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Saturday-Night-Live-Auftritt: Sarah Palin floppt in der Comedy-Show

Von , New York

Eine erfolgreiche Imagepolitur sieht anders aus: Bitterböse witzelt die US-Comedy-Show "Saturday Night Live" über Sarah Palin - nun hatte die Vizepräsidentschaftskandidatin die Chance zurückzuschlagen. Doch bei dem Auftritt zeigte sie sich überraschend humorfrei.

New York - Es sollte ein ergötzliches und vor allem quotensprengendes Duell werden: Die echte Sarah Palin gegen die falsche Sarah Palin. So jedenfalls wurde es seit Tagen hochgejubelt, im Vorlauf zur jüngsten Ausgabe der US-Comedy-Show "Saturday Night Live".

Wochenlang hatte "SNL" die republikanische Vizekandidatin mit beißenden, da treffenden Parodien durch den Kakao gezogen, in denen sie von der populären Komödiantin Tina Fey, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht, als dummes Landei dargestellt wurde. Nun würde sich die Gouverneurin Alaskas mit einem persönlichem Auftritt revanchieren. Würde Sinn für Humor zeigen. Würde zurückschlagen.

Und, so die Hoffnung der Palin-Strategen, vielleicht auch ein paar neue Wähler bezirzen.

Doch es kam alles etwas anders. In der Tat trat Palin am gestrigen Samstagabend bei "SNL" auf. In der Tat spielte auch Fey wieder ihren Part als Palin-Klon. Doch beider Wege kreuzten sich im Studio 8H des Networks NBC im achten Stock des Rockefeller Centers in Manhattan nur kurz. Im TV-Bild huschten sie nur einmal wortlos aneinander vorbei. Und Palin selbst sprach in den zwei Sketchen, in denen sie zu sehen war, nur wenige Worte.

Der Grund dafür war schnell klar: Die falsche Palin ist viel lustiger als die echte - obwohl oder gerade, weil sie oft nur deren ernst gemeinten O-Töne zitiert.

Comedy ist in diesem Wahlkampf zur Wunderwaffe geworden. Beide Kandidaten, Barack Obama und John McCain, waren bei "SNL" zu Gast. Beide tingelten durch die Late-Night-Talkshows. McCain machte seine Kandidatur im März 2007 überhaupt erst in David Lettermans "Late Show" publik - und wurde, nachdem er Letterman vor zwei Wochen rüde sitzen gelassen hatte, von dem so lange zur Schnecke gemacht, bis er am Donnerstag live bei ihm zu Kreuze kroch.

Also war es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch McCain-Vize Palin der Macht der Comedy stellte. "SNL" hatte sie vom ersten Tag an aufs Korn genommen, als klar wurde, wie ähnlich ihr Fey sah. Die Schauspielerin war lange Chef-Schreiberin der Show gewesen und hat heute eine eigene Sitcom, "30 Rock", benannt nach der NBC-Adresse hier im Rockefeller Center.

Seit Sonnenaufgang standen Schaulustige Schlange

Fey hatte Palin gnadenlos entlarvt - ihren breiten Alaska-Midwest-Dialekt, ihre sinnfreien Bandwurmsätze, ihr Dauerzwinkern, ihre hilflose Gestik, ihre Schönheitswettbewerb-Routine. Besonders Palins missglücktes Interview mit CBS News - bei dem sie ihre außenpolitische Kompetenz damit begründet hatte, dass man von Alaska aus Russland sehen könne - und ihr affektiertes Gehabe bei der TV-Debatte boten dazu endloses Material. Dank Fey wuchs Palin über Nacht vom normalen Polit-Star zum Popkultur-Phänomen.

Deshalb war Palins realer Besuch bei "SNL" auch mit so viel Spannung erwartet worden. Schon vor Sonnenaufgang standen die Schaulustigen am Rockefeller Center Schlange, zweieinhalb Stunden früher als sonst, um eines der begehrten Standby-Tickets zu ergattern.

Der Auftritt war auf Wunsch des McCain-Teams zustande gekommen und in wochenlangen Verhandlungen eingefädelt worden wie ein Staatsbesuch. Offiziell bestätigt wurde er aber erst im allerletzten Moment - von Palin persönlich. "Ich will einfach nur dabei sein, um den Amerikanern zu zeigen, dass wir über die politischen Schüsse, die wir abgeben, hinauswachsen", hatte sie das mit einem für sie typisch verqueren Sprachknäuel begründet.

Auch diese "SNL"-Ausgabe begann, wie alle in den letzten Wochen, mit einem Fey-Sketch - über Palins "erste offizielle Pressekonferenz". Fey machte sich darin über Palins jüngste Reden lustig, posierte als Laufsteg-Model Palin und versprach: "Heute Abend ist nichts tabu." Schön wär's gewesen.

Dann schnitt die Kamera zur echten Palin. Die stand mit "SNL"-Chef Lorne Michaels im Flur und beschwerte sich über Fey: "Ich finde nicht, dass das eine realistische Darstellung war." Alec Baldwin - Feys Co-Star in "30 Rock" - trat dazu und tat, als halte er Palin für Fey. Als er die echte Palin "erkannte", schaltete er auf Charmeur: "Leibhaftig sind Sie viel schärfer."

