Von Stefan Simons, Paris
Obendrein grassiert bei Lehrern, Erziehern und Eltern der Unmut über Sarkozys Stellenabbau im Erziehungswesen, Richter und Anwälte demonstrierten diese Woche gegen die rabiate Strafrechtsreform. Arbeiter, ländliche Bevölkerung wie wertkonservative Bürger haben sich abgewandt, die Führungsteams im Élysée liegen im Dauerclinch mit den Kollegen aus dem Matignon, wo Premierminister Francois Fillon regiert, die konservativen Parlamentarier vermissen klare Ansagen aus der Parteizentrale. Sarkozys sprichwörtliches Machtgefühl? "Er hat's nicht mehr drauf", klagt ein UMP-Mann, "der Präsident kann ja kaum noch seine Gesichtszüge kontrollieren."
Vom präsidialen Tief profitieren vor allem die Sozialisten (PS). Martine Aubry, noch vor Wochen gerade mal als schwache Übergangschefin der Partei gewürdigt, hat deutlich an Oberwasser gewonnen, und die totgesagten PS-Genossen hoffen auf ein Comeback. Zwar kam es ausgerechnet während des Wahlkampfes zum Showdown zwischen der Pariser Führung und einem lokalen PS-Bonzen im Languedoc, der nach antisemitischen Bemerkungen aus der Partei ausgeschlossen wurde und jetzt mit einer eigenen Liste antritt; doch im Ansehen der Genossen konnte Aubry bei dem Kräftemessen eher zulegen.
Auch die Kommunisten, die Linkspartei und andere Splittergruppen fühlen sich im Aufwind: Während die Sozialisten in den Meinungsumfragen für die erste Abstimmungsrunde derzeit knapp in Führung liegen, werden die kleineren linken Listen beim entscheidenden zweiten Durchgang über den Ausgang entscheiden. Aus diesem Grund rechnet auch die Gruppierung der französischen Grünen auf eine Wiederholung ihres Erfolgs bei den Europawahlen, bei denen sie beinahe die Sozialisten überflügelten.
Hoffnung in Wahlmüdigkeit umgeschlagen
Selbst die Rechtsextremisten des Front National wittern Morgenluft. Marine Le Pen, Tochter und Nachfolgerin des alternden Parteichefs Jean-Marie Le Pen, hat es mit Geschick verstanden, die alten, fremdenfeindlichen Parolen um populistische Forderungen zu ergänzen: Beim Wahlkampf im gebeutelten Norden des Pas-de-Calais beschimpft sie Kriminalität genauso wie Produktionsverlagerungen ins Ausland. "Die Arbeiter haben die Kommunisten satt, und sie glauben auch Sarkozy kein Wort mehr", so die blonde FN-Frau und rechnet sich für die Region "gute Chancen" aus.
Die Rechnung könnte aufgehen, vor allem dann, wenn die Wahlbeteiligung unter 50 Prozent rutschen sollte - was zumal für den ersten der beiden Durchgänge denkbar ist. Denn die Hoffnung auf eine politische Wende, der 2007 beim Präsidentschaftsduell Sarkozy gegen Ségolène Royal zu einer Spitzenbeteiligung von 84 Prozent führte, ist umgeschlagen in Wahlmüdigkeit. "Verantwortlich ist dafür die vermeintliche Machtlosigkeit der Politik, die Probleme der französischen Gesellschaft, allen voran die Arbeitslosigkeit, zu bekämpfen", sagt Brice Teinturier vom Umfrageinstitut TNS-Sofres: "Die Enttäuschung entspricht den Erwartungen."
Sarkozy geht schon vorweg auf Distanz zum möglichen Wahldebakel. Bei den Reformen werde er eine "Pause" einlegen, kündigte er an. Eine Regierungsumbildung in Paris, sonst in der V. Republik ein probates Mittel, um einen politischen Neuanfang zu signalisieren, soll es nicht geben - es käme ja einem Eingeständnis des eigenen Scheiterns gleich. Und überhaupt, "das ist ein französisches Problem", belehrt Sarkozy seine Zuhörer beim Runden Tisch in Pontarlier, man dürfe doch bitte nicht immer die Anlässe durcheinanderbringen. "Regionale Wahlen bedürfen regionaler Konsequenzen, nationale Wahlen erfordern nationale Konsequenzen."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Nicolas Sarkozy | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH