Sarkozy und Hollande im TV-Duell: Verachtung und Abscheu

Von Mathieu von Rohr, Paris

Es war die aggressivste Debatte, die es in einem französischen Präsidentschaftswahlkampf je gab: Nicolas Sarkozy wollte unbedingt den Befreiungsschlag gegen seinen Herausforderer François Hollande. Er provozierte, agitierte. Und wurde Opfer seiner eigenen Taktik.

DPA

Nicolas Sarkozy hatte sich ein ziemlich ehrgeiziges Ziel gesetzt: "Ich werde ihn zur Explosion bringen", sagte er vor der Debatte gegen seinen Herausforderer François Hollande. So sehr war er von sich selbst überzeugt, dass er drei Debatten zwischen den Kandidaten forderte statt nur einer. Im Duell Mann gegen Mann sah er sich selbst im Vorteil, und er wollte einen klaren Sieg, um den Gegner doch noch zu stoppen, der in allen Umfragen für den zweiten Wahlgang klar vorne liegt: Zwischen 53 und 54 Prozent der Wähler wollen am kommenden Sonntag für Hollande stimmen.

Die Debatte, die am Mittwochabend um 21 Uhr begann und um Mitternacht endete, war ein bedeutsamer Moment in diesem französischen Wahlkampf. Zwar hat noch nie eine TV-Debatte den Ausgang einer Präsidentenwahl gedreht, aber dennoch war sie seit Wochen immer wieder heraufbeschworen worden, und sei es nur aus Lust am Spektakel. Die beiden Kandidaten, die einander im Lauf dieser Kampagne gnadenlos aus der Ferne angriffen, saßen sich zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüber, an einem schwarzen Tisch, vor einem Bild des Elysée-Palasts. Wenn die Kamera sie von oben filmte, wirkten sie wie zwei Boxer in einer Arena. An der Seitenlinie saßen zwei Moderatoren, die im Verlauf des Abends aber kaum ein Wort sagen durften.

Es war die am aggressivsten geführte TV-Debatte zwischen Präsidentschaftskandidaten, die Frankreich je erlebt hat. Die beiden Gegner gingen vor geschätzten 20 Millionen Zuschauern alle großen Themen durch - etwa die Wirtschaft, die Staatsschulden, die Rente, die Einwanderung, die Außenpolitik -, und sie schenkten sich drei Stunden lang nichts. Sarkozy konnte die tiefe Verachtung, die er für Hollande hegt, ebenso wenig verbergen wie Hollande seine Abscheu vor Sarkozy. Deswegen war die Sendung geprägt von der extremen Spannung zwischen den beiden Kandidaten. Sie war selbst zu Hause vor den Bildschirmen spürbar. Am Ende des brutalen Schlagabtauschs zeigte sich, dass Sarkozy sich seinen Sieg zu einfach vorgestellt hatte. Hollande war nicht zur Explosion zu bringen, er bewahrte die Fassung und meist gar die Oberhand. Sarkozy dagegen wirkte manchmal so aufgebracht, dass er zu zittern schien vor Wut und man fürchten musste, er werde stattdessen gleich in die Luft gehen.

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TV-Duell in Frankreich: "Sie kleiner... Verleumder!"
"Sie kleiner... Verleumder!", stieß Sarkozy einmal mit wutverzerrtem Gesicht hervor, und er bezichtigte Hollande so unaufhörlich der "Lüge", bis dieser sagte: "Immer führen Sie das Wort Lüge im Mund - ist das etwa Ihr eigenes Problem?" Und fügte hinzu: "Sie sind einfach nicht in der Lage, eine Diskussion zu führen, ohne unangenehm zu werden." Sarkozy musste angreifen, um Hollande aus dem Tritt zu bringen, doch schien er dabei manchmal die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Seine Mimik entglitt ihm immer wieder, beifallheischend schaute er zu den weitgehend stummen Moderatoren, die als Staffage am Rand saßen, anstatt seinem Gegner in die Augen zu sehen, und er zeigte immer wieder sein nervöses Schulterrollen und andere Ticks, die er sich eigentlich abgewöhnt hatte.