Die künstlichen Witze kamen gequält daher, doch bei genauerem Hinhören - und Hinschauen - offenbarten sich reale Spitzen gegen Palin. Der engagierte Linke und Obama-Unterstützer Baldwin sagte Palin ins Gesicht, sie sei eine "schreckliche Frau" - unter dem Vorwand, er "dachte", er spreche mit Fey. Und im Hintergrund stand ein als Republikaner-Ikone Abraham Lincoln kostümierter Statist, an der Hand ein leibhaftiges Lama.

Schweigend durch den Kakao gezogen

Palin durfte die legendäre Kennung zu Beginn der Show rufen: "Live from New York, it's Saturday Night!" Ansonsten aber sah sie weitgehend schweigend zu, wie das "SNL"-Team sich auch diesmal über sie hermachte, über ihren Russland-Fauxpas, ihren Ölbohr-Wahlspruch "Drill, baby, drill!", ihre Obama-Hasspredigten und ihr Sauberfrau-Image als "Hockey-Mom". Als "SNL"-Komödiantin Amy Poehler einen "Sarah-Palin-Rap" zum Besten gab, mit HipHop-Eskimos und einem lebensechten Plüschelch, der erschossen wurde, saß sie mit schnippenden Fingern, doch stumm daneben.

Und nur zum Abspann stand sie gemeinsam auf der Bühne mit dem eigentlichen Stargast, dem Hollywood-Schauspieler Josh Brolin. Brolin - der im gerade angelaufenen Oliver-Stone-Film "W" US-Präsident George W. Bush spielt - ist ebenfalls ein begeisterter Obama-Fan, wie auch seine weltberühmte Stiefmutter Barbra Streisand.

Dass Palin nicht ganz so gut wegkommen würde, sickerte schon nach der Generalprobe am Nachmittag durch, als die Gouverneurin ihre paar Zeilen zum ersten Mal von den großen Pappschildern neben den Kameras ablas. "Das Ganze wirkte sehr bizarr", sagte ein "SNL"-Mitarbeiter zu SPIEGEL ONLINE. "Wir saßen drumherum und fühlten uns irgendwie unbehaglich. Lustig war das alles nicht richtig."

Das passte zum gesamten Tenor dieser letzten, erbitterten Wahlkampfwochen, denen ansonsten jeder Spaß längst abhanden gekommen ist. Auch am Samstag überzogen sich McCain und Obama sowie stellvertretend Palin und Joe Biden wieder mit immer böseren Angriffen. McCain beschimpfte Obama als "Sozialist", "Lügner" und, in elektronisch gesteuerten Anrufen bei ahnungslosen Wählern in Schlüsselstaaten, als Terrorsympathisant.

Palin - die vor "SNL" noch einen Termin in Pennsylvania absolvierte - nannte Obama "unamerikanisch" und beschuldigte ihn, mit "Wahlfälschern" unter einer Decke zu stecken. Unterdessen hielt ihr Stab sie neuerdings von allen Nachrichten über den Stand des Wahlkampfs fern, damit sie bloß nicht "depressiv" werde, wie sie es selbst sagte.

So dürfte Palin wohl auch die Kolumne der Konservativen Peggy Noonan, der ehemaligen Redenschreiberin Ronald Reagans, im "Wall Street Journal" am Wochenende entgangen sein. Unter dem Titel "Palin versagt" schrieb Noonan da: "Sie war von Anfang an eine Nulpe und unqualifiziert."

Wenigstens McCain beherrscht den Galgenhumor

Kein Wunder, dass sich da nur John McCain noch einen Sinn für Galgenhumor bewahrt zu haben scheint. Der zeigte am Donnerstag bei Lettermans "Late Show" ein perfektes Gespür für die nötige Mischung aus Humor und Ernst - als er sich zunächst für seine plumpe Absage entschuldigte ("Ich hab's verbockt") und sich dann vom Meister-Talker erbarmungslos - und am Ende ohne Witz - auseinandernehmen ließ.

So fragte ihn Letterman, woher er denn Palins Namen als Vizekandidatin habe: "Aus dem Telefonbuch?" McCain, ohne mit der Wimper zu zucken: "Wir haben da diese Dartscheibe ..."

McCains Auftritt brachte Letterman die beste Quote in drei Jahren. Vom "Late Show"-Studio aus fuhr McCain weiter ins Waldorf Astoria, wo er bei einem Spendendinner für bedürftige Kinder eine grandiose Witzrede hielt - und sich als weit besserer Humorist entpuppte als Obama, der ebenfalls dabei war.

"Sarah Palin wird zuletzt lachen", hatte der McCain-freundliche Kabelsender Fox News vor dem "SNL"-Auftritt orakelt. Nach ihrem ersten Ausflug in die Comedy-Welt muss Palin heute nun wieder zurück in die reale Welt der Wähler. Nächster Stopp am Sonntagnachmittag: Roswell im Bundesstaat New Mexico - ein Ort in der Wüste, bekannt für einen angeblichen Ufo-Absturz 1947. Das hätte sich kein Gagschreiber besser ausdenken können.

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