Saudi-Arabien versus Iran Die Pyromanen

Nach dem "Arabischen Frühling" und der Ausrufung des IS-Kalifats ist ein alter Konflikt im Nahen Osten neu entbrannt: Saudi-Arabien und Iran kämpfen um die Macht in der Region. Die Folgen sind verheerend.

SPIEGEL ONLINE [M]: AP; Office of the Iranian Supreme Leader

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"Abenteurertum" war das Wort, das Außenminister Sigmar Gabriel unlängst wählte, um die Regionalpolitik von Saudi-Arabien in den vergangenen Monaten zu beschreiben. Riad ist seither verstimmt, sagte den Besuch eines hochrangigen Offiziellen in Berlin ab und rief sogar seinen Botschafter zurück.

Der junge saudische Kronprinz Mohammed bin Salman betrachtet seine Außenpolitik sicher nicht als "Abenteurertum", sondern vermutlich mehr als eine Art "Great Game" des 21. Jahrhunderts - mit ihm als strategischem Mastermind.

Das "Große Spiel" war der historische geostrategische Konflikt zwischen dem russischen Zarenreich und dem British Empire in Zentralasien im 19. Jahrhundert. Heute findet der Kampf um die Vorherrschaft im Nahen Osten statt - zwischen Saudi-Arabien und Iran.

Die jahrzehntelange Rivalität zwischen der sunnitischen Monarchie und der schiitischen Theokratie eskaliert vollends, seit Mohammed bin Salman im Sommer zum Thronerben ernannt wurde. Da sind der Katar-Konflikt, der brutale Stellvertreterkrieg im Jemen und das Hickhack um Libanons Premier Saad Hariri.

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Saad Hariri zurück im Libanon: Rücktritt vom Rücktritt

Saudi-Arabien hat in allen drei Krisen bislang das Nachsehen: Das Emirat Katar trotzt der Blockade und erhält öffentlich Rückendeckung aus Iran. Die Weltöffentlichkeit kritisiert Riad für das Vorgehen im Jemen weit mehr als Teheran, das den Konflikt aber ebenfalls befeuert. Und der Rücktritt vom Rücktritt des libanesischen Ministerpräsidenten Hariri lässt Mohammed bin Salman als den Anfänger dastehen, der er ist.

Showdown in Zeitlupe

Genau darin liegt das Problem. So wenig sich der 32-jährige Monarch in spe von einem geschäftsführenden SPD-Außenminister öffentlich abkanzeln lässt, so wenig wird er im Ringen mit Iran nachgeben - auch wenn die Islamische Republik militärisch weit überlegen ist.

Die Gefahr ist groß, dass der künftige Herrscher der Hegemonialmacht Saudi-Arabien nun noch mehr den Konflikt sucht, um Iran doch noch zu schwächen. Das Geld dazu hat er, ebenso die Unterstützung: US-Präsident Donald Trump hält offenkundig große Stücke auf den saudischen Prinzen, selbst Israel stellt sich auf die Seite Riads. Einen ersten Vorgeschmack lieferte Mohammed bin Salman bereits. In der "New York Times" bezeichnete er Irans Revolutionsführer Ajatollah Ali Khamenei nun als "neuen Hitler".

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Saudi-Arabien: Der junge, starke Mann von Riad

Ein offener Krieg zwischen Iran und Saudi-Arabien ist dennoch unrealistisch. Wahrscheinlich ist, dass die Auseinandersetzung weiter durch "unordentliche Kriege" wie im Jemen oder politische Konflikte wie den libanesischen eskaliert, die direkt oder indirekt miteinander zusammenhängen. Die Folgen sind verheerend.

Länderübergreifendes Chaos

Seit vor fast sieben Jahren der "Arabische Frühling" ausbrach und mehr als drei Jahre nachdem die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ihr Kalifat ausgerufen hat, ist die Region politisch und ökonomisch noch instabiler geworden, als sie ohnehin bereits war.

Dort, wo auf die Diktatorenstürze keine Bürgerkriege folgten, die bis heute anhalten (Libyen und Jemen), starteten die alten, korrupten und repressiven Eliten Gegenrevolutionen und sind nun mal mehr (Ägypten), mal weniger (Tunesien) zurück an der Macht. "Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit", also das, was die Revolutionäre einst forderten, gibt es bis heute kaum. Im ehemaligen Herrschaftsgebiet des "IS" ist die Situation noch schlimmer (Syrien und Irak). Außerdem gibt es noch Nationalkonflikte wie den kurdischen und die katastrophale Lage von Minderheiten wie den christlichen oder jesidischen.

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Riad versus Teheran: Kampf um die Macht

Dieses länderübergreifende Chaos bietet ideale Bedingungen für Pyromanen wie den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman und Irans Revolutionsführer Ajatollah Ali Khamenei.

Diktatoren und Warlords gibt es genug

Zwar hält sich Teheran im Vergleich zu Riad in diesen Tagen rhetorisch zurück. Doch die Islamische Republik destabilisiert mit ihren Milizen die Region seit Jahren und kontrolliert mittlerweile de facto die Regierungen in Bagdad, Damaskus, Sanaa und Beirut.