Comeback für Deutschland

Hollande entschied diese Präsidentschaftsdebatte am Ende überraschend klar für sich. Nicht in erster Linie inhaltlich, denn da gab es nicht viel zu gewinnen - beide Kandidaten verloren sich immer wieder technokratisch in komplizierten Details, die für die meisten Wähler schwer zu verstehen sind und lieferten sich kleinlichen Hickhack um die Zahlen. Zwar zeigte Sarkozy etwa die Schwächen im Wirtschaftsprogramm seines Gegners auf, der ziemlich viel Geld ausgeben will, über das er nicht verfügen wird - doch es gelang ihm nicht, daraus wirklich Kapital zu schlagen. Den Knock-out-Schlag, den er verzweifelt suchte, fand er aber nicht. Selbst der Angriff mit Dominique Strauss-Kahn, dem peinlichsten aller Sozialisten, verpuffte wirkungslos.

Ein unerwartetes Comeback in diesem Wahlkampf erlebte Deutschland. Nachdem Sarkozy die Deutschen zu Beginn als Vorbild auserkoren hatte, waren sie schnell wieder aus der Debatte verschwunden. Denn bei einem TV-Interview im Januar hatte der Präsident die Worte "Deutschland" und "deutsch" gut 15 Mal erwähnt - und viele Franzosen empfanden die Obsession ihres Staatschefs mit den Rivalen von der anderen Seite des Rheins als befremdlich. Doch nun scheute sich Sarkozy plötzlich nicht mehr, die Reformen Schröders oder die deutsche Mehrwertsteuererhöhung zu zitieren. Ob ihm das nützte, ist allerdings fraglich und ist vor allem ein Beleg für seinen Zickzack-Kurs.

Das Unerwartete war aber nicht die Angriffslust des Präsidenten, sondern die des Herausforderers.

"Sich an einem Flamby die Zähne ausgebissen"

Seine Gegner hatten Hollande stets als "weich" verlacht, sie verspotten ihn als "Flamby", nach einem Wackelpudding. Nach der Debatte schrieb ein Kommentator treffend auf Twitter: "Das war das erste Mal, dass sich jemand an einem Flamby die Zähne ausgebissen hat."

Hollande parierte nicht nur Sarkozys Angriffe, sondern ging mit voller Kraft in die Offensive und konfrontierte den Präsidenten immer wieder mit seiner Bilanz, etwa mit den hohen Arbeitslosenzahlen und mit der Staatsschuld. Es gelang ihm dennoch, präsidialer zu wirken als Nicolas Sarkozy.

Hollandes Sieg vollzog sich auf der symbolischen Ebene. Je länger der Abend dauerte, desto mehr schien es, als vollziehe sich hier gerade ein Rollentausch, als sei der Kandidat bereits Präsident. In einem rhetorisch meisterhaft einstudierten Moment gegen Ende der Sendung ergriff Hollande das Zepter: Auf die Frage, was für ein Präsident er wäre, sagte er: "Ein Präsident, der die Franzosen respektiert. Kein Präsident, der Chef von allem sein will und der am Ende für nichts verantwortlich ist."

Hollande: "Ich als Präsident"

Darauf begann er 15 Mal hintereinander einen Satz mit der gleichen Formel: "Ich als Präsident der Republik - würde meinen Premierminister nicht wie einen Mitarbeiter behandeln. Ich als Präsident der Republik - würde nicht Spenden für meine Partei sammeln. Ich als Präsident der Republik - würde die Justiz unabhängig arbeiten lassen. Ich als Präsident der Republik - würde nicht den Hochmut besitzen, die Chefs des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu ernennen. Ich als Präsident der Republik - würde sicherstellen, dass mein Verhalten jederzeit vorbildlich wäre."

