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Sarkozy in Washington: America, mon amour

Von , Washington

Für die Bush-Regierung galten Franzosen lange Zeit als zynische Feiglinge. Seit dem Amtsantritt von Präsident Sarkozy, einem erklärten Amerika-Fan, hat sich das geändert. Er wird mit allen Ehren in Washington empfangen - ein Signal auch für Angela Merkels USA-Besuch Ende der Woche.

Washington - Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy gilt nicht unbedingt als pflegeleichter Chef. Als eine CBS-Reporterin ihn vor rund einer Woche unerwartet auf die Trennung von seiner Frau Cécilia ansprach, stürmte der erboste Sarkozy mitten im Interview hochrot aus dem Studio - und beschimpfte lauthals seinen Sprecher. Der sei ein Dummkopf, dieses Gespräch arrangiert zu haben, ein Kind, ein Idiot.

Sarkozy und Bush: "Ich bin ein Freund Amerikas. Foltert mich nicht dafür"
AP

Sarkozy und Bush: "Ich bin ein Freund Amerikas. Foltert mich nicht dafür"

Man kann für diesen Sprecher nur hoffen, dass er Sarkozy heute nicht den Pressespiegel vorlegen musste. Denn in ein paar amerikanischen Zeitungen prangten muntere Karikaturen, die den Franzosen als fröhlich kläffenden "Pudel" auf Bushs mächtigem Schoß zeigen - der Franzose als Nachfolger des Briten Tony Blair, dessen enge Freundschaft mit US-Präsident George W. Bush Kritiker gerne so zeichneten.

Sarkozy muss schon vor der Abreise in Paris besorgt geahnt haben, dass sein 26 Stunden langer Wirbelsturm durch die US-Hauptstadt genau solche Assoziationen wecken könnte - und wollte partout diesen Eindruck vermeiden. "Ich bin ein Freund Amerikas. Foltert mich nicht dafür", hatte er seine skeptische Landsleuten vorsorglich gebeten. Diese tiefe Freundschaft wurde Sarkozy am ersten Tag seines Washington-Besuchs nicht müde zu betonen. Beim Austausch mit Wirtschaftsbossen, bei der Verleihung von Orden der Ehrenlegion an amerikanische Weltkriegsveteranen oder beim Gala-Dinner im Weißen Haus - dessen Toast er zum feierlichen Versprechen nutzte, die Herzen der Amerikaner zurückerobern zu wollen.

Heute wird Sarkozy eine Rede vor dem US-Kongress halten, eine seltene Ehre für ausländische Staatsgäste. Danach will er gemeinsam mit Bush auf Mount Vernon, dem ehemaligen Wohnsitz von Gründungspräsident George Washington, an die historischen Wurzeln der französisch-amerikanischen Partnerschaft erinnern - etwa den 250. Geburtstag von General La Fayette, dessen Militärgenius die Amerikaner im Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten rettete.

Was Republikaner von Sarkozy lernen können

Und die Gastgeber tun alles, um Sarkozy gar nicht an den Pudel-Vergleich denken zu lassen. Etwa, in dem sie ihm und seiner Delegation neben den vielen symbolischen Auftritten auch großzügig Gesprächszeit mit Präsident Bush einräumten. "Dies scheint wirklich der Beginn einer neuen Ära im Verhältnis der beiden Staaten zu sein. Dafür spricht schon die Dauer der Arbeitstreffen zwischen Bush und Sarkozy", urteilt Laurie Dundon, bis vor kurzem enge Mitarbeiterin der ehemaligen amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

US-Staatssekretär Nicholas Burns sieht das ähnlich. "Die Stimmung in dieser Beziehung hat sich wirklich geändert." Weite Teile der US-Administration scheinen den energiegeladenen französischen Präsidenten - der aus seiner Leidenschaft für Elvis-Melodien, für iPods, Jogging und amerikanische Managementmethoden keinen Hehl macht - regelrecht ins Herzen geschlossen zu haben. Vielleicht auch, weil die Republikaner vom Konservativen Sarkozy das Siegen zu lernen hoffen. Schon länger verweisen Parteivordenker wie Newt Gingrich auf Sarkozys Wahlkampflist, sich vom Amtsvorgänger der eigenen Partei erfolgreich zu distanzieren. Eine ähnliche Strategie könnten sich die republikanischen Präsidentschaftskandidaten auch für die Nachfolge des unpopulären Amtsinhabers vorstellen.

Kein Besuch aus Frankreich seit 2001

So viel Harmonie wäre im amerikanisch-französischen Verhältnis vor Kurzem unvorstellbar gewesen. Sarkozys Vorgänger Jacques Chirac hatte mit seinem sorgsam orchestrierten Protest gegen den Irak-Krieg - vom damaligen Außenminister Dominique de Villepin im Uno-Sicherheitsrat flamboyant vorgetragen - die Bush-Administration bis aufs Blut gereizt. Schon seit 2001 setzte kein Präsident der "grande nation" mehr Fuß auf Washingtoner Boden. Dort ereiferten sich stattdessen rechte Boulevardzeitungen wie Rupert Murdochs "New York Post" über französische "cheese-eating surrender monkeys" ('Käse fressende Kapitulations-Affen"). Auf den Speisekarten des US-Kongress setzten Kriegsbefürworter die Umbenennung von "French Fries" in "Freedom Fries" durch.

Zwar begann die vorsichtige Annäherung auf Arbeitsebene bereits seit rund zwei Jahren, schätzen Diplomaten, doch erst mit dem Regierungswechsel konnte die auch symbolisch an der Spitze vollzogen werden. "Das ist eine echte Gelegenheit", sagt Ron Asmus, Leiter des Brüsseler Büros des German Marshall Funds und Ex-Top-Beamter im US-Außenministerium. "Sarkozy ist seit Jahrzehnten der erste französische Präsident, der Amerika wirklich mag und unser Wirtschaftssystem oder unsere Außenpolitik nicht für politischen Nutzen dämonisieren will."

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