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Irans Einfluss in Nahost: Die Angst vor dem "schiitischen Halbmond"

Es ist keine Frage, ob, sondern nur wann Iran und Saudi-Arabien ihre Macht und ihre finanziellen Ressourcen erneut nutzen werden, um den jeweils anderen im sunnitisch-schiitischen Stellungskrieg zu schaden. Warlords, Diktatoren, religiöse Extremisten und dysfunktionale Staaten, die sie kurzzeitig für ihre eigenen langfristigen Ziele nutzen können, gibt es genug.


Zusammengefasst: Die sunnitische Monarchie Saudi-Arabien und die schiitische Theokratie Iran kämpfen um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman hat im Fernduell bislang das Nachsehen. Dass er den iranischen Vormarsch in der Region wortreich anprangert, ist nur auf den ersten Blick irrwitzig, schließlich würde er selbst gerne in dieser Position sein. Im Kern aber ist seine Warnung vor einem Erstarken Irans richtig. Nur weil es mit ihm der Falsche sagt, wird die Analyse nicht per se falsch.

insgesamt 47 Beiträge
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marcusaemiliuslepidus 26.11.2017
1.
Ich wäre mal interessiert eine wirklich fundierte Analyse mit Fakten zu sehen, die belegt, dass der Iran im Jemen groß dabei ist. Der Iran hat dort nämlich gar keine Schiitenmilizen wie im Irak oder Syrien. Alles was der Iran gemacht hat, war Waffen zu liefern und das geht schon lange nicht mehr wegen der Blockade. Der Jemen ist kein klassicher Stellvertreterkrieg, weil die Saudischen Gegener mal ausnahmsweise wirklich Jemeniten sind.
kwado 26.11.2017
2. Doch die Islamische Republik destabilisiert ...
... mit ihren Milizen die Region seit Jahren ... Komisch, dass der Spiegel das behauptet. Als unbedarfter Beobachter könnte man glatt denken, dass die Vereinigten Staaten (mit ihrem völkerrechtswidrigen Überfall auf Irak) und auch nicht zuletzt Deutschland (mit seinem unentschuldbaren Hochrüsten der absolutistischen Monarchie Saudi-Arabien) deutlich destabilisierender in der Region wirken. Man könnte zudem meinen, dass die Zerschlagung des mörderischen IS in Irak und Syrien nur durch die entschiedene Unterstützung Irans möglich war, und das von den gewählten Regierungen beider Ländern ausdrücklich erwünscht. Glücklicherweise rückt der Spiegel diesen Eindruck zurecht.
tariktell 26.11.2017
3. Was gilt?
Die Zusammenfassung des Artikels enthält eine Wertung, die im Artikel selbst nicht deutlich wird. Nämlich, dass der starke Mann Saudi-Arabiens Mohammed bin Salman Recht hat, wenn er vor einem Erstarken des Irans warnt. Warum eigentlich? Darauf wird mit keiner Silbe eingegangen. Sollte seriöser Journalismus sich nicht auf die Darstellung der Fakten beschränken, wenn nicht eine ausdrücklich als Meinung gekennzeichnete und ausreichend begründete Position vertreten wird?
g.raymond 26.11.2017
4. Die hoffnungslose Beziehung USA-Saudi Arabien
Schon unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg erkärten die USA sich zur „Schutzmacht“ von Saudi Arabien und sind seither finanziell und ölpolitisch aufs Engste mit diesem Staat verbunden und von ihm abhängig. Nach dem 1953 vom CIA verursachten Sturz des gewählten Mossadegh im Iran, der Inthronisierung des Schahs durch die USA, aber dann dessen und der USA Vertreibung durch die iranische Revolution, haben die USA immer auf Seiten Saudi Arabiens gestanden. Sie haben leider nie den Unterschied zwischen der alten Kulturnation Iran/Persien und den neureichen Saudis begriffen und den Religionskonflikt aus machtpolitischen Gründen immer am Köcheln gelassen. Wenn man heute CNN sieht und wie der Zuschauer mit den Werbeblöcken aus den orthodoxen superreichen Familiendiktaturen bombardiert wird, wundert sich nicht, wenn auch Trump mit den Saudis mal eben einen Waffendeal von über 600 Milliarden Dollar macht. Das nennt man Öl ins Feuer giessen. Hoffnungslos.
hugahuga 26.11.2017
5.
"selbst Israel stellt sich auf die Seite Riads." Auch das ist eine uralte Tatsache. Spätestens, seit KSA seinen Luftraum für israelische Kampfjets auf dem Weg gen Iran freigab. Auch, dass Israel nicht davor zurückscheute in Syrien den IS zu unterstützen, sagt eine Menge über die eigentlichen Akteure im Hintergrund. https://www.salon.com/2016/08/23/israeli-think-tank-dont-destroy-isis-its-a-useful-tool-against-iran-hezbollah-syria/
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