Machtkampf in der arabischen Welt Saudische Daumenschraube

Saudi-Arabien hat Autokraten und Warlords versammelt, um den reichen Zwergstaat Katar zu isolieren. Welche Interessen haben die Bündnispartner? Der Überblick.

Saudischer König Salman (l.), Emir von Katar Scheich Tamim Bin Hamad al-Thani
AFP/ Saudi Royal Palace

Saudischer König Salman (l.), Emir von Katar Scheich Tamim Bin Hamad al-Thani

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Das Emirat Katar, ein Zwergstaat von zwei Million Einwohnern, ist in den vergangenen Jahren zu einem Schwergewicht in der Golfregion und zum reichsten Land der Welt herangewachsen. Das Rezept der Herrscherfamilie Al-Thani: Technologie-Import und außenpolitischer Pragmatismus - statt religiöser Dogmen.

Dieser Kurs hat Katar zwar viel Respekt, aber wenig Freunde eingebracht. Besonders, dass der Emir gute Kontakte zum Schiiten-Staat Iran unterhält, kommt bei den sunnitischen Nachbarn nicht gut an.

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Katar: Zwergstaat, ganz groß

Jetzt haben mehrere Anrainerstaaten alle Kontakte nach Doha eingefroren. Treibende Kraft dahinter ist Saudi-Arabien, der wichtigste Gegenspielers Irans in der Region. Geschickt hat König Salman eine ihm ergebene Allianz aus Autokraten und Warlords geschmiedet und den Führungsanspruch seines Landes erneut unterstrichen. Die Interessen und Abhängigkeiten der Allianz und weiterer Länder im Überblick:

  • Abdel Fattah el-Sisi regiert Ägypten mit eiserner Hand - und mit Finanzspritzen aus Riad. Die Regierung in Kairo hat sich aber nicht nur aus diesem Grund der Anti-Katar-Allianz angeschlossen. Zudem verfolgt der General die von Katar unterstützte Muslimbruderschaft gnadenlos. Auch Saudi-Arabien betrachtet die Organisation als Bedrohung.
  • Seit März 2015 kämpft im Jemen eine sunnitische Militärallianz unter Führung Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate und auch Katars gegen die von Iran unterstützte schiitische Huthi-Miliz. Die hatte im September 2014 Sanaa erobert und den von Saudi-Arabien unterstützten Präsidenten Hadi aus der Hauptstadt vertrieben. Dieser lobt nun laut die Politik der saudischen Schutzmacht - die Katar aus der Militärallianz ausgeschlossen hat.
  • Ebenso von Riad abhängig wie Jemens Präsident Hadi ist das Herrscherhaus in Bahrain. Die sunnitische Familie regiert über eine Bevölkerung, die mehrheitlich schiitischen Glaubens ist. Nicht wenige iranische Politiker betrachten das nahe Bahrain als "verlorene Provinz". Als sich im Zuge des Arabischen Frühlings Zehntausende in dem winzigen Staat gegen den Clan erhoben, schlugen die Soldaten Saudi-Arabiens den Aufstand blutig nieder. Nun revanchiert sich Bahrain und hilft bei der saudischen Daumenschraube - ebenso wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die das außenpolitische Powerplay des wesentlich kleineren Katars seit Jahren kritisch sehen.
  • Mit der Türkei pflegt wiederum Katar gute Beziehungen. Die hat sich am Montag in den Streit am Golf eingeschaltet und beide Seiten zur Mäßigung aufgefordert. Die Regierung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat ein vitales Interesse an einem raschen Ende der Isolierung des Emirats. Der Grund: Die Türkei unterhält seit vergangenem Jahr einen Militärstützpunkt in Katar - und unterstützt wie das Herrscherhaus in Doha die Muslimbruderschaft sowie deren Ableger.
  • Die Hamas ist ein Ableger der Muslimbruderschaft. Sie herrscht in einem Teil Palästinas, dem Gazastreifen. Das Politbüro der radikal-islamischen Gruppe residiert bislang aber im Exil - in Katar. Um den Druck zu schmälern, soll die Herrscherfamilie von Katar nun einige Hamas-Führungsfiguren gebeten haben, das Land zu verlassen. Fast zeitglich vermeldete die Nachrichtenagentur AP, dass eine Hamas-Delegation am Wochenende nach Ägypten gereist ist. Sie sucht nun offenbar eine Annäherung an die von Riad gestützte Regierung in Kairo.

