohn Jean auf einen lukrativen städtischen Spitzenjob, geschwächt durch einen Angriff der eigenen Parlamentarier auf die Neuordnung der Unternehmensteuern und einer Kohlendioxid-Abgabe, schließlich der andauernde giftige Nahkampf zwischen Kabinett und Sarkozys Beratern um die milliardenschwere "Große Anleihe", die Frankreichs Wirtschaft einen neuen Impuls bescheren soll.
Da kamen die rückwärtsgewandten Termine, der mehrfache Blick in die Vergangenheit gerade recht. Freilich, beim Fest des Mauerfalls in Berlin spielte Sarkozy im Konzert der Großen dieser Welt bestenfalls die zweite Geige: Neben den historischen Hauptfiguren, von Michail Gorbatschow bis zu Lech Walesa, saß Frankreichs Präsident zwar in der ersten Reihe, aber doch nur als einer unter vielen.
Und dann überlagerte auch noch der Streit über Sarkozys Präsenz am Tag der geschichtlichen Wende 1989 die Feiertagslaune. Zwar pries der Präsident mit schönster Eloquenz den Mauerfall als "Verwirklichung des Traums der Befreiung" und griff in den Zitaten-Kasten berühmter Vorgänger ("Wir sind alle Brüder, wir sind Berliner"), doch nach einer peinlichen Panne im Élysée interessierten nur noch historische Petitessen.
Kontroverse um die Glaubwürdigkeit des Präsidenten
Denn auf der "Facebook"-Seite des Präsidenten war ein Foto veröffentlicht worden, das den jugendlichen Sarkozy als Mauerspecht zeigte - mit dem Hinweis, der heutige Staatschef habe bereits am 9. November zu Hammer und Meißel gegriffen - was freilich ein gerütteltes Maß an politischer Vorsehung bedurft hätte. Prompt köchelte der Streit um den Besuchstermin zur Kontroverse um die Glaubwürdigkeit des Präsidenten hoch, Blogger, Zeitzeugen, Parteifreunde und sogar der Premier, seinerzeit belegbar in Berlin vor Ort, gaben verschiedenste Version vor, wann Sarkozy beherzt Hand an die Beseitigung des antifaschistischen Schutzwalls gelegt hatte.
Am Mittwoch stand Sarkozy im Mittelpunkt, erinnerte an die Schrecken der Schlachten und den "Weg vom Krieg zum Frieden": "Zusammen können wir Großes schaffen", so Sarkozy. Und Merkel beschwor "die Versöhnung, die sich zur Freundschaft gewandelt hatte", und die gemeinsamen Aufgaben in Europa und im transatlantischen Bündnis. Und zum Schluss ein ziemlich akzentfreies Hoch auf die Freundschaft: "Vive l'amitié franco-allemande."
60 Minuten Symbolik am Triumphbogen, Rhetorik auf der Höhe der Feier, ein bisschen Bad in der Menge, alles wie geplant in der Tradition jenes Symbolbildes der Versöhnung, das bisher die kollektive Erinnerung bestimmte - Francois Mitterrand und Helmut Kohl vor 25 Jahren, Hand in Hand, an den Gräbern von Verdun. Vielleicht kommt sogar noch ein qualitativer Quantensprung im gegenseitigen Verhältnis heraus, ein paar neue Elemente für die Zusammenarbeit. Das Modell eines deutsch-französischen Ministers etwa geistert durch die Medien, propagiert unter anderem von dem ehemaligen sozialistischen Kulturminister Jack Lang, der sich mit großer Hartnäckigkeit für dieses Amt ins Gespräch gebracht hat - bisher ohne viel Gegenliebe aus Berlin.
Dann bleibt es bei der telegenen Neuauflage der historischen Gebärde, einer aufgewärmten Freundschaft und der politischen Hilfestellung für den "schär Nicolas": Die deutsche Kanzlerin als solidarische Beilage für den französischen Staatschef, Merkel an Sarkozy.
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