Streit am Golf Saudi-Arabiens Großmufti erklärt Iraner zu Ungläubigen

Saudi-Arabiens Herrscher zeigen wieder einmal ihre ideologische Nähe zum IS. Der Großmufti des Landes hat den Iranern abgesprochen, Muslime zu sein. Auslöser ist der Streit um den Hadsch.

Saudi-Arabiens Großmufti Scheich Abdulaziz Al al-Sheikh (2009)
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Saudi-Arabiens Großmufti Scheich Abdulaziz Al al-Sheikh (2009)

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In zwei knappen Sätzen hat der oberste islamische Gelehrte Saudi-Arabiens, Großmufti Scheich Abdulaziz Al al-Sheikh, rund 80 Millionen Muslime zu Ungläubigen erklärt - nämlich jene Muslime, die in Iran leben. "Wir müssen verstehen, dass sie keine Muslime sind", sagte der Geistliche der Tageszeitung "Mekka", die in der gleichnamigen Stadt erscheint. "Ihre Feindschaft gegenüber den Muslimen ist alt, besonders gegenüber den Sunniten."

Al al-Sheikh bezeichnete die Iraner wörtlich als "Söhne der Magier", also als Anhänger des Zoroastrismus. Dieser Glaube war bis zum 7. Jahrhundert die wichtigste Religion in Persien. Nach der Eroberung des Sassanidenreichs durch die Muslime verlor der Zoroastrismus an Bedeutung, aber das ist schon fast 1400 Jahre her.

Die Äußerung des saudischen Großmuftis ist der vorläufige Höhepunkt im aktuellen Schlagabtausch zwischen Saudi-Arabien und Iran. Anlass ist der anstehende Hadsch, die jährliche Pilgerfahrt nach Mekka, zu der ab kommendem Sonntag mehr als zwei Millionen Menschen erwartet werden. Im vergangenen Jahr waren bei einer Massenpanik Hunderte Pilger getötet worden: Saudi-Arabien sprach offiziell von 769 Todesopfern. Rechnet man jedoch die Zahl der Toten zusammen, die in ihre Heimatländer überführt wurden, kommt man auf mehr als 2400 Opfer - unter ihnen mindestens 400 Iraner.

Khamenei greift Saudis an

Irans religiöses Oberhaupt Ajatollah Ali Khamenei warf den saudischen Behörden am Montag vor, sie hätten einige Pilger im vergangenen Jahr "ermordet", die Herrscher in Riad seien gottlos, die Königsfamilie sei verflucht und böse. Diese Anschuldigungen konterte Großmufti Al al-Sheikh nun mit der pauschalen Exkommunizierung aller Iraner.

Einmal mehr handeln die Verantwortlichen in Saudi-Arabien damit ähnlich wie die Prediger der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS). Auch die Dschihadisten betrachten die Schiiten in Syrien, im Irak und in Iran als Abtrünnige vom Islam. Mit dem Takfir, also der Praxis, andere Muslime zu Ungläubigen zu erklären, rechtfertigt der IS seine Morde an Schiiten aber auch an Sunniten, die den Islam nicht so fundamentalistisch auslegen wie die Terrormiliz. Gleichzeitig hat sich das saudische Königshaus aber der internationalen Koalition gegen den IS angeschlossen, auch wenn die Luftwaffe seit Monaten kaum noch Luftangriffe gegen die Dschihadisten fliegt.

Saudi-Arabien richtet wie der IS
SPIEGEL ONLINE

Saudi-Arabien richtet wie der IS


Der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran reicht bis in die späten Siebzigerjahre zurück. Seit der islamischen Revolution in Iran fürchtet das Herrscherhaus in Riad, dass das schiitische Regime in Teheran seine Revolutionsideologie in die arabische Welt exportiert. Deshalb unterdrückt das Königshaus auch die schiitische Minderheit im eigenen Land. Anfang des Jahres exekutierte Saudi-Arabien den prominentesten schiitischen Geistlichen des Landes, Nimr al-Nimr. Daraufhin stürmten Demonstranten Saudi-Arabiens Konsulate in mehreren iranischen Städten. Wenig später brach Riad die diplomatischen Beziehungen zu Teheran ab.

Für Hunderttausende Iraner noch folgenreicher: In diesem Jahr lässt Saudi-Arabien auch keine iranischen Pilger zum Hadsch einreisen, also der Pilgerreise nach Mekka. Beide Staaten konnten sich nicht auf die Einreisebedingungen und Teilnehmerquoten einigen. Das ist deshalb bedeutsam, weil die Zahl der Interessenten die Zahl der von Saudi-Arabien vergebenen Teilnehmerplätze bei Weitem übersteigt. Nur etwas mehr als 0,1 Prozent der rund 1,6 Milliarden Muslime können pro Jahr an der Pilgerreise teilnehmen und damit eine der fünf Glaubenspflichten im Islam erfüllen.

Die Stationen des Hadsch
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Die Stationen des Hadsch


Teheran wirft den Verantwortlichen in Riad seit Langem vor, die schiitischen Iraner bei der Zulassung zum Hadsch zu benachteiligen. Ajatollah Khamenei fordert deshalb, die Organisation des Hadsch müsse dem saudischen Herrscherhaus entrissen und in die Hände einer unabhängigen Institution gelegt werden.

Irans Außenminister kontert via Twitter

Das wird nicht passieren. Saudi-Arabiens König Salman zieht seine Legitimation und seinen Führungsanspruch in der islamischen Welt daraus, den Hadsch zu organisieren. Der offizielle Titel des Staatsoberhaupts lautet "Hüter der beiden heiligen Stätten". Gemeint sind Mekka und Medina, die beiden Wüstenorte, in denen vor 1400 Jahren der islamische Prophet Mohammed wirkte und die von den Hadsch-Pilgern besucht werden.

Der König selbst vermeidet es, klar Stellung dazu zu beziehen, ob Schiiten für ihn Muslime sind. Die Zulassung schiitischer Pilger zum Hadsch impliziert aber, dass er sie als Muslime betrachtet.

Dafür konterte Irans Außenminister Javad Zarif die Äußerungen des saudischen Großmuftis. Via Twitter teilte er in scharfen Worten mit, es gebe in der Tat keine Ähnlichkeit zwischen dem Islam, den die Iraner und die meisten Muslime leben, und dem "bigotten Extremismus", den die Saudis predigten.

insgesamt 106 Beiträge
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paulalbert61 07.09.2016
1. Das beweist mal wieder...
...dass die islamische Welt ihren 30jährigen Krieg noch vor sich hat.
friedel99 07.09.2016
2. Auf ein Neues
Ich gehe davon aus das bedeutet Krieg. Ich kann nur hoffen, dass sich der Rest der Welt da absolut raus hält.
uli-schmitt 07.09.2016
3. Der Islam
ist und bleibt im Mittelalter stehen geblieben. Traurig sowas.
jewiberg 07.09.2016
4. Da steckt noch was anderes dahinter.
Meiner Meinung nach geht es um die Ölgelder. Seit der Iran wieder exportieren darf und bis zum Anschlag fördert, ist der Markt überschwemmt und der Preis im Keller. Das dürfte den Saudis wohl nicht recht sein. Sie haben ihre Gelddruckmaschine verloren und sind jetzt sauer.
opinio... 07.09.2016
5. So sieht das Problem aus,
Äußerlich! Innerlich ist es nicht viel anders. Der Muff von mehr als 1000 Jahren umgibt ihn. Denn diese Gegend hat den Weg zur und von der Aufklärung nicht mitgemacht. Etwa wie Kreuzritter mit WIFI connection.
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