Der regionale Machtkampf und die daraus erwachsenden Veränderungen hängen auch unmittelbar mit dem Besuch von US-Präsident Donald Trump in Saudi-Arabien im vergangenen Monat zusammen. Er hatte die muslimischen Welt in seiner Rede dazu aufgerufen, islamistischen Terror zu bekämpfen - und dafür ausgerechnet den saudischen König Salman zum Partner erkoren.

Derart gestärkt hat sich Riad nun daran gemacht, das kleine Katar in die Enge zu treiben - und am Pfingstwochenende einen Punktsieg über Teheran erzielt.

Was die USA, die in Doha eine wichtige Militärbasis haben, nun von diesem Vorgehen gegen Katar halten, ist unklar. Am Montag hatte US-Außenminister Tillerson noch erklärt, die arabischen Golfstaaten sollten sich an einen Tisch setzen "und die Differenzen ansprechen." Präsident Trump hat hingegen am Dienstag in drei Tweets verkündet, er unterstütze das Vorgehen Saudi-Arabiens.

insgesamt 56 Beiträge
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Binschonklug 06.06.2017
1. Die Kuh Katar ist zu fett
und wirtschaftlich zu mächtig geworden und wird nun tüchtig abgemolken. Gleichsam kann man damit europäische (speziell deutsche) Firmen schwächen. Da sich VW im Abgasskandal und die Deutsche Bank auf den Finanzmärkten trotz aller Strafen behaupten konnten, wird nun der finanzielle Rückhalt geschwächt. Die Idee zum Konflikt könnte glatt von Soros stammen.
darthmax 06.06.2017
2. Quatar
was fällt einem dazu ein: sicherlich die Sklavenarbeiter auf dem Bau, Fussballprofis , die nicht betrogen wurden , Sponsor der Hamas, Sponsor der Muslimbrüder. Absolutes Herrscherhaus. Bomben gern im Jemen. Auf der Positivseite, vernünftige Geldanlage, wenn Öl und Gas erschöpft sind, nur wer profitiert von den Anlagen , ein Pensionsfond wie in Norwegen, darf wohl bezweifelt werden. Der englischsprachige Al Jazirah ist zumindest von den US Medienkonzernen unabhängig.
rkinfo 06.06.2017
3. Katar UND Türkei werden die Muslimbrüder los lassen müssen
Ohne einen harten Schritt gegen zumindest die Muslimbrüder wird es beiden 'Schurkenstaaten' an den arabischen Kragen gehen. Zudem wird langsam die Ära nach der militärischen IS-Zerschlagung ein Thema für die Region. Denke, dass alle Geheimdienste der Welt nun Verbindungen zu Islamisten auswerten und den beteiligten Staaten vorhalten werden. Manches wird dann 'zufällig' auch den Weg in die Medien finden ;-)
recepcik 06.06.2017
4. Solange die Schirmherren des islamistischen Terrors
Aufeinander losgehen ist es nicht schlimm. Würde gerne auch die Türkei in dieser Schlammschlacht sehen. Wenn diese Staaten gegeneinander aussagen, könnte man sogar den einen oder anderen ihrer Anführer, z. B. Erdogan vor das Kriegsverbrechen Tribunal in Den Haag zerren.
baba01 06.06.2017
5. Ha, ha, ha,
die Unterstützer von Mördern belegen einen Bann auf die Unterstützer von Mördern... und Trumpel will vermitteln.. passt doch
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