Saudi-Arabiens Israel-Vorstoß Der nächste Schachzug des Kronprinzen

Mohammed bin Salman ist der Shootingstar im Nahen Osten: Saudi-Arabiens Kronprinz ist brutal - gibt sich aber liberal. Nun hat er Israelis das Recht auf ein eigenes Land zugesprochen. Was steckt dahinter?

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Hollywood rollt den roten Teppich aus - für Mohammed bin Salman, Saudi-Arabiens Kronprinz. Der 32-Jährige wird diese Woche im Rahmen seiner rund zweiwöchigen USA-Reise halt in der Traumfabrik machen. Er will sich dort unter anderem mit Bob Iger treffen, CEO von Walt Disney.

Noch gibt es in der wahhabitischen Monarchie kein richtiges Kino. 35 Jahre lang galt ein Verbot für kommerzielle Filmvorführungen. Der künftige König krempelt das Land aber in Rekordzeit um, will die konservative Gesellschaft per Dekret liberalisieren, unter anderem Frauen das Autofahren erlauben und auch die Kleiderordnung lockern.

Im Westen werden die Reformversuche von MBS, wie Mohammed bin Salman genannt wird, wohlwollend zur Kenntnis genommen. Er weiß, was er sagen und tun muss, damit er und sein sagenhaft reiches Land im rechten Licht stehen.

Nun hat MBS in einem Interview mit dem US-Magazin "The Atlantic" erklärt: "Ich glaube, dass die Palästinenser und die Israelis ein Recht auf ihr eigenes Land haben." Gleichzeitig plädierte er für ein Friedensabkommen, um Stabilität für alle Seiten sicherzustellen und normale Beziehungen zu unterhalten.

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Mohammed bin Salman: Rundreise durch die USA

Es ist das erste Mal, dass ein arabischer Herrscher unmissverständlich das Recht der Israelis auf ein eigenes Land klarstellt. Noch dazu der starke Mann von Riad, dessen Land bis heute keine diplomatischen Beziehungen zu Israel unterhält und der künftig Hüter der heiligen muslimischen Stätten in Mekka und Medina sein wird. Ist er nun also der Traumprinz? So einfach ist es nicht.

MBS - ein Ego-Shooter?

Mohammed bin Salman hat sich in den vergangenen Jahren in Stellung gebracht und dabei gnadenlos Rivalen aus dem Weg geräumt. Das US-Magazin "New Yorker" berichtet in seiner jüngsten Ausgabe, MBS spiele in seiner Freizeit gerne das Computerspiel "Call of Duty", ein Ego-Shooter, bei dem der Spieler in die Rolle eines Soldaten schlüpft und in einem Kriegsszenario seine Gegner töten muss.

Die Weltsicht des Kronprinzen ähnelt dieser fiktiven durchaus. "Wir leben in einer Gegend, die nicht von Mexiko, Kanada, dem Atlantik und dem Pazifik umgeben ist", sagte er dem "Atlantic" mit Blick auf die geografische Lage der USA. Stattdessen porträtierte er sein Land - nicht zu Unrecht - als von Feinden umzingelt:

  • von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) und al-Qaida,
  • der radikalislamischen Palästinenserorganisation Hamas und der schiitischen Hisbollah im Libanon, die von Iran unterstützt werden, Saudi-Arabiens Erzfeind.
  • Die Regierung in Teheran um Revolutionsführer Ajatollah Ali Khamenei, den MBS immer wieder als "neuen Hitler" bezeichnet, unterstützt zudem die Huthi-Miliz im Bürgerkriegsland Jemen, die Saudi-Arabien bekämpft.
  • Und dann sind da noch die Türkei und Katar. Beide Länder unterhalten Beziehungen zu Iran und unterstützen zum Ärger Saudi-Arabiens auch die ägyptische Muslimbruderschaft. Iran, die Türkei und Katar bilden für MBS ein "Dreieck des Bösen".

Bei so vielen Gegnern braucht Mohammed bin Salman Verbündete. In der arabischen Welt sind das vor allem die mächtigen Vereinigten Arabischen Emirate. Daneben aber auch Ägypten und die übrigen Länder des Golf-Kooperationsrates, darunter unter anderem das Sultanat Oman und die Königreiche Bahrain sowie Jordanien.

Palästina-Frage für MBS zweitrangig

Im gegenwärtigen Schattenkrieg, der sich über den gesamten Nahen Osten erstreckt und nicht allein ein Konfessionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten ist, setzt Saudi-Arabien aber auch mehr und mehr auf die Zusammenarbeit mit Israel. Die beiden Länder eint der gemeinsame Feind: Iran.

Unterstützt wird dieses neue Bündnis zudem von der US-Regierung um Donald Trump. Der hat mit seinem Außenminister Mike Pompeo und dem Nationalen Sicherheitsberater John Bolton zwei ausgewiesene Israel-Freunde und Iran-Gegner an seine Seite geholt. Die Idee Barack Obamas, eine Art "Kalten Frieden" zwischen Iran und Saudi-Arabien zu schaffen, ist längst Geschichte. Mohammed bin Salman dürfte das freuen.

Seine jüngsten Äußerungen zu Israel sind vor diesem Hintergrund weniger ein radikaler Kurswechsel, sondern vielmehr ein pragmatischer Schachzug. MBS ist Realpolitiker. Ihm geht es um den Machterhalt des Hauses Saud und die Eindämmung Irans - das sind die beiden bestimmenden Faktoren für seine Politik.

Der ewige und gegenwärtig wieder aufflammende Nahostkonflikt zwischen Israelis und Palästinenser spielt für ihn eine untergeordnete Rolle. Im Interview mit dem "Atlantic" hat er wenig gesagt, und das, was er dazu gesagt hat, war so vage, dass es vorerst keine Konsequenzen haben wird. Dafür bekommt er viel Aufmerksamkeit. Mohammed bin Salman und seine Berater können PR.

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