Saudi-Arabiens Offensive im Jemen Sturm auf den Hafen der Huthis

Der Westen verlangt eine Waffenruhe für den Jemen - doch Saudi-Arabien forciert die Angriffe auf die Hafenstadt Hudaida. Die Eskalation ist auch Folge der Affäre um den ermordeten Journalisten Khashoggi.

Huthi-Rebellen in Hudaida
REUTERS

Huthi-Rebellen in Hudaida

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Für einen kurzen Moment gab es Hoffnung auf ein rasches Ende des Jemenkriegs. Ende Oktober forderten die USA als wichtigster Verbündeter der Kriegsparteien Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate (VAE), dass noch im November Verhandlungen unter Schirmherrschaft des Uno-Sondergesandten Martin Griffiths beginnen müssten.

"Jetzt ist die Zeit für ein Ende der Kämpfe", sagte US-Außenminister Mike Pompeo. Er rief die Militärkoalition unter Führung Riads zudem auf, ihre Luftangriffe in allen bevölkerten Gebieten des Jemen zu beenden. Bundesaußenminister Heiko Maas schloss sich dem Aufruf an.

Zwei Wochen später kann von einem Ende der Angriffe keine Rede sein.

Makkia Ahmad-Mahdi

Im Gegenteil: In der vergangenen Woche starteten Milizen, die von Saudi-Arabien und den VAE unterstützt werden, eine Bodenoffensive auf Hudaida. In der Stadt am Roten Meer befindet sich der wichtigste Hafen des Landes, über den 80 Prozent der Hilfslieferungen in den Jemen gelangen. Der Hafen ist zudem eine der wichtigsten Einnahmequellen der Huthi-Rebellen, die den Nordwesten des Landes einschließlich der Hauptstadt Sanaa kontrollieren. Die Huthis erheben Zölle und Steuern auf die Waren, die über Hudaida importiert werden und nehmen damit mehrere Millionen US-Dollar pro Monat ein.

Ungefähre Frontverläufe im Jemen
SPIEGEL ONLINE

Ungefähre Frontverläufe im Jemen

Die von den Herrscherhäusern in Riad und Abu Dhabi unterstützten Anti-Huthi-Milizen waren Ende Mai bis auf wenige Kilometer auf Hudaida vorgerückt. Damals scheiterten sie mit einem ersten Versuch, die Stadt im Handstreich zu erobern. Trotzdem war den meisten Bewohnern Hudaidas klar, dass die Schlacht um ihre Heimatstadt nur eine Frage der Zeit sein würde. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind seit Juni rund 445.000 Zivilisten aus Hudaida und der umliegenden Provinz geflüchtet. Wie viele Menschen noch ausharren, kann niemand mit Bestimmtheit sagen.

Flüchtlinge aus Hudaida
AFP

Flüchtlinge aus Hudaida

Für Saudi-Arabien und seine Verbündeten war Pompeos Forderung nach Friedensgesprächen offenbar das Signal, loszuschlagen. Es sieht ganz so aus, als wolle die Militärkoalition Hudaida vor Ablauf der Frist erobern, um damit ihre Verhandlungsposition gegenüber den Huthis entscheidend zu verbessern. Offenbar drückt Saudi-Arabien jetzt auch aufs Tempo, weil Kronprinz Mohammed bin Salman, der die Jemen-Offensive im März 2015 begann, wegen der Tötung des Journalisten Jamal Khashoggi einen Rückgang der diplomatischen und militärischen Unterstützung durch die USA und Großbritannien fürchtet.

Ärzte schildern dramatische Szenen

Entsprechend rücksichtslos führen die Kriegsparteien ihren Kampf. Die Huthis haben Hunderttausende Landminen rund um Hudaida vergraben. Anfang November stürmten sie ein Krankenhaus am Stadtrand. Heckenschützen bezogen in dem Gebäude Position, Ärzte und Patienten, die dazu in der Lage waren, flüchteten. Am vergangenen Freitag eroberten Anti-Huthi-Kämpfer das Krankenhaus.