Hollande setzte sich damit verbal bereits selbst ins Amt und malte sich zugleich als das Gegenbild von Sarkozy: als "normaler Präsident". Dies war sein gewagtester Moment, aber auch sein stärkster. In der Nacht auf Donnerstag kursierte auf Twitter bereits ein mit Sound von Daft Punk unterlegter Remix dieses Monologs: "Moi, président de la république".

Ausgerechnet an dieser bedeutsamen Stelle unterbrach ihn Sarkozy einmal nicht. Er unternahm im Verlauf des Abends auch nicht den Versuch, sich den Franzosen bei diesem letzten großen Auftritt als geläutert zu präsentieren - obwohl sie ihn in ihrer Mehrzahl gerade wegen seines persönlichen Verhaltens ablehnen. Er versprach ihnen nicht, ein anderer Präsident zu sein, wenn er wiedergewählt werden sollte, geschweige denn, sympathisch zu wirken. Vielleicht dachte er, dass ihm das die Bürger ohnehin nicht abnehmen würden. Er wollte die Debatte zu einem Wettstreit der Kompetenz machen, doch am Ende war sie eben doch ein Wettstreit der Persönlichkeiten.

Sarkozy: Letzter Appell an die Wähler der Rechstpopulistin Le Pen

Während Sarkozy sich zu einem Opfer der Medien und der Sozialisten stilisieren wollte, gab Hollande den Landesvater: Er wolle die Menschen "zusammenbringen", sagte er, und zum Schluss, schon fast im Hermelinsmantel eines französischen Monarchen, sprach Hollande davon, dass er den Franzosen "Hoffnung und Vertrauen" einflößen wolle. Die Wahl sei klar: "Wollen die Franzosen weitermachen mit einer Politik, die nicht funktioniert hat? Oder wollen sie den Wandel, wollen sie eine industrielle, wirtschaftliche und moralische Sanierung unseres Landes?"

Sarkozy blieb nur eine Waffe - das Thema Einwanderung. Es war der einzige Moment in der Debatte, dass der Amtsinhaber aufblühte und Hollande kurzfristig unter Druck kam. Sarkozy warnte, dass ausländische Muslime in Frankreich unter den Sozialisten bald wählen könnten. Er warnte vor getrennten Uhrzeiten für Männer und Frauen in Schwimmbädern und vor Halal-Fleisch in Schulkantinen, und zum Schluss appellierte er in bisher ungekannter Offenheit an die Wähler der Rechtspopulistin Marine Le Pen. Sie sind seine letzte verbleibende Hoffnung, entgegen allen Prognosen am Sonntag wiedergewählt zu werden.

Nach der Debatte verließ Nicolas Sarkozy das Fernsehstudio sehr schnell. Er kann nicht zufrieden gewesen sein mit seinem Auftritt. Seine Getreuen ließen sich anschließend lange Zeit, bis sie trotzdem noch ihre Siegesmeldungen verkündeten. Aber Sarkozys Hauszeitung "Le Figaro" verzichtete bemerkenswerter Weise darauf, ihn zum Sieger zu küren. Ganz im Gegensatz zu Hollandes linken Unterstützern von "Libération", die titelten: "Hollande präsidiert die Debatte."

Und so bleibt nach der Debatte, die alles hätte ändern sollen, alles unverändert: Hollande ist weiterhin der unbestrittene Favorit. Und Sarkozy kann für Sonntag nur noch auf eine große Überraschung hoffen.

