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Reise durch Saudi-Arabien: Mekka Reloaded - Gott, Kommerz und Größenwahn

Reise nach Saudi-Arabien: Las-Vegas-Trip nach Mekka Fotos
AP

Erich Follath begibt sich auf den Spuren des großen mittelalterlichen Abenteurers Ibn Battuta durch die Welt des Islam: In Saudi-Arabien erlebt er ein Land, das jede Erinnerung an die liberale Vergangenheit ausgelöscht hat.

Es gibt wenige Freizeitmöglichkeiten und wenige Ausflugsziele in diesem Land, wenn man öffentliche Hinrichtungen und Auspeitschen nicht mag.

Zum Beispiel Dschidda, wichtigste Handels- und Hafenstadt Saudi-Arabiens, durch die fast alle Pilger zum Hadsch, der teilnehmerreichsten Wallfahrt der Welt, geschleust werden. Dschidda gilt als die weltoffenste Stadt des Königreichs. Sie liegt nur 70 Kilometer von Mekka entfernt, dem Traumziel aller Muslime.

In riesigen Einkaufszentren haben westliche Designer ihre Showrooms, und von Kentucky Fried Chicken über Pizza Hut bis zu McDonald's wird alles angeboten, was der Junkfood-Fan begehrt. Aber auch hier: keine Kinos, keine Konzerte, keine Discos. Da mag es nicht ganz unverständlich sein, dass manche nach dem Freitagsgebet zu den öffentlichen Plätzen drängen, wo die Delinquenten vorgeführt werden. Wo die Todgeweihten, eine schwarze Kappe über dem Kopf, vor dem Scharfrichter knien müssen, wo es in leichteren Fällen Peitschenhiebe setzt.

Diese Art der Strafen hat in den vergangenen Monaten zugenommen, die Henker werden knapp. Das Herrscherhaus sucht sie jetzt per Anzeige, besondere Vorkenntnisse sind nicht nötig. Es ist ein gut dotierter Beamtenjob, wer im Auftrag der Staatsmacht das Schwert schwingt, wird als "Religiöser Funktionär" eingestuft.

Dschidda hat noch mehr zu bieten: den höchsten freistehenden Fahnenmast der Welt (171 Meter), die gewaltigste Wasserfontäne (312 Meter) - und in wenigen Jahren, der Rohbau hat begonnen, auch das höchste Gebäude der Welt. Der Burj al-Mamlaka, der "Königsturm", wird das erste Gebäude von Menschenhand sein, das über einen Kilometer hoch in den Himmel ragt.

Die Jugend lebt in einer digitalen Parallelwelt

Bekannte nehmen mich im Sportwagen zur besten Flirtadresse mit, den roten Ampeln an der Uferstraße: Da halten junge Männer Schilder mit ihren Handynummern und Mailadressen hoch und hoffen, dass junge Damen in den Chauffeur-gelenkten Limousinen (selber fahren dürfen Frauen nicht) sich diese notieren. Nirgendwo gibt es in Bezug auf die Gesamtbevölkerung so viele Facebook-Nutzer wie in Saudi-Arabien, die Jugend lebt in einer digitalen Parallelwelt.

Das alles ist noch nichts gegenüber den Superlativen, die im nahen Mekka im Namen der Moderne aus dem Boden gestampft werden. Gäbe es eine Auszeichnung für die erfolgreichste und umfassendste Zerstörung kultureller Schätze, wären Saudi-Arabiens Regenten ebenfalls spitzenplatzverdächtig. All das hat eine tiefere Logik: Denn die Monarchie bekämpft zwar formal den sogenannten "Islamischen Staat", aber in ihrer fundamentalistischen, rigiden Auslegung des Koran unterscheiden sich das Haus Saud und die Terroristen sehr wenig.

Beide verhängen Todesstrafen für den "Abfall vom Glauben" und verlangen bei Ehebruch Steinigungen, beide erlauben Frauen keine Reisen ohne Zustimmung des Ehemanns oder eines sonstigen männlichen Vormunds, beide betrachten Musik und Tanz als gottlos. Und beide wollen die Erinnerung an eine liberalere Ära des Islam auslöschen.

