Saudi-Arabiens Atomprogramm Der Prinz und die Bombe

"Einem Land, dem man keine Knochensäge anvertrauen kann, sollte man keine Atomwaffen anvertrauen": US-Politiker warnen nach dem Khashoggi-Mord vor dem Verkauf von Atomtechnik an Saudi-Arabien.

Mohammed bin Salman
AFP/ Saudi Royal Palace

Mohammed bin Salman

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Mohammed bin Salman hatte Anfang der Woche kein Glück. Im Anschluss an das G20-Treffen in Buenos Aires wollte der saudische Kronprinz eigentlich Abdelaziz Bouteflika treffen, den 81-jährigen Präsidenten Algeriens.

Der seit Jahren gesundheitlich angeschlagene Langzeitherrscher konnte den jungen Kronprinzen aber nicht empfangen. Offizieller Grund: eine Grippe. Stattdessen musste MbS mit dem algerischen Ministerpräsidenten reden.

Gesprächsbedarf gibt es genug zwischen den beiden ölreichen Opec-Staaten. Anfang November stieg Saudi-Arabiens Ölförderung auf ein Rekordniveau von 10,9 Millionen Barrel (je 159 Liter) pro Tag. Seit 2014 sinken die Ölpreise - zum Ärger Algeriens, dessen Volkswirtschaft die Dumpingpreise kaum verkraftet.

Saudi-Arabien plant 16 Atomkraftwerke für zivile Zwecke

Da auch der Reichtum der wahhabitischen Monarchie Saudi-Arabien auf dem endlichen Rohstoff beruht, hat Mohammed bin Salman einen radikalen Plan ins Leben gerufen, mit dem das Land wirtschaftlich und gesellschaftlich modernisiert werden soll: Vision 2030.

Dazu zählt neben einer Digitalstrategie, der Stärkung von Frauenrechten und der Wirtschaftsonderzone "Neom" am Roten Meer unter anderem ein ziviles Nuklearprogramm.

Anfang November legte MbS nach Angaben der staatlichen saudi-arabischen Nachrichtenagentur den Grundstein für den ersten Atomreaktor im "Forschungs- und Technologiezentrum King Abdulaziz City". In den nächsten 25 Jahren will Saudi-Arabien insgesamt 16 hochmoderne Atomkraftwerke bauen.

MbS bei seinem Besuch im Forschungs- und Technologiezentrum
DPA

MbS bei seinem Besuch im Forschungs- und Technologiezentrum

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Will MbS auch eine Atombombe? Er selbst beantwortete die Frage bereits im März dieses Jahres. "Saudi-Arabien will keine Atombombe besitzen. Aber kein Zweifel, wenn Iran eine Atombombe baut, werden wir so schnell wie möglich nachziehen", sagte Prinz Mohammed in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CBS.

Der Kampf um die Vorherrschaft im Nahen Osten zwischen der sunnitischen Großmacht Saudi-Arabien und der Schiiten-Republik Iran spielt bei der Riads Atomkurs folglich eine Rolle.

"Wenn er vor einer Jury wäre, würde er in 30 Minuten schuldig gesprochen"

Hinzu kommt: Saudi-Arabien ist bei seinem ambitionierten Programm auf technologische Unterstützung aus dem Ausland angewiesen. Vor allem die Vereinigten Staaten kommen zunächst dafür infrage. Die wichtigsten Entscheidungsträger der US-Administration stehen klar an der Seite Saudi-Arabiens: Präsident Donald Trump, Außenminister Mike Pompeo und der Nationale Sicherheitsberater John Bolton.

Wohin führt MbS Saudi-Arabien?
AFP

Wohin führt MbS Saudi-Arabien?

Sie sind entschiedene Gegner des Regimes in Teheran und haben dafür gesorgt, dass die USA aus dem internationalen Atomabkommen mit Iran aussteigen, weitere Sanktionen in Kraft treten - und Saudi-Arabien Raketen für viele Milliarden Dollar kaufen darf.

Seit MbS jedoch im Verdacht steht, in die bestialische Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi Anfang Oktober verwickelt gewesen zu sein, hat er ein massives Glaubwürdigkeitsproblem.

Am Dienstag unterrichtete CIA-Chefin Gina Haspel führende US-Politiker über ihre Erkenntnisse - hinter verschlossenen Türen. Der Republikaner Bob Corker sagte anschließend: "Wenn er vor einer Jury wäre, würde er innerhalb von 30 Minuten schuldig gesprochen."

Im Video: "Er ist verrückt, er ist gefährlich"

Und der Demokrat Brad Sherman sagte in Anspielung auf die mutmaßliche Zerstückelung des Leichnams von Khashoggi: "Einem Land, dem man keine Knochensäge anvertrauen kann, sollte man keine Atomwaffen anvertrauen."

Saudi-Arabien will offenbar eigenen Nuklearbrennstoff produzieren

Der 33-jährige Kronprinz führte nach Informationen der "New York Times" Verhandlungen mit dem US-Energieministerium über den Kauf von Atomkraftwerken. Nach Angaben der Zeitungen besteht Saudi-Arabien unter anderem darauf, eigenen Nuklearbrennstoff zu produzieren - obwohl der Kauf im Ausland billiger sei. Diese Forderung lasse in Washington die Befürchtung wachsen, dass Riad heimlich den Bau einer Atombombe anstrebt.

Für Trump zählen vor allem die strategische Partnerschaft mit Saudi-Arabien und die Jobs der heimischen Wähler. Der US-Konzern Westinghouse könnte den Deal stemmen. Klar ist aber auch: Der Kongress könnte ein Abkommen blocken - allerdings bräuchte es dafür eine Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus. Die neuen Machtverhältnisse nach den Midterm-Wahlen und die empörten Reaktionen von Demokraten und Republikanern auf die Khashoggi-Affäre machen ein solches Votum gegenwärtig zumindest wahrscheinlicher.

Nach Angaben der "New York Times" verweisen mit dem Sachverhalt vertraute Personen darauf, dass Saudi-Arabien bei einem US-Veto weltweit nach anderen Partnern suchen könnte, etwa in China oder Russland. Auch der machthungrige MbS weiß das.

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