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insgesamt 142 Beiträge
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1. Die Entscheidung über Europa fällt in Frankreich
hastdunichtgesehen 03.05.2012
Gewinnt der Sozialist Hollande gibt es keine EU mehr.
2. Schwätzer
pepito_sbazzeguti 03.05.2012
Zwei Schwätzer, deren Gefasel niemand ernst nehmen kann - so ähnlich wie in Deutschland :-)
3. Punktsieg fuer Hollande
seine-et-marnais 03.05.2012
Zitat von sysopDPAEs war die aggressivste Debatte, die es in einem französischen Präsidentschaftswahlkampf je gab: Nicolas Sarkozy wollte unbedingt den Befreiungsschlag gegen seinen Herausforderer François Hollande. Er provozierte, agitierte. Und wurde Opfer seiner eigenen Taktik. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831049,00.html
Die Debatte hat eigentlich nicht viel Neues gebracht. Die Ueberraschung war vor allem dass Hollande gegenueber einem nervoesen Sarkozy 'praesidialer', ruhiger wirkte. Die Debatte war weitgehend ausgeglichen, aber spaetestens bei dem eher peinlichen Versuch DSK ins Spiel zu bringen, einem Versuch der klaeglich misslungen ist, merkte man dass Sarkozy angeschlagen war. Ein Vergleich der 'Schlussworte' machte den Unterschied deutlich. Hollande mit seinem x-fachen 'Moi président, je..' was man etwas frei uebersetzen koennte mit 'Ich will Praesident werden, um (und hier folgt eine Aufzaehlung der Massnahmen die er als Praesident verspricht durchzufuehren) stand ein Sarkozy gegenueber der offen die Waehler von Le Pen und Bayrou aufrief ihn zu waehlen, und das mit einem viel kuerzeren Motto 'Ich will Praesident bleiben'. Kurze Anmerkung: 'Wenn dieses 'Moi président, je...' inzwischen selbst musikalisch unterstrichen im Netz kursieren sollte, ein guter PR-Zug des PS.
4. Die wenigsten
Fackus 03.05.2012
Zitat von sysopDPAEs war die aggressivste Debatte, die es in einem französischen Präsidentschaftswahlkampf je gab: Nicolas Sarkozy wollte unbedingt den Befreiungsschlag gegen seinen Herausforderer François Hollande. Er provozierte, agitierte. Und wurde Opfer seiner eigenen Taktik. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831049,00.html
dürften diese Sendung tatsächlich gesehen haben hierzulande. Der Autor hat das sicherlich. Aber irgendwie hat man beim Lesen den Eindruck: Das hat der weitgend schon vorher geschrieben, weil das so halt seiner Einstellung entspricht. Aber das war bei den hiesigen TV-Debatten auch nicht anders mit den Kommentaren. Spanndend wird das jedenfalls- vor allem für die EU. Wenn Hollande gewinnt, ists ein weiterer dicker Riss im Gebälk.
5. Show must go on
MütterchenMüh 03.05.2012
Zitat von sysopDPAEs war die aggressivste Debatte, die es in einem französischen Präsidentschaftswahlkampf je gab: Nicolas Sarkozy wollte unbedingt den Befreiungsschlag gegen seinen Herausforderer François Hollande. Er provozierte, agitierte. Und wurde Opfer seiner eigenen Taktik. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831049,00.html
Wenn die Franzosen wirtschaftlich wieder auf die Erfolgsspur wollten, dürften sie sicher alles wählen, nur nicht die Sozialisten mit Hollande. Die 35 StundenWoche und ein hoher Mindestlohn sind alles andere als wirtschaftspolitische Erfolgsrezepte. Zumal der Fiskalpakt definitiv nicht wieder aufgeschnürrt werden kann,ohne den Euro zu sprengen. Wünschen sollte man sich die Sozialisten nirgendwo in Europa aber leider sind sie immer für einen gewissen Unterhaltungswert gut. Schau´n mer mal, was die Franzosen am Sonntag so umtreiben wird.
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Präsidentschaftswahl in Frankreich

Vorläufiges amtliches Endergebnis: Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs in Prozent

Nicolas Sarkozy UMP (Konservative)
27,2
François Hollande PS (Sozialisten)
28,6
Marine Le Pen FN (Nationalisten)
17,9
François Bayrou MoDem (Liberale)
9,1
Jean-Luc Mélenchon FG (Linksfront)
11,1
Eva Joly EELV (Grüne)
2,3

Quelle: Französisches Innenministerium


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