Saudi-Arabien Reha für Dschihadisten

In einem Therapiezentrum in Riad bereitet Saudi-Arabiens Königshaus radikale Islamisten auf die Rückkehr in die Gesellschaft vor: mit Fußball, Tischkicker und Billard. Bringt das was? Ein Ortsbesuch.

Guckelsberger

Aus Riad berichten Daniel Böhm und Florian Guckelsberger


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Wer zu den Dschihadisten kommt, wird mit Datteln und Kaffee begrüßt. Eine Delegation aus rund einem Dutzend Therapeuten und Beamten des Mohamad Bin Naif Counseling and Care Center empfängt den ausländischen Besucher, sobald er die Anlage im Norden der saudischen Hauptstadt Riad betritt. Es ist ein Gefängnis, das nicht Gefängnis genannt werden darf. Und in dem es statt Häftlingen nur Begünstigte gibt.

Das Center ist aber nicht nur einer der ungewöhnlichsten Orte Saudi-Arabiens, sondern auch ein Eckpfeiler im Kampf des Landes gegen extremistische Ideologien und Terrorismus. Es ist der großangelegte Versuch des saudischen Staates, den radikalsten und potenziell gefährlichsten Bürgern eine zweite Chance zu geben. Das Center ist deshalb eine Mischung aus Therapiezentrum, betreuter Wohngruppe und offenem Vollzug.

Seitdem das Programm 2004 als Reaktion auf eine Welle schwerer Qaida-Anschläge gegründet wurde, haben es nach Angaben des Centers rund 3700 saudische Männer durchlaufen. Wer hier ist, wurde zuvor von einem saudi-arabischen Gericht wegen Verstoßes gegen die Anti-Terrorgesetze verurteilt, hat seine Haftstrafe aber bereits verbüßt. Der verpflichtende, mehrmonatige Aufenthalt im Center steht im Anschluss an das Gefängnis und soll die Rückkehr in die Gesellschaft ermöglichen.

Das Center gleicht einer Ferienanlage

"Wir müssen das Stigma des Kriminellen überwinden, um Reintegration zu ermöglichen", sagt der am Center arbeitende Soziologe Hameed Al Shaygi über die Philosophie hinter der Einrichtung. Inmitten eines Wohngebiets gelegen, hat sie kaum etwas mit einen Hochsicherheitstrakt gemein. So ist die Mauer, die das Gelände umgibt, zwar mit Stacheldraht besetzt, aber relativ niedrig; mit Ausnahme einiger Wachtposten an der Pforte des Centers ist kein bewaffnetes Personal zu sehen.

Tatsächlich gleicht der Aufbau des Centers eher einer Ferienanlage. Es gibt ein großes Fußballfeld, an dessen Längsseiten sich mehrere Wohnkomplexe reihen. In einem der Häuser sind ein großzügig bemessenes Hallenbad und eine Sauna untergebracht. In der Halle wird bei schlechtem Wetter Handball, Tischtennis, Tischkicker und Billard gespielt. Ein Fitnessstudio bietet nicht nur ausreichend Gewichte sondern auch Laufbänder für Ausdauertraining.

Von Kuschelpädagogik will der Soziologe Al Shaygi aber nicht sprechen: "Die Menschen hier wurden bereits bestraft und haben ihre Strafe abgesessen. Unsere Rolle ist es, diesen Leuten jetzt die Fähigkeiten zu vermitteln, mit ihrem Leben klarzukommen. Wäre es denn besser, wir würden sie einfach so auf die Straße lassen?" Dieser Aussage würden wohl nur wenige Saudis widersprechen, denn radikaler Extremismus ist ein großes Problem im Land.

"Manchmal helfen bereits Antidepressiva"

Mit mehr als 3200 Mann stellt Saudi-Arabien nach Russland die größte Zahl ausländischer Kämpfer beim sogenannten "Islamischen Staat" (IS) in Syrien und Irak. Ein Viertel davon ist bereits zurückgekehrt, mit jedem Gebietsverlust des IS werden es mehr. Hinzu kommen rund 7000 Saudis, die beim Versuch der Einreise nach Syrien an der türkischen Grenze gestoppt und in ihre Heimat abgeschoben wurden. Seit 2014 kommt es immer wieder zu Anschlägen in Saudi-Arabien, die sich sowohl gegen die schiitische Minderheit als auch gegen Sunniten richten. Die Drahtzieher hinter den Angriffen behaupten, dass der Islam in Saudi-Arabien korrupt sei, da er nicht das sogenannte IS-Kalifat unterstützt, sondern das saudische Königshaus. Die Sicherheitsbehörden haben seitdem Tausende mutmaßliche Terroristen festgenommen, verurteilt und manche von ihnen hingerichtet.

