Aufstieg von Mohammed bin Salman in Saudi-Arabien Der Kriegerprinz

Der deutsche Geheimdienst warnte bereits 2015 vor seinem Machthunger: Mohammed bin Salman ist der künftige starke Mann in Saudi-Arabien. Der erst 31-jährige Kronprinz gilt als außenpolitischer Hardliner.

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Mohammed bin Salman befindet sich in der Rushhour seines Lebens. Wie der Rest seiner Generation muss der 31-jährige Berufsanfänger Job und Familie unter einen Hut bringen. Er absolvierte dieses Programm bislang souverän - und in ungeheurer Schnelligkeit.

Mohammed bin Salman hat gemeinsam mit seiner einzigen Ehefrau bereits vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne. Anders als viele Männer in Saudi-Arabien lebt er nach eigener Auskunft monogam.

Auch beruflich läuft es bei ihm: Sein Vater, König Salman, hat ihn am Mittwoch zum Kronprinzen des Landes und stellvertretenden Regierungschef ernannt. Der bisherige Kronprinz, Mohammed bin Naif, wurde entmachtet und verlor infolge der saudischen Familienrochade auch sein Amt als Innenminister.

Machtmensch Mohammed bin Salman

Die Entscheidung ist nur folgerichtig. Der Machtmensch Mohammed bin Salman wurde bereits nach dem Jurastudium an der König-Saud-Universität von seinem heute 81-jährigen Vater früh und systematisch in Stellung gebracht.

Die bisherige Karriere im Schnelldurchlauf: Salman Senior ernannte ihn 2009 zu seinem Sonderberater, als er selbst noch Gouverneur von Riad war. Als der heutige König 2013 Kronprinz wurde, wurde sein Sohn Chef des saudischen Prinzen-Kabinetts, im Jahr darauf schließlich Staatssekretär sowie Vorsitzender des Wirtschafts- und Entwicklungsrates des Wüstenstaates. Damit hatte er auch die Kontrolle über den staatlichen Ölkonzern Aramco inne.

Kometenhafter Aufstieg als Politiker

Mohammed bin Salman war es auch, der das Billionen-Projekt "Vision 2030" anschob, mit dem die Schaffung des größten Staatsfonds der Welt verbunden ist. Saudi-Arabien will damit die eigene Abhängigkeit von seinen Öleinnahmen in den nächsten Jahrzehnten drastisch reduzieren und die Gesellschaft modernisieren.

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Saudi-Arabien: Der junge, starke Mann von Riad

Als König Salman vor zwei Jahren schließlich den Thron bestieg und damit zum Hüter über die heiligen muslimischen Stätten von Mekka und Medina wurde, machte er seinen Sohn zum Verteidigungsminister. Der rasante Aufstieg des Duracell-Prinzen wurde weltweit genau beobachtet - in Deutschland mit Unbehagen.

Der Bundesnachrichtendienst warnte bereits damals vor ihm. Die Machtfülle des Sohns von König Salman "birgt latent die Gefahr, dass er bei dem Versuch, sich zu Lebzeiten seines Vaters in der Thronfolge zu etablieren, überreizt", hieß es in einem Dossier.

BND warnte bereits 2015 vor "impulsiver Interventionspolitik"

Die Arabisten und Analysten in Pullach kamen außerdem zu dem Schluss, dass er für eine "impulsive Interventionspolitik" stehe und versuche, den eigenen Einflussraum auch militärisch auszudehnen. Dadurch würden "die Beziehungen zu befreundeten und vor allem alliierten Staaten der Region überstrapaziert".

Die Bundesregierung distanzierte sich damals rasch von dieser Einschätzung - zumindest öffentlich. Hinter verschlossenen Türen dürfte man aber auch im Auswärtigen Amt und dem Bundeskanzleramt zur gleichen Einschätzung gekommen sein. Denn: Die Prognose war völlig korrekt.

Seit 2015 versucht das stockkonservative Königreich verstärkt, sich als Anführer der arabischen Welt zu profilieren. Das Herrscherhaus sieht Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln und schmiedet eine Vielzahl an regionalen Allianzen.

Saudi-Arabien kämpft um die Macht in der arabischen Welt

Seit Mohammed bin Salman 2015 Verteidigungsminister ist, führt Saudi-Arabien ein Militärbündnis an, das im Nachbarland Jemen gegen die Huthi-Miliz kämpft. Diese Rebellen hatten im September 2014 Sanaa erobert, den von Riad protegierten Präsidenten Hadi aus der Hauptstadt vertrieben - und sie werden von Iran unterstützt, dem schiitischen Erzfeind des sunnitischen Königshauses Saud.

Vor wenigen Wochen hat Saudi-Arabien dann die Katar-Krise heraufbeschworen. Die Diktatur versammelte eine Allianz arabischer Autokraten um sich, die ihre diplomatischen Beziehungen zu dem Emirat kappten und es seither zu Land, Luft und See blockieren.

Offizielles Ziel der konzentrierten Aktion: Das außenpolitisch ambitionierte Katar soll seine Unterstützung für islamistische Terroristen allerorten einstellen. De facto geht es Saudi-Arabien - das selbst eine Brutstätte des Hasses ist - aber darum, den jungen katarischen Herrscher Tamim Bin Hamad Al-Thani auf Linie zu bringen. Riad will zeigen, wer in der arabischen Welt das Sagen hat.

Riad verändert die geopolitischen Realitäten

Wie sehr Saudi-Arabien mittlerweile die geopolitischen Realitäten in der Region verändert, zeigt das Beispiel Ägypten. Das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt war einst der mächtigste Staat im Nahen Osten. Heute ist es hoch verschuldet und in hohem Maße abhängig vom starken Mann in Riad.

Als eine Gegenleistung für die steten Finanzspritzen hat Ägypten in der vergangenen Woche die strategisch hoch bedeutsamen Inseln Tiran und Sanafir am Eingang zum Golf von Akaba an Saudi-Arabien abgetreten. Ägypten hatte beide 1950 mit dem Segen Riads besetzt, um Israel den Zugang zum Roten Meer zu blockieren.

Im ägyptisch-israelischen Friedensvertrag von Camp David von 1978 ist festgelegt, dass jedes Land, das im Besitz von Tiran und Sanafir ist, zivilen und militärischen Schiffen aller Länder stets freie Passage durch die Meerenge garantiert.

Die Folge: Die Soldaten von Mohammed bin Salman müssen künftig auch israelische Schiffe durchwinken. Saudi-Arabien und Israel unterhalten offiziell keine Beziehungen. Für den Kronprinzen, dem ein Faible für Winston Churchill nachgesagt wird, offenbar kein Problem. Er soll sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit Vertretern des jüdischen Staates getroffen haben, schließlich haben beide Länder den gleichen Feind - und der sitzt in Teheran.

Dieser Wandel durch Annäherung zeigt die gewiefte Geostrategie des außenpolitischen Hardliners und künftigen Königs von Saudi-Arabien. Im August feiert er seinen 32. Geburtstag.

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