Anschlag in Saudi-Arabien Das letzte Selfie

Saudi-Arabien feiert zwei Cousins als Helden: Sie haben offenbar den Selbstmordattentäter auf eine schiitische Moschee gestoppt. Er riss die beiden mit in den Tod. Kurz vor dem Anschlag machten sie ein letztes Foto.


Abdul-Jalil al-Arbash, 22, lächelt in die Handykamera. Neben ihm glättet sich sein Cousin Mohammad Hassan Ali bin Isa, 18, noch schnell das Haar. Die beiden suchen Schutz im Schatten: Es ist etwa elf Uhr morgens und die Temperatur nähert sich schon der 40-Grad-Marke.

In der Sonnenbrille von al-Arbash spiegeln sich sein Arm und die Bögen der al-Anoud Moschee von Dammam. Sie stehen im Parkplatz vor dem Gebetshaus, hinter ihnen zwei Männer vom Parkservice, von denen einer winkt.

Abdul-Jalil al-Arbash ist für die Sommerferien in seine Heimat, nach Saudi-Arabien, zurückgekehrt. Darauf hatte er sich schon lange gefreut. Im Juli will er seine langjährige Verlobte heiraten. Im Herbst soll es dann für Arbash zurück nach Wichita im US-Bundesstaat Kansas gehen. Dort studiert er Elektrotechnik.

An diesem Freitag, Wochenende in Saudi-Arabien, halten Arbash und sein Cousin freiwillig Wache vor der schiitischen Moschee. Saudi-Arabiens Schiiten sind nervös: Während des letzten Freitagsgebets hatte in einer benachbarten Stadt ein Selbstmordattentäter eine Bombe gezündet. 21 Menschen wurden getötet. Zu dem Anschlag bekannte sich der "Islamische Staat".

Plötzlich eine Explosion

Arbarsh schickt das Foto mit seinem kleinen Cousin an Studienfreunde in den USA, berichtet der amerikanische Lokalsender KSN aus Kansas. Es ist sein letztes Selfie. Wenige Stunden später sind der 22-Jährige und sein Cousin tot. Ausgerechnet vor der Moschee, vor der Arbash Wache steht, taucht an diesem Freitag tatsächlich ein Verdächtiger auf.

Es ist nicht ganz klar, was dann passiert. Sicher ist: Dem Attentäter gelingt es nicht, die Moschee zu betreten. Mehr als hundert Betende sollen in der Moschee versammelt gewesen sein, als plötzlich von draußen eine Explosion zu hören ist.

Dieses Video soll den Moment festhalten.

Der Selbstmordattentäter reißt Abdul-Jaleel al-Arbash, dessen Cousin und einen dritten Menschen mit in den Tod, dessen Identität noch unklar ist.

Offenbar war es Arbash und seinem Cousin gelungen, den Attentäter aufzuhalten. Arabische Medien berichten, dass dieser sich als Frau verkleidet hatte. Doch den beiden jungen Männern kam irgendetwas seltsam vor an der Gestalt im weiten, schwarzen Gewand. Sie konfrontierten den Mann.

Ein Augenzeuge berichtet, dass Arbash und sein Cousin den Attentäter davonjagten. Doch dann habe dieser auf dem Parkplatz seine Bombe gezündet. Auch zu diesem Anschlag bekannte sich der "Islamische Staat".

Saudi-Arabien ist vereint in Trauer

Der IS will mit der Mordserie einen Keil zwischen Saudi-Arabiens Schiiten und Sunniten treiben. Doch stattdessen hat er das Land nun vorübergehend geeint in Trauer und Stolz auf Arbash und seinen Cousin.

Das letzte Selfie der beiden verbreitete sich in dem Twitter-verrückten Land rasant im Internet. Tausende loben die beiden als Helden. Die Väter der beiden erklärten öffentlich, sie seien stolz auf ihre Söhne. Keiner der beiden verlor ein Wort des Hasses.

Arbashs Mutter, Kowther al-Arbash, eine bekannte saudi-arabische Kolumnistin, schrieb ihrem Sohn im Internet einen rührenden öffentlichen Abschiedsbrief. Zugleich appellierte sie an das Land zusammenzuhalten, Sunniten und Schiiten, gemeinsam gegen den "Islamischen Staat".

"Wir werden angegriffen, damit wir vergessen, dass wir alle Muslime sind", schrieb die Mutter. "Lasst uns nicht mitgerissen werden in den Abgrund der Ausgrenzung und konfessionellen Spaltung. (...) Wir sitzen alle in einem Boot."

ras



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