Saudi-Arabien Störsender gegen die islamistische Opposition

Von London aus wirbt der Fundamentalist Saad al-Faqih für einen islamistischen Staat in Saudi-Arabien. Seine aufrührerischen Reden gegen das Königshaus in Riad, die er über seinen eigenen Radiosender ausstrahlt, erreichen per Satellit täglich Millionen. Die Herrscher versuchen mit allen Mitteln, das Vorhaben zu unterdrücken.

Von Florian Peil


Saad al-Faqih: Süchtig nach Informationen
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Saad al-Faqih: Süchtig nach Informationen

Berlin - Das zweistöckige Haus aus rotem Backstein im Norden Londons gibt keinen Hinweis darauf, das von hier aus der Sturz der Regierung Saudi-Arabiens betrieben wird. Die Immobilie gehört Saad al-Faqih und fungiert gleichzeitig als Hauptquartier der "al-Haraka al-Islamija lil-Islah" oder "Movement for Islamic Reform" (MIRA), deren Chef al-Faqih ist. In einem Hinterzimmer, das mit Telefonen, Faxgeräten, Mischpulten und Fernsehschirmen voll gestellt ist, befindet sich die Radiosatellitenstation von MIRA.

Seit der Sender im Dezember 2002 auf Sendung gegangen ist, spricht al-Faqih von hier aus allabendlich zu seinen Zuhörern. Deren Zahl ist wegen der hohen Verbreitung von Satelliten-Empfängern in Saudi-Arabien mittlerweile auf Millionenhöhe angewachsen - etwa 80 Prozent aller Haushalte besitzen einen.

"Mit dem Radio haben wir die Barriere der Geheimhaltung durchbrochen", sagte al-Faqih dem "Wall Street Journal." Nach Jahrzehnten der Unterdrückung von Informationen durch die Regierung seien die Menschen in Saudi-Arabien jetzt "süchtig" nach Diskussionen und unabhängigen Nachrichten. Die Beliebtheit von al-Faqihs Organisation basiert indes eher auf ihrer antiamerikanischen und gegen das saudische Königshaus gerichteten Propaganda als auf ihrer mageren politischen Vision.

Die nicht-militante Opposition in Saudi-Arabien wird bisher in der westlichen Welt kaum wahrgenommen. Seit dem Frühjahr 2003 hat die saudische Filiale der al-Qaida das Königreich mit einer Terrorwelle sondergleichen überzogen, in deren Verlauf es zu Entführungen, Erschießungen und Enthauptungen ebenso gekommen ist wie zu Attentaten auf westliche Einrichtungen. Die Angriffe der Terroristen richteten sich dabei vornehmlich gegen Ausländer. Dem US-freundlichen Königshaus hatte die al-Qaida mit einem "blutigen und furchtbaren" Jahr 2004 und einer Vertreibung aller Ausländer aus dem Stammland des Islams gedroht.

Das kürzlich verübte Attentat auf das US-Konsulat in Dschidda hat gezeigt, dass die Terroristen auch nach der Erschießung des Anführers der saudischen al-Qaida, Abd al-Aziz al-Mukrin, bei einer Razzia im Sommer noch immer zu Anschlägen in der Lage sind. Es war der bislang letzte einer ganzen Serie von Angriffen militanter Islamisten in Saudi-Arabien. Im vergangenen Jahr waren allein bei einem Überfall auf einen Wohnkomplex von Ausländern in Riad 35 Menschen getötet worden, später bei einem weiteren Angriff 17. Im Mai dieses Jahres kamen dann 22 Menschen, darunter 19 Ausländer, bei einem Angriff in Chobar ums Leben, weitere sieben Menschen starben in Janbu. Im Juni wurde ein US-Ingenieur entführt und ermordet.

Von solchen Terroraktionen hat sich der Sender bisher nicht distanziert. Obwohl er in Saudi-Arabien viele Hörer findet, dürfte die Zahl der aktiven Anhänger MIRAs gering sein. Wie viele Saudis dem Aufruf, in der Hauptstadt Riad und der Hafenstadt Dschidda am Donnerstag auf die Straße zu gehen, folgen werden, ist unklar. Die englische "Financial Times" berichtete, dass MIRA eine 50.000 Namen umfassende Liste von angeblich bereitwilligen Demonstranten auf ihrem Radiosender "al-Islah" verlesen habe. Bei Kundgebungen im Oktober 2003 in Riad, zu denen MIRA aufgerufen hatte, waren jedoch nur mehrere hundert Personen auf die Straße gegangen. Damals hatte die Polizei rund 350 Teilnehmer verhaftet.