Von Saudi-Arabien unterstützte Kämpfer auf dem Weg nach Hudaida
STRINGER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Von Saudi-Arabien unterstützte Kämpfer auf dem Weg nach Hudaida

Ähnliche Szenen spielten sich laut Ärzten im "Krankenhaus der Revolution" in Hudaida ab. Am Montagvormittag flogen Apache-Helikopter und Kampfjets der saudi-arabischen Koalition Luftangriffe auf Ziele in unmittelbarer Umgebung des Hospitals. Die Patienten flüchteten in Panik. "Ich sah einen Mann, der wegrannte, so schnell er konnte. Er war immer noch an einen Urinkatheter angeschlossen", berichtete ein Krankenhausmitarbeiter Amnesty International. Das "Krankenhaus der Revolution" ist das einzige nicht-private Hospital in Hudaida. 1500 Patienten wurden hier täglich versorgt. Nun ist es nach Angaben von Ärzten wegen der Kämpfe kaum noch erreichbar.

"Es gibt keine Waffenruhe in Hudaida"

Die Huthis hatten die unmittelbare Umgebung des Krankenhauses zu "militärischen Gebieten" erklärt und Waffen und Kämpfer dorthin verlegt. Laut Augenzeugen sollen die Milizionäre unter anderem auf dem Universitätsgelände knapp 500 Meter vom Krankenhaus entfernt Position bezogen haben.

Seit Beginn der Schlacht um Hudaida sind Hunderte Menschen getötet worden, allein am Montag zählten Mediziner 150 Opfer. Ein Ende ist nicht absehbar: "Die Operation geht weiter", sagte Turki al-Malki, Sprecher der Militärkoalition in Riad. "Es gibt keine Waffenruhe in Hudaida."

Schon jetzt haben die Kämpfe ernste Folgen für die geplanten Verhandlungen unter Schirmherrschaft der Uno. Der britische Sondergesandte Griffiths sagt nun, er strebe eine neue Gesprächsrunde "vor Ende dieses Jahres an".

Von Verhandlungen im November ist schon gar keine Rede mehr.



insgesamt 16 Beiträge
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biesi61 13.11.2018
1. Ein Anruf von Trump in Riad würde genügen
und das Gemetzel hätte ein Ende! Die Unterstützung der USA für das saudische Steinzeit-Regime ist eine unverzeihliche Dummheit. Leider sind auch weder aus Brüssel noch aus Berlin klare Stellungnahmen zu hören.
PeterCollignon 13.11.2018
2. Saudi Arabien ist Teil der Wertegemeinschaft.
Die Waffenlieferungen an Saudi Arabien werden erhöht werden. Für Länder außerhalb der Wertegemeinschaft gibt es Sanktionen.
cyberpommez 13.11.2018
3. Was soll man da sagen?
Es ist einfach schrecklich was im Jemen passiert. SA hat so viel Artillerie Munition im Jemen verschossen, das sie ihnen aus ging. Natürlich hat D umgehend nachgeliefert, wie man vor einiger Zeit im Spiegel lesen konnte. SA könnte diesen Krieg überhaupt nicht führen, wenn es nicht permanent vom Westen aufgerüstet würde. Logische Konsequenz: Wir tragen eine riesige Mitschuld an diesen Geschehnissen und müssen unsere Haltung zu SA mal überdenken, aber so lange SA Öl hat, sehe ich da schwarz.. Geld>Öl>Moral
macarthur996 13.11.2018
4. Jemen
nach Dutere, Bolsonaro, Kim Yan Un gehört nun auch Mohamed Bin Salman zur Freundesclique, die the greatest, most genious, President that the United States ever had.
macromicro 13.11.2018
5. Dieses Leid,
was die Bewohner im Jemen ertragen müssen ist als nicht mehr erträglich anzusehen. Wieso hilft hier keiner außer den NGO, Ärzte ohne Grenzen, UNICEF? Das hierzulande Gerede über Menschlichkeit und christlich passt wie immer beim wegschauen des Elends Anderer nicht nur für die Betroffenen im Ausland sondern auch im Inland. Große reden schwingen, keine Taten folgen lassen, ist nur noch ein menschenverachtendes Verhalten. Haben die Waffenschmieden weltweit nicht genug Geld mit dem Geld Anderer verdient? Ich betrachte dass, was im Jemen abläuft, als Genozid.
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