Wer getötet hat, kommt aus saudischer Sicht für eine Reintegration nicht in Frage. Für alle anderen ist die Therapie am Counseling and Care Center konzipiert, die mit einer Evaluierung jedes Neuankömmlings beginnt. "Wir nutzen einen speziellen Persönlichkeitstest, der unter anderem vom US-Militär zur Auswahl von Soldaten eingesetzt wird", erläutert Yasser Almazrua, ein klinischer Psychologe am Center. "Wenn wir die Ergebnisse dieses Tests zusammenbringen mit dem, was wir in Interviews und den Familiensitzungen erfahren, vermittelt uns das bereits ein sehr gutes Bild der Person."

Doch obwohl bereits mehrere tausend Personen das Programm durchlaufen haben, kann der Psychologe Almazrua keine Muster erkennen. "Wir hatten Fälle, in denen depressive Menschen nach Syrien oder Irak gegangen sind, um dort im Krieg zu sterben, Selbstmord ist nunmal eine Sünde im Islam. Manchmal helfen also bereits einfache Antidepressiva, während in anderen Fällen ein niedriges Selbstwertgefühl durch umfangreiche Gesprächstherapien behandelt werden muss."

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Therapiezentrum in Saudi-Arabien: Entgiftung für Riads Radikale

Hier kommt Bader Al-Razin ins Spiel. "Kunst ist gut für das Selbstbewusstsein, man kann so seine Wut und seine Sorgen auf die Leinwand übertragen", erklärt der Kunsttherapeut und führt durch eine kleine Galerie von Bildern, die Teilnehmer des Programms gemalt haben: "Das Werk selbst ist nicht so wichtig. Wir nutzen es aber, um herauszufinden, wie sich die Menschen entwickeln, wie es ihnen geht." Vor einer kleinen Bildfolge hält er inne. Ein aus den USA überstellter Guantanamo-Häftling hat sie gemalt, erzählt er. Der sei mittlerweile entlassen und erfolgreich rehabilitiert.

Die Erfolgsquote soll bei 88 Prozent liegen

Doch das funktioniert nicht immer. So schlossen sich Anfang 2009 mit Said al-Shihri und Abu al-Hareth al-Oufi zwei ehemalige Guantanamo-Gefangene nach ihrer Entlassung aus dem Center al-Qaida im Jemen an. 2014 wurde bekannt, dass Dutzende Mitglieder einer Qaida-Zelle im Osten des Landes ebenfalls das Programm durchlaufen hatten und der Selbstmordanschlag auf eine Moschee in der südsaudischen Stadt Najran vor rund zwei Jahren geht wohl auch auf das Konto eines Absolventen. In Folge der spektakulären Fehlschläge forderte selbst der saudische Schura-Rat, ein das Königshaus beratendes Gremium, eine Reform des Centers.

Heute wird die Erfolgsquote bei der Rehabilitierung mit rund 88 Prozent angegeben; im Fall der bis heute 123 aus Guantanamo aufgenommenen Häftlinge soll sie immerhin bei noch 80 Prozent liegen. Aber selbst diese Zahlen sind mit Skepsis zu betrachten. Zum Vergleich: Eine 2016 im Auftrag des deutschen Bundesjustizministeriums erstellte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte aller Gewalttäter in Deutschland rückfällig wird. Hinzu kommt, dass Kritiker des Programms den Unterschied zwischen den hier therapierten dschihadistischen Ideologien und der Staatsdoktrin Saudi-Arabiens, dem Wahhabismus, für lediglich graduell halten. So bringen IS-Sympathisanten das Königshaus regelmäßig in Erklärungsnot, wenn sie zur Rechtfertigung ihrer Attacken saudi-arabische Prediger zitieren.

Eine Kritik, die Sahal Alootaaibi, Religionslehrer an der König-Saud-Universität und Berater am Counseling and Care Center, nicht gelten lassen will. "Wir zeigen ihnen hier die Wahrheit. Sie lassen sich sehr wohl überzeugen, wenn wir ihnen nur die richtigen Quellen zeigen", sagt er: "Viele der Menschen hier sind jung und schlecht ausgebildet. Das hilft extremistischen Gruppen bei der Rekrutierung."

Doch allein auf die Vermittlung des ideologischen Rüstzeugs will man sich auch hier nicht verlassen. Und so erhalten Absolventen des Programms monatliche Stipendien, manche sogar ein Auto. Singles werden durch die finanzielle Unterstützung einer kostspieligen Hochzeit zur Gründung einer Familie bewegt. Die Vermittlung in staatliche Beschäftigungsprogramme soll die Absolventen schließlich langfristig absichern, um potentiellen Rekrutierern so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.

