Feministinnen in Saudi-Arabien "Ich hatte noch nie solche Angst"

Der saudische Kronprinz hat die bekanntesten Feministinnen des Landes verhaften lassen. Dabei inszeniert er sich als Modernisierer. Eine Saudi-Araberin erklärt, wie das zusammenpasst.

Saudi-Araberinnen beim Gebet in Riad (Archivbild)
REUTERS

Saudi-Araberinnen beim Gebet in Riad (Archivbild)


Am 24. Juni dürfen Frauen in Saudi-Arabien endlich Autofahren. Doch die Feministinnen, die seit Jahren dafür kämpften, werden sich wohl nicht hinters Steuer setzen können. Denn seit über einer Woche sind die bekanntesten Gesichter der Frauenbewegung Saudi-Arabiens in Haft.

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Heft 22/2018
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Die 28-jährige Louijan al-Hathloul etwa, die sich 2014 bei einer Autofahrt von Saudi-Arabien in die Vereinigten Arabischen Emirate filmte, wurde nun dort, in Abu Dhabi, festgenommen, in ein Flugzeug nach Saudi-Arabien gesetzt und sofort verhaftet. Insgesamt sieben Aktivisten wurden inhaftiert - und mit Namen und Bild in den saudi-arabischen Medien verunglimpft.

Loujain al-Hathloul filmte sich 2014 bei einer Autofahrt
AP

Loujain al-Hathloul filmte sich 2014 bei einer Autofahrt

Andere, wie Manal al-Sharif, die im Ausland lebt und im Sommer zurück in ihre Heimat wollte, bleiben nun lieber fern aus Angst um ihre Sicherheit. Auch wenn das für al-Sharif heißt, dass sie ihren zwölfjährigen Sohn nicht sehen kann, für den ihr Ex-Mann in Saudi-Arabien das Sorgerecht hat.

Dabei stellt sich Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman als Verfechter der Gleichberechtigung dar. Kürzlich beteuerte er auf einer zweiwöchigen Werbetour durch die USA, dass Frauen und Männer dieselben Rechte haben sollten in seinem Land. Nun lässt er diejenigen, die genau dafür kämpfen, verhaften und verunglimpfen - die staatlichen Medien beschimpfen die Feministinnen nun als Staatsverräter. Wie passt das zusammen?

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"Er will die absolute Kontrolle, und er will die absolute Dankbarkeit", sagt eine saudi-arabische Aktivistin. Sie gehört zu den bekanntesten Feministinnen ihres Landes, doch sie, die so oft eine Verhaftung riskiert hat, möchte derzeit nicht, dass man ihren Namen nennt.

"Ich hatte noch nie solche Angst", sagt sie. "Sie werfen den Aktivisten Hochverrat vor, einen härteren Vorwurf gibt es nicht. Sie bedrohen unsere Familien - das ist neu. Sie stellen sie unter Reiseverbot. Der Staat verhält sich so aggressiv wie ein Einschüchterungsmob ohne Rücksicht auf die Angehörigen. Stellen Sie sich das vor, da wachen Ihre Kinder morgens auf und die Mutter ist auf einmal keine Professorin mehr, sondern wird überall mit Foto abgebildet als Verräterin beschimpft." Ihre eigene Familie hat sie gebeten, keine Interviews mehr zu geben.

"Es reicht nicht einmal mehr, wenn wir schweigen", glaubt sie. "Wir sollen die Reformen laut feiern und dem Kronprinzen danken." Die verhaftete Louijan al-Hathloul hatte schon länger keine Interviews mehr gegeben. In den zwei Monaten vor ihrer Verhaftung hatte sie nicht einmal mehr getwittert an ihre über 315.000 Follower. Gereicht hat das offenbar nicht.

Innenpolitisch sind die Aktivistinnen für den Kronprinzen eine Gefahr

Noch immer wurde gegen die Inhaftierten keine offizielle Anklage erhoben. Die saudi-arabische Staatssicherheitsbehörde, die direkt dem König unterstellt ist, wirft ihnen staatszersetzendes Verhalten vor und Kontakt mit "ausländischen Entitäten".

Saudi-Arabiens Frauenrechtlerinnen sind international gut vernetzt, sie sprechen mit westlichen Medien, Menschenrechtsorganisationen, Diplomaten. Sie haben dazu beigetragen, dass die Diskriminierung von Frauen in Saudi-Arabien regelmäßig für negative Schlagzeilen sorgt. Solche kann der saudische Kronprinz gerade gar nicht brauchen. Mit seiner Reformagenda "Vision 2030" will er die Wirtschaft umkrempeln, aus ihrer Ölabhängigkeit befreien und neue Arbeitsplätze schaffen - dafür braucht es Investitionen und Know-how, vor allem aus dem Westen.

Auch innenpolitisch sind die Aktivistinnen für den Kronprinzen eine Gefahr. Sie könnten vieles allzu schnell ins Wanken bringen. Mit ihrer Kampagne gegen das Fahrverbot gelang es ihnen, breite Teile der Gesellschaft zu mobilisieren. Auf einmal diskutierte das ganze Land - Liberale, Konservative, Islamisten - darüber, ob die Vormundschaftspflicht abgeschafft werden sollte, die vorsieht, dass Frauen für vieles die Einwilligung eines männlichen Verwandten brauchen.

"Er versteht nicht die Rolle von Aktivisten", glaubt die saudi-arabische Feministin. "Wir tragen dazu bei, dass die Gesellschaft insgesamt sich neuen Ideen gegenüber öffnet und diese diskutiert. Wenn er uns verfolgt, schießt er sich ins eigene Bein. Aber er scheint Machtbesessen. Er will die Macht mit keinem teilen."

Seit September kommt es zu immer neuen Verhaftungswellen in Saudi-Arabien. Zuerst traf es Intellektuelle und Geistliche - Konservative wie Liberale, sowie Wirtschaftswissenschaftler, die die "Vision 2030" kritisiert hatten. Im November wurden Mächtige aus Wirtschaft und Sicherheitsapparat festgenommen unter dem Vorwurf der Korruption - eine durchaus populäre Maßnahme. Nun hat es die Feministinnen getroffen.

"Ich mache mir wirklich Sorgen um ihre Gesundheit und Sicherheit", sagt die saudi-arabische Aktivistin über ihre verhafteten Mitstreiterinnen. Von den sieben Inhaftierten gibt es seit ihrer Verhaftung keine Neuigkeiten. Erbarmen hatte das Königshaus bisher nur mit zwei Frauenrechtlerinnen der ersten Generation, die ein paar Tage später heimlich inhaftiert wurden - eine über 60-Jährige und eine über 70-Jährige, beide mit Gesundheitsproblemen. Sie kamen inzwischen wieder frei und schweigen seither.



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