Machtwechsel in Saudi-Arabien Saudischer König Abdullah ist tot

König Abdullah von Saudi-Arabien ist an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Er soll 90 oder 91 Jahre alt gewesen sein. Sein Nachfolger wird sein Halbbruder Prinz Salman.


Riad - Prinz Salman ibn Abd-al-Aziz ist neuer König von Saudi-Arabien. Sein Halbbruder König Abdullah starb am frühen Freitagmorgen. Das berichtet das saudi-arabische Fernsehen.

Abdullah ibn Abd-al-Aziz war vor wenigen Wochen mit einer Lungeninfektion ins Krankenhaus gebracht worden. Sein genaues Alter ist nicht bekannt, er soll im August 1923 oder 1924 zur Welt gekommen sein. Den Thron hatte er erst mit über 80 Jahren im August 2005 nach dem Tod von König Fahd bestiegen.

Während in Europas Königshäusern üblicherweise der älteste Sohn Thronfolger ist, wird der Herrscher in Saudi-Arabien unter allen Söhnen des 1953 verstorbenen Landesgründers Saud ibn Abd-al-Aziz ausgewählt. Dieser zeugte 43 Söhne. Bislang übernahm immer der nachstälteste Bruder des bisherigen Königs die Macht, soweit er als qualifiziert angesehen wurde.

Zwei künftige Nachfolger hatte Abdullah bereits überlebt. Nach dem Tod seines Bruders Naif 2012 erklärte er seinen Halbbruder Salman zu seinem Nachfolger. Dieser ist jetzt 79 Jahre alt und hatte schon verschiedene Ämter inne, unter anderem als Verteidigungsminister und stellvertretender Ministerpräsident.

Salman hat gute Verbindungen zum einflussreichen islamischen Klerus des Landes. Von den liberalen Kräften und den Schiiten wird er weniger stark abgelehnt als sein erzkonservativer Vorgänger, Kronprinz Naif, dennoch gilt auch er als konservativ. 2010 sagte er in einem Interview: "Wir können keine Demokratie in Saudi-Arabien haben, sonst wäre jeder Stamm eine Partei und wir würden wie der Irak werden und im Chaos enden."

Auf Rang zwei der Thronfolge steht nun Prinz Muqrin, der 69 Jahre alte Halbbruder von Abdullah. Er ist der jüngste Sohn des Staatsgründers und ehemaliger Geheimdienstchef des Landes. Im Frühjahr 2014 ernannte ihn Abdullah zum stellvertretenden Kronprinzen. Damals gab es Gerüchte, Kronprinz Salman sei krank und nicht in der Lage, den Thron zu besteigen. Seit einem Schlaganfall kann Salman seinen linken Arm nur eingeschränkt bewegen.

König Abdullah galt als fromm und sittenstreng, gründete 2009 allerdings gegen den Willen einflussreicher Islam-Gelehrter die König-Abdullah-Universität, in der Frauen und Männer gemeinsam studieren können. 2013 ernannte er erstmals Frauen zu Mitgliedern des Schura-Rates (eine Art Parlament ohne Gesetzgebungskompetenz). Auch das umstrittene Peitschenhieb-Urteil gegen eine Autofahrerin, das 2011 weltweit zu massiven Protesten geführt hatte, hob er auf.

Eine seiner zahlreichen Ex-Frauen belastete ihn vor knapp einem Jahr beim Uno-Sonderbotschafter für Menschenrechte: Sie behauptete, er halte die gemeinsamen erwachsenen Töchter in Dschidda unter Hausarrest. Eine ihrer vier Töchter hatte in einer E-Mail geschrieben, sie und ihre Schwestern hätten nur sehr selten frisches Obst oder Gemüse zur Verfügung, die meiste Zeit ernährten sie sich von belegten Broten. Bei Twitter und Facebook entwickelte sich daraufhin eine Kampagne mit dem Hashtag #FreeThe4.

Aktuell sorgt die öffentliche Prügelstrafe für den islamkritischen Blogger Raif Badawi international für Empörung. Der Internetaktivist war zu zehn Jahren Haft und insgesamt 1000 Stockschlägen verurteilt worden, weil er im Internet den Islam beleidigt und den Säkularismus gerühmt haben soll. Die ersten Hiebe bekam Badawi vor zwei Wochen. Danach ging es ihm gesundheitlich so schlecht, dass der zweite Termin verschoben werden musste.

Einen seltenen Einblick in die abgeschottete Gesellschaft Saudi-Arabiens finden Sie hier: Stefan Bauer arbeitete ein Jahr lang als Rettungsassistent für den Roten Halbmond in Saudi-Arabien. Im Interview berichtet er über seine Erlebnisse - die kaum zu ertragen sind.

vet/dpa



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