Ein wichtiger Aspekt, wie auch die saudische Journalistin Samar al-Fathany findet: "Wer nur gelangweilt herumsitzt und keinen Job hat, bei dem verfangen selbst einfache Botschaften: Wir geben dir eine Waffe und eine Bestimmung, das ist das Versprechen der Extremisten. Ich glaube nicht dass solche Gruppen weiter Zulauf hätten, würden wir jungen Menschen mehr Perspektive bieten." Fathany gilt im Land als Expertin für Radikalisierung und sowohl ihr jahrelanges Engagement für Frauenrechte sowie ihr weit nach hinten gezogener Schleier sind Ausdruck ihrer liberalen Überzeugungen. Wie weite Teile der progressiven Elite des Landes setzt auch Fathany große Hoffnungen auf den neuen Kronprinz, Mohammad bin Salman und seine Reformagenda Vision 2030.

"Der Kronprinz hat deutlich gemacht, dass er keine Geduld mehr mit den Radikalen im Land hat und die Mehrheit des Landes steht hinter diesem Versprechen. Niemand weint den Extremisten hinterher. Ihre Tage sind vorbei", gibt sich Fathany überzeugt. Sie bezieht sich damit auf ein Aufsehen erregendes Interviews, in dem der Kronprinz angekündigt hatte, dass er Saudi-Arabien wieder zu dem machen werde, was es einst war: ein "Land des moderaten Islams, offen für alle Religionen". Man werde, so der Thronfolger, nicht weitere "30 Jahre verschwenden, um sich mit extremistischen Ideen herumzuschlagen, sondern sie sofort vernichten".

Zweifel an Mohammeds Agenda bleiben

Die Unsicherheit darüber, was die Worte des Thronfolgers für die Arbeit am Counseling and Care Center bedeuten, ist jedoch greifbar. Auf die Frage, wie die eindeutige Kritik des kommenden Königs an den religiösen Autoritäten des Landes zu interpretieren sei, wird vor allem gedruckst. Man verstehe das so, dass es wohl auch einige radikale Elemente innerhalb Saudi-Arabiens gäbe, über die man nun zu beraten habe.

Doch westliche Menschenrechtsorganisationen, die die extremistischen Teile der wahhabitischen Elite seit Jahrzehnten kritisieren, betrachten die Reformversprechen mit Skepsis. Sie argumentieren, dass sowohl der vom Kronprinz losgetretene Krieg gegen das benachbarte Jemen als auch die von ihnen beobachtete, systematische Ausgrenzung der schiitischen Minderheit im Land unverändert fortschreiten und Radikalisierung begünstigen.

Vor allem Human Rights Watch zweifelt an Mohammeds Agenda. Anlass dafür ist eine im November erlassene Novelle der ohnehin umstrittenen Anti-Terrorgesetze. Wie schon das vorangegangene Gesetz von 2014 werde dort, so Human Rights Watch, der Tatbestand Terrorismus absichtlich vage gehalten, so gelte etwa bereits das "Stören der öffentlichen Ordnung", das "Gefährden der nationalen Einheit" sowie alles was "Religion und Justiz in Misskredit bringt" als terroristischer Akt.

Wachsweiche Straftatbestände und Gummiparagrafen: Für Menschenrechtler sind das klare Angriffe auf kritische Teile der Zivilgesellschaft. Sollte der junge Kronprinz seiner harten Linie treu bleiben, so die Befürchtung, dürfte den Therapeuten am Counseling and Care Center die Arbeit wohl auf Jahrzehnte nicht ausgehen.


Zusammengefasst: Im Mohamad Bin Naif Counseling and Care Center versucht der saudische Staat, den radikalsten und potenziell gefährlichsten Extremisten eine zweite Chance zu geben. 3700 Männer haben das Zentrum bislang durchlaufen. Es gibt Rückfällige, einige Absolventen schlossen sich erneut al-Qaida an. Das Center gibt die Erfolgsquote mit 88 Prozent an. Doch diese Zahl lässt sich nicht überprüfen. Zudem herrscht Ungewissheit, wie ernst die Reformversprechen von Kronprinz Mohammed bin Salman gemeint sind. Kritiker warnen, der Krieg gegen den Jemen und die Ausgrenzung der schiitischen Minderheit würden die Radikalisierung in Saudi-Arabien begünstigen.


Daniel Böhm ist Autor und Reporter für Arte und das ZDF. Florian Guckelsberger ist Leitender Redakteur beim Nahost-Magazin "zenith".



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