Ibn Battuta war 21 Jahre alt, als er 1325 aus seiner Heimatstadt Tanger im heutigen Marokko zur Pilgerfahrt nach Mekka aufbrach, zu seinem großen Lebensabenteuer, das den "muslimischen Marco Polo" in fast drei Jahrzehnten "on the road" über Kairo und Damaskus schließlich bis Shiraz in Persien, über Konstantinopel nach Samarkand und weiter über Indien zu den Malediven, nach Java und China führen sollte, fast 120.000 Kilometer, die dreifache Strecke des berühmten Venezianers. Es ist ein großartiger, gefährlicher Trip, den er in seinem Reisebuch beschreibt, gelegentlich von Rückschlägen überschattet. Aber es ist ein "Heimspiel", ein Trip, der ihn weitgehend in Regionen führt, in denen Muslime leben.

Neu-Mekka ist eine bewusste Zerstörung alles Alten

Viermal kehrt er nach Mekka zurück. Die heilige Stadt mit ihren Moscheen, alten Häusern der Prophetenfamilie und Grabmälern ist sein Fixpunkt, das Wallfahrtsritual erfüllt ihn mit höchstem Glück. Ibn Battuta erlebt Mekka als eine Stätte der Gastfreundschaft, des freien Gedankenaustauschs - und bei aller religiösen Inbrunst verliert er nicht das Interesse an den eigenwilligen Sufis mit ihrem individuellen Weg zu Gott. Und den Blick für die "schönen und eleganten" Frauen der Stadt. "Wenn eine Mekkanerin an dir vorbeiläuft, hängt der betörende Geruch ihres Parfums noch lange in der Luft."

Seit das Herrschergeschlecht der Sauds mit dem religiösen Eiferer Abd-al Wahhab Mitte des 18. Jahrhunderts einen Pakt schloss, sind die Sitten entschieden strenger geworden. Nichts geht heute mehr gegen den Willen der religiösen Fundamentalisten, ohne deren Unterstützung die Monarchie ins Wanken geriete. Mekka ist für Nichtmuslime gesperrt, wird streng überwacht.

Ein besonders mutiger Bekannter erklärt sich dennoch bereit, mich bis in die Außenbezirke von Mekka mitzunehmen - eine abenteuerliche Fahrt über Wüstenpisten, weit an Polizeiposten vorbei, zu einem inoffiziellen Aussichtspunkt. Das Heiligtum mit der Großen Moschee und der Kaaba wirkt wie geschrumpft, in den Schatten gestellt von einem riesigen Einkaufszentrum, über dem eine Kopie des Big Ben thront, sechsmal so groß wie das Londoner Wahrzeichen. In der Nähe entsteht das Abraj Kudai, das nach seiner Fertigstellung 2017 mit mehr als 8000 Zimmern das größte Hotel der Welt sein wird.

Neu-Mekka ist eine bewusste Zerstörung alles Alten. Die Sauds, die sich den Titel "Hüter der heiligen Stätten" anmaßen, haben es unter Anleitung radikaler Wahhabiten-Prediger erfolgreich geschafft, so gut wie alles Historische an diesem Ort auszulöschen, die pluralistische Vergangenheit zu entsorgen, vom Geburtshaus der ersten Frau Mohammeds bis zu den Grabmälern des Propheten-Stammes. Das waren einst verzierte, kostbare Gebäude - für die Fundamentalisten ein Frevel.

"Die Wallfahrt sollte ursprünglich eine bescheidene, spirituelle Angelegenheit sein, jetzt wird sie zu einer Erfahrung, die eher an einen glitzernden Las-Vegas-Trip erinnert", sagt der Historiker Irfan al-Alawi. Er lebt im Londoner Exil. In seiner Heimat würde man ihn für so eine Aussage wahrscheinlich auspeitschen lassen. Und doch: Auch wenn Mekka so merkwürdig "reloaded" wurde, auch wenn die Hausherren noch nicht einmal die Sicherheit garantieren können - ich traf bei meinen Interviews in Dschidda nur glückliche Pilger. Trotz allem bleibt der Hadsch für Muslime aus aller Welt ganz offensichtlich ein ganz besonderes, erfüllendes, ihr Leben prägendes Glaubenserlebnis.

Zum Autor
  • DER SPIEGEL
    Erich Follath ist langjähriger Diplomatischer Korrespondent des SPIEGEL
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