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Verfahren vor Sondertribunal: Frauen am Steuer gelten in Saudi-Arabien als Terroristinnen

Loujain Hathloul: Die Frauenrechtlerin filmte sich bei der Fahrt an die saudi-arabische Grenze Zur Großansicht
AP/ Loujain al-Hathloul

Loujain Hathloul: Die Frauenrechtlerin filmte sich bei der Fahrt an die saudi-arabische Grenze

In Saudi-Arabien stehen zwei Frauen vor Gericht, die gegen das Fahrverbot protestiert und sich ans Steuer eines Autos gesetzt haben. Nun werden sie an das Sondertribunal für Terrorismus überwiesen, berichten saudi-arabische Aktivisten.

Riad/Berlin - Loujain Hathloul ist eine 25-jährige Saudi-Araberin, die sich so leicht nicht einschüchtern lässt. In ihrer Heimat dürfen Frauen nicht Autofahren. Also machte sie ihren Führerschein im Nachbarland, den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE) und kaufte dort ein Auto.

Am 30. November wollte sie ein Zeichen setzen: Sie fuhr von Abu Dhabi aus über 300 Kilometer zur Grenze Saudi-Arabiens. In einem Video von unterwegs mit englischen Untertiteln erklärte sie: "Es ist ein Versuch, die Kampagne für die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen fortzusetzen." Seit einigen Jahren setzen sich saudi-arabische Aktivisten dafür ein.

Der saudi-arabische Grenzposten schaute sie mit großen Augen an. Loujain Hathloul erklärte frech: "Auf meinem Führerschein steht, er ist in allen Mitgliedsländern des Golf-Kooperationsrats gültig - also auch in Saudi-Arabien."

Hathloul wurde 24 Stunden auf der saudi-arabischen Seite der Grenze festgehalten. Sie informierte ihre über 200.000 Follower auf Twitter darüber. Eine Freundin, Maysaa Al Amoudi, ebenfalls Frauenrechtsaktivistin, kam am 1. Dezember vorbei, um ihr Wasser, Essen und eine Decke zu bringen. Beide Frauen wurden verhaftet und sind seitdem im Gefängnis ohne Kontakt zur Außenwelt.

Die beiden müssen vor das Sondertribunal für Terrorismus

Nun müssen sich Hathloul und Amoudi in Saudi-Arabien vor Gericht verantworten. Doch nicht nur das: Die beiden Frauen werden nun an ein Sondertribunal für Terrorismus überwiesen, berichteten saudi-arabische Aktivisten und Freunde der Angeklagten am Donnerstag. Gegen die Entscheidung soll nun Widerspruch eingelegt werden.

Saudi-Arabiens Sondertribunal, das für die Frauenrechtsaktivistinnen nun zuständig sein soll, wurde 2008 ins Leben gerufen, um Terrorprozesse durchzuführen und die Tausenden Terrorverdächtigen in den Gefängnissen schnell zu verurteilen.

Doch Menschenrechtler kritisieren: Das Sondertribunal wird zunehmend dazu benutzt, um friedliche Dissidenten und Menschenrechtsaktivisten zu verurteilen.

Die Verhandlungen werden nicht öffentlich abgehalten, weil es vermeintlich um die nationale Sicherheit geht. Die Angeklagten dürfen häufig nicht mit ihren Anwälten sprechen. Oft wissen sie nicht einmal, was man ihnen vorwirft.

Saudi-Arabien fürchtet die Internetkampagnen der Frauen

Nach Berichten saudi-arabischer Aktivisten soll der Prozess gegen die beiden Frauen sich auf ihren Onlineaktivismus konzentrieren - nicht auf das Autofahren an sich. Amoudi hatte auf YouTube eine Sendung moderiert, in der das Fahrverbot für Frauen diskutiert wurde.

Offenbar fürchten die saudi-arabischen Behörden, das Beispiel könnte Schule machen. Erst vor kurzem tobte ein Twitter-Aufstand gegen die Moralpolizei. Saudi-Arabien gilt als Twitter-verrückt. In keinem Land der Welt sind pro Kopf mehr Menschen in dem sozialen Netzwerk aktiv. Es ist in der absoluten Monarchie eine Art Ersatzparlament.

Bei der letzten großen Internetkampagne gegen das Fahrverbot im Oktober 2013 hatten Dutzende Saudi-Araberinnen Bilder von sich am Steuer veröffentlicht. Das Innenministerium sagte damals, es werde gegen jeden, der den "gesellschaftlichen Zusammenhalt" untergrabe, "strikte Maßnahmen" anwenden.

ras/AFP

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