Umstrittenes Urteil in Saudi-Arabien Der Gleichmacher soll sterben

Ein schiitischer Prediger brüskiert das saudische Königshaus, spricht gar von Wahlen in der absoluten Monarchie. Für diesen Affront soll er durch das Schwert sterben. Das Urteil provoziert wüste Drohungen aus Iran.

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Der Fall Nimr al-Nimr hat in Saudi-Arabien und im gesamten Nahen Osten für Aufregung gesorgt. Eigentlich hatte der Staatsanwalt die "Kreuzigung" des schiitischen Predigers verlangt. Bei dieser besonders entwürdigenden Art der Todesstrafe wird der Delinquent geköpft und sein enthaupteter Körper öffentlich am Kreuz zur Schau gestellt. Am Ende entschieden die Richter am sogenannten Specialized Criminal Court in Riad anders: Der Anführer einer schiitischen Protestbewegung im Osten des mehrheitlich von Sunniten bevölkerten Landes soll durch das Schwert sterben.

Die Regierung wirft Nimr vor, die Schiiten gegen das Königshaus aufzuwiegeln und "ausländische Einmischung" in die inneren Angelegenheiten des Landes zu provozieren. Scheich Nimr sei außerdem "ungehorsam" gegenüber den Machthabern.

Nimr gilt als populärster Anführer unter den jungen Schiiten in Saudi-Arabien, deren Glaubensgemeinschaft vor allem im ölreichen Osten lebt. Die Schiiten machen zehn bis 15 Prozent der saudi-arabischen Bevölkerung aus, die übrigen Muslime sind Sunniten. In Nimrs Heimatstadt Katif gingen nach seiner Verurteilung Hunderte Menschen auf die Straße und hielten demonstrativ sein Foto in den Händen. Dabei sind Demonstrationen im Königreich verboten.

Der in Teheran ausgebildete Geistliche im Rang eines Ajatollahs ist für die Monarchie in Riad zur Gefahr geworden, seit er zu Beginn des Arabischen Frühlings 2011 Proteste gegen die Regierung in Riad anführte. Nimr prangerte die Benachteiligung der Schiiten im wahhabitischen Königreich an und forderte volle Bürgerrechte für die Mitglieder seiner Konfession.

Die schärfsten Töne kommen aus Teheran

Tatsächlich trauen die Regierenden in Riad den Schiiten nicht. Bestimmte Ämter im Staat bleiben ihnen versagt, in der Politik wie bei den Sicherheitskräften. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen, bei denen Schiiten verhaftet werden - auch Kinder. Sie verschwinden dann für unbestimmte Zeit im Gefängnis.

"Wenn unsere Würde nicht wieder hergestellt wird, rufe ich zur Abspaltung (der Ostprovinz, Anm. d. Red.) auf. Unsere Würde ist wichtiger als die Einheit des Landes", warnte Nimr die Herrscher im Februar 2009. Zudem trat er für die "Idee von Wahlen" ein. Ein Affront: Der Erhalt der Monarchie und die Einigkeit des Landes haben oberste Priorität für die Saud-Dynastie. Sie fürchtet, auch ihr Regime könnte von der Aufstandswelle im Nahen Osten erfasst werden.

Die Angst ist nicht ganz unbegründet. Die saudi-arabischen Schiiten werden aus dem Nachbarland Bahrain unterstützt, in dem ein autoritäres, sunnitisches Minderheitenregime über eine schiitische Mehrheit herrscht.

Die schärfsten Töne aber kommen aus Teheran. "Wenn Nimr hingerichtet wird, machen wir den Sauds das Leben zur Hölle," erklärte der General der revolutionären iranischen Freiwilligenarmee, Muhammad Reza Naqdi.

Riad will die totale Eskalation vermeiden

Der Fall um den Geistlichen Nimr zeigt, wie schlecht es um die Beziehungen der zwei wichtigsten Regionalmächte im Nahen Osten steht. Der Konflikt in Syrien gilt zu Recht als Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und Iran. Dort kämpfen Mitglieder der von Iran finanzierten libanesischen Hisbollah-Miliz an der Seite von Staatschef Baschar al-Assad gegen die Rebellen.

Iran leistet in Syrien militärische Ausbildung, gewährt nachrichtendienstliche Zusammenarbeit sowie die Lieferung von Öl, Treibstoff und Finanzmitteln. Ohne die Unterstützung Teherans hätte das Assad-Regime keine Chance gehabt, sich so lange an der Macht zu halten. Dagegen wünscht die saudische Führung den Sturz Assads. Sie finanziert die Freie Syrische Armee, aber auch salafistische Gruppen mit anti-schiitischer und al-Qaida nahestehender Ausrichtung.

"Die Qaida-Elemente haben sich verselbständigt", sagt der Iran-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Walter Posch. "Früher haben die Iraner und die Saudis den schiitisch-sunnitischen Gegensatz je nach Bedarf hochgespielt und wieder heruntergefahren. Das ist jetzt außer Kontrolle."

Iran zu Gesprächen bereit

Die Katastrophe in Syrien bedroht langfristig aber auch die Stabilität in Saudi-Arabien und Iran. Die Zuständigkeit für das Syrien-Dossier liegt inzwischen beim saudischen Innenminister. Dieser sieht in radikalislamistischen Gruppen in Syrien keine Verbündeten, sondern eine Gefahr für das Königreich selbst.

Iran hatte zuletzt zumindest Gesprächsbereitschaft signalisiert: "Wir hängen nicht an der Person Assad, sondern an stabilen Verhältnissen", heißt es im Außenministerium. Übersetzt bedeutet das, es gibt in Damaskus keine Lösung ohne Teheran. Das Land will so seinen Einfluss in der Region sichern.

Im Fall des zum Tode verurteilten Geistlichen Nimr al-Nimr will Riad offenbar die totale Eskalation vermeiden. König Abdullah Abd al-Asis Al Saud hat das Todesurteil gegen den geistlichen Rebellen erstmal "ausgesetzt".



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