Attentat auf ein ausländisches Wohngebiet in Riad im November 2003: "Ein blutiges Jahr"
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Attentat auf ein ausländisches Wohngebiet in Riad im November 2003: "Ein blutiges Jahr"

Die geplanten Demonstrationen werden sowohl von der saudischen Regierung wie auch von islamistischen Oppositionellen mit Argwohn betrachtet. Der Religionsgelehrte Safar al-Hawali, eine Galionsfigur der islamistischen Opposition in Saudi-Arabien, kritisierte die Kundgebungen als unislamisch. Al-Faqih säe mit seinen Aufrufen zu Reformen lediglich Zwietracht unter den Muslimen Saudi-Arabiens. Auf islamistischen Internetforen bezeichneten zahlreiche Besucher die geplanten Demonstrationen als "ketzerisch" oder "ungläubige Aktionen".

Auch am Donnerstag dürfte es also wieder zu Konfrontationen und Massenverhaftungen kommen. Obwohl die saudischen Behörden MIRA offiziell als unbedeutend bezeichnen, versuchen sie gleichzeitig die Aktivitäten der Gruppe zu sabotieren. Der arabischen Zeitung "al-Quds al-Arabi" berichtete al-Faqih, dass einer der Organisatoren der Demonstration, Saud al-Dughaithar, am vergangenen Samstag in seiner Wohnung in Riad während eines gemeinsamen Telefongesprächs festgenommen worden sei.

Sabotageversuche trafen auch den Radiosender "al-Islah": Bereits vier Tage nach Sendebeginn wurde das Radio mit Störsendern vorübergehend außer Betrieb gesetzt. Derartige Attacken treten seither immer wieder auf. Die saudische Regierung hat sich dazu bisher nicht geäußert.

Al-Faqih sollte im Juni 2003 sogar entführt werden. Zwei Engländer hätten an der Tür seines Hauses geklingelt und sich als Klempner ausgegeben, berichtete er dem "Wall Street Journal". Dann hätten sie ihm Gas ins Gesicht gesprüht und versucht, ihn nach draußen zu ziehen. Er habe die Männer jedoch mit einem Fußschemel auf Distanz halten können. Einer der beiden habe ihm ein Messer ins Bein gestoßen, bevor sie geflohen seien. Ein Sprecher der saudischen Regierung sagte später, dass einer der 5000 Prinzen der Königsfamilie das Kidnapping angeordnet habe. Die Regierung habe davon weder gewusst noch habe sie dies angeordnet.

Bevor der 45-jährige al-Faqih, Mediziner und Mitglied einer angesehenen saudischen Familie, 1994 als Asylbewerber nach England kam, hatte er bereits drei Jahre lang als Oppositioneller in Saudi-Arabien agiert und dafür einen Monat im Gefängnis verbracht. Die Gruppe um Saad al-Faqih ist daher vorsichtiger geworden. Um den Sicherheitskräften möglichst wenig Zeit zur Vorbereitung zu geben, sollen Versammlungsorte und Beginn der Kundgebungen diesmal erst kurz vor der Veranstaltungen bekannt gegeben werden. Zudem hat al-Faqih wiederholt zu "friedlichen Demonstrationen" aufgerufen.

Bin Laden-Video: Kontakt zum Terrorpaten?
AFP

Bin Laden-Video: Kontakt zum Terrorpaten?

Angeblich lehnt Saad al-Faqih die Anwendung von Gewalt ab. Doch eine Distanzierung von militant-islamistischen Gruppen wie al-Qaida hat man von ihm noch nicht gehört. Während die Mitglieder von MIRA in englischsprachigen Verlautbarungen Menschenrechte einforderten und sich als deren Verteidiger darstellten, zeigten ihre auf Arabisch verfassten Veröffentlichungen, dass sie Islamisten seien, die einen auf der Scharia basierenden Gottesstaat errichten wollen, schreibt der Islamwissenschaftler und Saudi-Arabien-Experte Guido Steinberg.

Fest steht, dass al-Faqih Kontakte zu al-Qaida hatte. Das "Wall Street Journal" berichtete, dass ein Freund von al-Faqih, Chalid Fawwaz, in den neunziger Jahren als Osama Bin Ladens Sprecher in London gewesen sei. Nach Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im Jahr 1998 sei Fawwaz verhaftet worden. In den folgenden Untersuchungen, so das Blatt weiter, habe sich herausgestellt, dass mit al-Faqihs Kreditkarte ein Satellitentelefon bezahlt worden war, dass Fawwaz später an Bin Laden weitergegeben habe. Al-Faqih sagte dazu lediglich, es habe sich hier um ein Versehen gehandelt: ein Geschäftsmann, der sowohl mit ihm als auch mit Chalid Fawwaz Geschäfte mache, habe das Telefon versehentlich von seinem Kreditkartenkonto abgebucht - ein merkwürdiger Zufall.



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